Sie kam 1966 zur Welt, hatte den „lebensfremdschönen Namen“ „Freundschaft“ bekommen und „wurde uns, (den Russlanddeutschen) als zusätzliches „Trostpflästerchen“ verabfolgt“. (Johann Warkentin: Russlanddeutsche – Woher? Wohin?, 1992)

Nebst der „Arbeit“ (Barnaul, 1955, die jedoch eilends geschlossen wurde, weil die Parteiorgane Autonomiebestrebungen ahnten), dem „Neuen Leben“ (Moskau, 1957) und der „Roten Fahne“ (Slawgorod, Kulundasteppe) spielte auch die „Freundschaft“ im Leben des russlanddeutschen Volkes eine wertvolle Rolle. Für die in Kasachstan lebenden Deutschen war die Zeitung ein bedeutungsvolles und wichtiges Sprachrohr. Sie brachte aktuelle Nachrichten (nicht ohne sozialistische Parolen der damaligen Zeiten), sorgte für Unterhaltung des Lesepublikums und vermittelte Geschichte.

Die ersten Redakteure der Zeitung waren erfahrene Zeitungsmänner, die noch vor dem Krieg in der ASSR der Wolgadeutschen ihren Beruf ausübten, die Trudarmee überlebt hatten und nun mit fester Hand das Blatt führten. Unter ihnen Alexander Hasselbach, Rudolf Jacquemien, Reinhold Keil, David Wagner, Karl Welz. Die „Freundschaft“ informierte, managte, organisierte und verbreitete als einzige staatliche kulturelle Institution unserer Volksgruppe in Kasachstan, Wissen. Ein jahrzehntelang verschwiegenes Wissen über die russlanddeutsche Literatur und Kultur, über die ansehnlichsten Ereignisse im Leben des Volkes.

Vergangenheit

„Vorhang hoch!“, die erste größere Abhandlung über die Eröffnung des Deutschen Theaters in Temirtau bei Karaganda, brachte die „Freundschaft“ im Dezember 1980. Seit diesem schneereichen Wintermonat waren die Zeitung und das Theater unzertrennlich. Schon früher, während des Studiums der künftigen Schauspieler in Moskau, berichtete die „Freundschaft“ über den angehenden schauspielerischen Erfolg, brachte Reportagen über die noch ziemlich unbeholfenen Gastspiele der Schauspielstudenten. Doch die eigentliche Zusammenarbeit und wahre Freundschaft zwischen den Theater– und Zeitungsleuten begann 1980 und hörte seitdem nie auf.

Bei jeder Neuaufführung und jeder Veranstaltung des Theaters waren Redakteure aus der „Freundschaft“ mit dabei. Kein Weg und kein Wetter konnten ihr Kommen verhindern. Die Zeitung hatte damals ihren Sitz in der Neuland-Metropole Zelinograd, etwa 200 Kilometer von Temirtau entfernt, eine enorme Strecke für die damaligen Straßen Kasachstans. Doch Helmut Heidebrecht schaffte es stets zur bestimmten Zeit, im Theater zu sein. Seine echte Leidenschaft für das Deutsche Theater hat praktisch mit dessen Einweihungsfeier begonnen und hörte nicht mehr auf. Es war die Liebe auf den ersten Blick. Jahrelang berichtete er aus unserem Haus, und sein Urteil bedeutete uns sehr viel. Seine Abhandlungen waren scharfsinnig und ehrlich, einsichtsvoll und intelligent. Er war unser Theaterkritiker, Freund und Kollege. Wenn man heute alle seine Dokumentationen aus dem Leben des Deutschen Theaters als Buch herausgeben würde, käme man bestimmt auf mehrere hundert Seiten. Ich erlaube mir nur ein paar Auszüge daraus:

„…Auf diesen denkwürdigen Tag war die sowjetdeutsche Bevölkerung unserer Republik seit langem gespannt… Heute gilt es, die in Moskau erworbenen Kenntnisse und Schauspielfertigkeiten an den Mann zu bringen, sie einer ernsten Prüfung durch die Zuschauer zu unterziehen. Die Rampenlichter flammen auf, der Vorhang geht hoch…“ „Freundschaft“ vom 31. Dezember 1980. „…Die Inszenierung „Mann ist Mann“ ist gewiss eine neue Stufe zur beruflichen Meisterschaft der Truppe des Deutschen Theaters…“ „Freundschaft“, 2. Oktober 1986. „…Frage: Die Hauptlinie des Deutschen Theaters ist also das Schaffen für das sowjetdeutsche Volk? Antwort: Ja, wir wollen für unser Volk spielen und über es berichten, wir wollen in den Sowjetbürgern deutscher Nationalität Stolz auf die deutsche Kultur, auf unsere wechselvolle Geschichte fördern…“ – Zeilen aus dem Interview mit David Schwarzkopf, 20. November 1988.

In Karaganda lebte der Journalist Artur Hörmann, unser gerngesehener Gast und Kritiker, der auch häufig für die „Freundschaft“ schrieb. Meistens waren es lyrische, meisterhaft konzipierte Porträts. Es waren stets wunderbare Entdeckungen. Selbst für uns klangen so manche Details aus dem Leben und Schaffen unserer Kollegen neu, obwohl wir so gut einander kannten.

Im Prinzip waren es die gleichen Ziele, die das Theater und die Zeitung verfolgten: wir suchten unseren einzig richtigen Weg zum Zuschauer, die Zeitung suchte ihren Weg zum Leser. Und es waren in beiden Fällen dieselben Personen, nach denen gesucht wurde – Menschen, die die Zeitung im Original lesen konnten und das Theater in seiner vielfältigen Tätigkeit wahrnahmen, Menschen, denen die deutsche Sprache und Kultur viel bedeuteten und die sich als Deutsche fühlten.

Daher war es auch kein Zufall, als wir in den Zeiten der „Perestroijka“ unsere Bemühungen im Kampf um die Wiederherstellung der Wolgarepublik vereinten. Als die Zeitung und das Theater später nach Almaty verlegt wurden, hatten wir die beste Möglichkeit, uns öfter zu treffen und „Zukunftsträume“ zu hegen. Die „Freundschaft“ wurde in die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ umbenannt und ergründete nun die bis dahin tabuisierten Seiten unserer russlanddeutschen Existenz. Dank der neuen, maximalistisch gestimmten Leitung publizierte sie Erinnerungen von Trudarmisten, wahrheitsgetreue Abhandlungen über die leidvolle Aussiedlung, Tatsachen aus der Gegenwart.

Es war schön, an dem langen Tisch des Chefredakteurs Konstantin Ehrlich zu sitzen und über die Rolle der neugegründeten „Wiedergeburt“ zu diskutieren. Wenn im Theater nach einer Zuschauerkonferenz Unterschriften für die Wiederherstellung der Autonomie gesammelt wurden, erschienen die Zahlen der bereitwilligen „Autonomisten“ in der nächsten Ausgabe der Zeitung.

Für das Theater war die Zeitung das „Soll und Haben“, sie war unser Werbeblatt, Berichtserstatter und eine der damals wenigen Informationsquellen, aus der unser Zuschauer sein Wissen über das Schaffen des Deutschen Theaters schöpfen konnte. Zusammen mit der Redakteurin Valentine Teichrieb machten wir komplette Zeitungsseiten, die dem Zuschauer einen Blick hinter die Kulissen gewährten; Alexander Diete sowie die Ifa-Redakteure Hendrik Margull und Jörg Albinski schilderten ihre Eindrücke über die jüngsten Premieren des Theaters, seine Probleme und Entscheidungen. Die Zuschauer vermittelten dem DAZ-Leser ihre berauschenden Eindrücke, die das Theater in ihrem Leben hinterließ…

Gegenwart

All die Jahre spielte die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ die Rolle einer revolutionären Galionsfigur, die den Kurs unseres Theaters beobachtete, uns Unterstützung und Zuneigung spendete. Nicht zufällig, nicht episodenhaft, sondern gezielt, liebevoll und interessiert.
Auch heute hat die DAZ an Aktualität und Publizität nicht verloren. Zwar erscheint sie in einem anderen Format, aber inhaltlich ist sie dieselbe und fesselt die Aufmerksamkeit ihrer Leser durch interessante Berichte aus dem Leben der Deutschen in Kasachstan. Besonders freue ich mich auf die Beiträge aus dem Deutschen Theater Almaty, über die neuen Aufführungen und die gelungene Zusammenarbeit mit ausländischen Regisseuren, über den Erfolg und die Probleme der jungen Künstler, über die ersten Schritte der talentierten Chefregisseurin Natascha Dubs sowie darüber, dass das Theater jetzt unter der Obhut der „Wiedergeburt“ steht.

Die professionell und inhaltsreich gestalteten Seiten der Zeitung vermitteln Streiflichter von Geschichte und Gegenwart und bekräftigen die beträchtliche Rolle der deutschen Zeitung in Kasachstan. Einer Zeitung, die Welten zusammenbringt, deren Beiträge sich nicht allein auf Kasachstan, sondern auch auf den gesamten postsowjetischen Raum und darüber hinaus auf Deutschland beziehen. Dank vielen freiwilligen Journalisten aus dem In– und Ausland gewann die Zeitung an Buntheit, Lebhaftigkeit und Qualität.

Einer Qualität, die der Leser dem kleinen Team der Chefredakteurin Olessja Klimenko und den wechselnden ifa-Redakteuren zu verdanken hat. Olessja ist eine Frau mit Fingerspitzengefühl und Leidenschaft, der es, trotz politischer Stürme und wirtschaftlicher Unpässlichkeiten schon mehrere Jahre gelingt, das deutsche Blatt im Herzen Kasachstans aufrecht zu erhalten.

Zukunft

Seit einem halben Jahrhundert begleitet die deutsche Zeitung in Kasachstan das Auf und Ab unserer Geschichte, stets wirklichkeitsnahe und wahrheitsgemäß. Damit verleiht sie dem Leser Sicherheit und Zuversicht und bietet ihm die Möglichkeit, über jedes Geschehen seine eigene Meinung zu bilden.

Ich stelle mir vor, dass die Deutsche Allgemeine künftig ihr ehemaliges Format zurückgewinnt, dass die Auflage sich mehrfach vergrößert, dass sie den Druck der Internetmedien überlebt und die Rolle einer Galionsfigur weiterspielt. Und dass sie immer ihren dankbaren Leser erreicht. Egal wo, im In– oder im Ausland.

Vivat, Deutsche Allgemeine Zeitung!

Rose Steinmark

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