Die Globalisierung schreitet in großen Schritten voran. Und ich hinke hinterher. Ich bin keine Globalisierungsgegnerin. Überhaupt habe ich keine bestimmte Position dazu.

Sie passiert eben, es gibt Vorteile und Nachteile. Alles in allem gab es das Phänomen meiner Meinung nach schon immer, nur, dass es früher noch keinen Namen dafür gab. Nun gibt es ihn und damit kann auch ich endlich einen Schuldigen dafür benennen, dass mir alles viel zu schnell, viel zu modern wird. Zum Beispiel verstehe ich die Geräte nicht. Mit meinem altbackenen Handy, das sehr groß ist, fast nix kann und auch keine schönen Klingeltöne hat, komme ich gerade so zurecht. Auch, wenn mir mein idiotensicheres Telefon mit Wählscheibe viel lieber ist.

Den Computer finde ich ja halbwegs praktisch, aber den Charme der Schreibmaschine vermisse ich doch. Aber so hätten wir auch kein Internet und darauf mag ich dann doch nicht mehr verzichten. Allerdings – das Wissen dort ist nicht wirklich gesichert. Und wenn ich auch sonst altmodisch bin, hier bin ich es besonders und mit wahrer Überzeugung. Denn globalisiertes Wissen heißt heute, jeder redet ein Wörtchen mit, so ist das Internet-Wissen ein Mosaik aus Gestümper und Halbwahrheiten. Will man etwas ganz genau wissen, sind Duden oder Brockhaus nicht ersetzbar. Und zwar in gedruckter Form, na, bitteschön! Aber zugegeben – im Internet findet man ja beinahe alles. Auch Filme kann man sich bald aus dem Netz ziehen – und zwar legal, kostengünstig und in größter Auswahl. Und damit ist die Globalisierung wieder einen Riesenschritt weiter, während ich gerade mal dabei bin, mich in die Welt der DVDs einzuarbeiten. DVDs habe ich schon, alles Geschenke, nur fehlt mir noch der passende Recorder. Inzwischen kosten die nur einen Spottpreis, verrät mir mein Mitbewohner. Ich wundere mich darüber, er wundert sich über mich. Ob ich hinter dem Mond lebe?! Nein, ich war zwei Jahre lang in Russland, will ich mich verteidigen. Aber da fällt mir ein, erstens haben in Russland auch viele einen DVD-Player, und zweitens war mein Mitbewohner auch zwei Jahre in Russland und kam später wieder als ich. Die Ausrede zählt also nicht. Ein anderes Argument – im Wohnzimmer steht doch schon ein Videorekorder, der noch funktioniert. Wo soll denn da der DVD-Rekorder hin, das wären mir alles zu viel Geräte. Lieber gehe ich einen Schritt zurück als vor, und zwar in die nächste Videothek, wo es allerdings keine Videos mehr gibt, sondern nur noch DVDs. Ich werde nach hinten geschickt, wo ich mich auch sofort schäme, ganz allein in der traurigen Ecke mit den schlechten Videofilmen. Sie werden zu einem Kaugummipreis angeboten, weil die ja sowieso niemand mehr will. Ich ja eigentlich auch nicht. Aber sie passen in mein Gerät daheim. Ich sehe es kommen, wenn ich den Sprung zu den DVDs endgültig geschafft habe, stehe ich allein in der dunklen Ecke der Videothek mit zehn schlechten DVDs, weil alle ihre Filme nur noch aus dem Internet laden. Bin gespannt, was es dann in den Videotheken zu holen gibt. Wenigstens will ich über Skype mitreden können. Als erstes brauche ich ein Headset, erfahre ich. Kurzerhand ersteigere ich eines für einen Euro über ebay. Es ist immer noch nicht bei mir angekommen. Vor kurzem habe ich eine Mitteilung vom Zollamt erhalten, dass mein Headset aus Hong Kong! dort liegt. Wow! Wenn das nicht Globalisierung hautnah ist! Bis das Headset bei mir angekommen ist, ist Skype wahrscheinlich längst out, und die Welt kommuniziert sonst wie. Wenn ich weiterhin in diesem Schneckentempo der modernen Entwicklung hinterher krieche, verliere ich in kürzester Zeit den Anschluss. Besser, ich suche mir einen neuen Job, neue Freunde oder gar ein neues Land.

Von Julia Seibert

13/10/06

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