Ich hatte keinen Versuch ausgelassen, um von irgendwoher einen Batzen oder zumindest ein Fünkchen Mitleid dafür einzuheimsen, dass ich mit Schulterschmerzen nichtfeiernd und schwermütig dem Kölner Karnevalstreiben zusehen muss, ich berichtete.

Das mit dem Mitleid hat nicht geklappt. Alle haben mich damit zu trösten versucht, dass ja Karneval im nächsten Jahr wieder stattfinden würde; sogar echte Karnevalisten, die eigentlich wissen, dass das ganz sicher keinen Trost bedeutet. Aber ich will nicht unfair sein, das ist bei einer Erkältung genauso. Wenn man nicht betroffen und quietschfidel ist, kann man sich nicht vorstellen, wie nervig das ist, sich mit triefender Nase, heißer Stirn und Halsschmerzen durch den Tag zu quälen.

Doch als ich mich gerade in mein Schicksal fügen oder vielmehr in Selbstmitleid begeben wollte, kam endlich der rettende Anruf. Meine Freundin würde mich kurzerhand einsammeln und in ihr Dorf entführen. Dort würde immerhin ein wenig Karneval gefeiert, gerade so viel, dass man behaupten kann, mitgefeiert zu haben, aber nur so wenig, dass man sich schützen kann.

Schon zehn Minuten nach dem Anruf stand ich gestiefelt und gespornt in meinem Kostüm parat. Dann nahm alles seinen Lauf. Auf der Fahrt ein Bier zur Einstimmung. Bei den Eltern meiner Freundin Sekt und ein Riesenberg selbst gebackene Berliner. Dann noch eine gute Grundlage in Form von dicken Wurstbroten, damit der Alkohol nicht so schnell zuschlägt. Und ab in die Dorfkneipe. Die zunächst noch sehr leer und ruhig war, so dass wir uns die besten Plätze sichern konnten. Es schien ein gepflegter Abend zu werden. Eine Handvoll Leute in Kostümen, die sich mit Bier zu Stimmungsmusik wiegten und ab und zu Helau! riefen. Ja, so konnte ich mir ein behindertengerechtes Karneval vorstellen. Doch es kam anders.

Mit meinem feurigen Alaaf! verriet ich mich als echte Kölnerin. Jetzt war die Aufregung groß und ich ein Star. „Köln ist hier!“ Die Kastellauner waren stolz, dass jemand aus Köln in ihr Dorf kam, um hier Karneval zu feiern, wollten mir was bieten und zeigen, dass auch ein Dorf tüchtig und standesgemäß Karneval begehen kann. Nun wurden ruckzuck die CDs gewechselt, die Runden Bier überschlugen sich, jeder wollte seinen Beitrag zur Stimmung leisten.

Das Schunkeln kam in Fahrt, fand kein Halten und die Polonaise kein Ende mehr. Runde um Runde immer wieder um die Theke herum und schließlich auf die Bänke und Tische. Das setzte mich natürlich unter Zugzwang, denn wenn man eine ganze Stadt und Tradition gebührend vertreten muss, kann man nicht kneifen und sich wie eine Diva in die Ecke trollen. Als Star beziehungsweise Köln muss man sich seinem Schicksal tapfer ergeben und Opfer bringen.

Als erstes Opfer fiel der Vorsatz, wenig Alkohol zu trinken, da ich herzlich spendiertes Bier nicht auszuschlagen vermag. Und sowieso fiel der Schulterschutz dem Schulterschluss zwischen Köln und Kastellaun zum Opfer, da auch dies die herbe Zurückweisung der dörflichen Herzlichkeit bedeutet hätte. Schließlich ging es hier um Völkerverständigung. Aber von Alkohol und Herzlichkeit betäubt, konnte ich’s verschmerzen und leide nun heimlich daheim unter den Nachwehen. Wie andere Stars, vorzugsweise Profifußballer. Auf dem Platz die Helden, daheim auf dem Sofa das große Jammern. Aber eines habe ich gelernt: Unterschätze nie das Dorf und schon gar nicht die Dorfkneipe! Kastellaun kann´s!

Julia Siebert