Es war eine Stadt, von der niemand etwas wissen sollte. Skrunda-1 wurde als geheime Militäranlage zu Zeiten der Sowjetunion in Lettland erbaut. Heute gilt sie als größte Geisterstadt im Baltikum – und wird von NATO-Truppen als Übungsplatz genutzt.

Skrunda-1
Blick auf die verlassenen Wohnblöcke. | Foto: Autor

Als die russische Armee endgültig aus Skrunda-1 abzog, hat sie eine Geisterstadt hinterlassen. Nur noch die Wohnblocks lassen erahnen, dass hier einst 5000 Menschen lebten. Doch selbst als die Stadt noch existierte, wussten davon nur die wenigsten. Versteckt in den Wäldern Lettlands, rund zwei Autostunden von der Hauptstadt Riga entfernt, galt die ehemalige Militärbasis als geschlossene Stadt mit strengen Zutrittsvorschriften.

Heute kann die Stadt jeder besuchen, der möchte. Sogar Tagestouren aus der lettischen Hauptstadt Riga werden angeboten. Die Italierin Silvia Caponio ist extra angereist, um an einer solchen Tour teilzunehmen. Sie absolviert gerade ein Erasmus-Semester in Tartu, eine Studentenstadt im Nachbarland Estland.

„Eine einzigartige Atmosphäre“

Eine alte Fabrik.
Eine alte Fabrik. | Foto: Autor

Bei der Einfahrt in die Stadt wird man von Menschen in Schutzkleidung und Gasmaske durchleuchtet, Autos und Busse werden nach Bomben abgesucht. Die Besucher sollen das Gefühl erhalten, wie es früher war, wenn man in diese Stadt hineinwollte. Auf die Touristen hat es auch der Souvenirstand abgesehen, bei dem man ebensolche Schutzanzüge und Gasmasken kaufen kann. Den gab es vor 40 Jahren bestimmt noch nicht.

Der Souvenirstand in Skrunda-1. | Foto: Autor

Dennoch gibt es auch authentische Spuren der Vergangenheit. Denn beim Verlassen der Stadt hat man nicht unbedingt ans Aufräumen gedacht: Im ehemaligen Krankenhaus sieht man OP-Lampen, im Kindergarten hängen noch Zeichnungen der Kinder, im Offizierskasino liegt eine Tafel, die auf Russisch erklärt, wie man Soße am besten zubereitet. In den früheren Wohnungen stehen zum Teil noch Möbel oder liegen Zeitungen aus den Neunzigern herum. Im Propagandaraum grüßt Lenin als Graffiti von der Wand.

„Die Atmosphäre ist einzigartig, ganz anders als alles, was ich bisher erlebt habe“, beschreibt Silvia ihren Besuch. „Der Ort ist der Inbegriff des Wortes Trostlosigkeit, doch die Gebäude waren einmal mit Leben gefüllt, dessen Spuren man noch heute sieht. Man kann sich leicht vorstellen, dass hier tatsächlich mal jemand gelebt hat. Das verstärkt das Gefühl der Verlassenheit sogar noch.“

Von den Russen verlassen, von der NATO genutzt

Ein Krankenhausflur.
Ein Krankenhausflur. | Foto: Autor

Skrunda-1 wurde zur Hochzeit des Kalten Krieges 1963 vom sowjetischen Militär rund um eine Radarstation errichtet, die vor Flugkörpern und Raketen aus dem Westen warnen sollte. Die dort stationierten Soldaten und Wissenschaftler brachten ihre Familien mit. Deshalb gab es neben dem militärischen auch einen zivilen Teil, in dem sich Wohnblöcke, eine Schule, ein Supermarkt und sogar ein Hotel befanden.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Russland von der lettischen Regierung zugesichert, die Anlage noch bis 1998 nutzen zu können. Der Radarturm wurde schließlich gesprengt. Danach wusste man offenbar lange Zeit nicht, was man mit den restlichen Gebäuden anfangen sollte. Zunächst an einen privaten Investor versteigert, kaufte die Gemeinde Skrunda sie im Jahr 2015 für 12.000 Euro. Seitdem ist sie Besuchern öffentlich zugänglich.

Soßentafel.
Soßentafel. | Foto: Autor

Auch die lettische Armee nutzt die Stadt mittlerweile zu Trainingszwecken. Im Januar veröffentlichte die NATO ein Video, in dem lettische und US-amerikanische Soldaten dabei zu sehen sind, wie sie in Skrunda-1 für den Häuserkampf trainieren. Darin erklärt ein lettischer Soldat, dass die Gebäude denen in anderen Dörfern Lettlands ähneln und daher eine gute Gelegenheit bieten, um sich dort auf einen Kampf vorzubereiten. Erst recht, seitdem sich die baltischen Staaten aufgrund der Ukrainekrise von Russland besonders bedroht fühlen.

Bei Silvia hat der Ort einen tiefen Eindruck hinterlassen. „Vielleicht, weil ich zuvor noch nie eine Geisterstadt besucht habe“, sagt sie. „Was mich wohl am meisten ergriffen hat, war der Kontrast zwischen der Pracht in den Gebäuden wie die Sporthalle oder das Kinotheater und der Größe der Stadt. Es gab ja alles – einen Laden, ein Krankenhaus, einen Kindergarten. Alles war so nah beieinander, dass man beinahe klaustrophobisch werden könnte.“

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