Vom 2. bis 6. Juli 2012 fand in Almaty die VI. Zentralasiatische Medienwerkstatt statt. In dieser Zeit produzierten zentralasiatische Nachwuchsjournalisten gemeinsam mit erfahrenen deutschen Journalisten neben Podcasts fürs Internet auch eigene Artikel. DAZ präsentiert in dieser und den folgenden Ausgaben die Ergebnisse.

Vor 80 Jahren mussten die Kasachen ihr Nomadenleben aufgeben, aus ihren Jurten in Häuser umziehen. Seit der Unabhängigkeit ist das Interesse an den eigenen Traditionen erwacht. Heutzutage verbringen viele Kasachen ihre Freizeit wieder in der Jurte.

Je näher das Gebirge, desto höher die Jurtendichte. Doch in den Filzzelten am Rande der kasachischen Metropole Almaty nächtigen keine Nomaden. Dort, wo eine staubige Straße ins Tien-Schan-Gebirge führt, haben in den vergangenen Jahren Ausflugsrestaurants für gestresste Städter aufgemacht. Zwischen saftiggrünen Wiesen stehen kasachische Köstlichkeiten wie Pferdefleisch auf der Speisekarte, und wer möchte, kann sein Mahl in einem mit Goldfäden bestickten Mantel – dem schapan – einnehmen. Im Inneren der Jurten ist es angenehm kühl, doch auf die Annehmlichkeiten des Stadtlebens wird nicht verzichtet: Oberhalb des runden Festtisches baumelt eine Glühbirne. “Jurten-Restaurants sind sehr populär”, sagt Banu Bolisch, die im “Schailau-Restaurant” als Kellnerin arbeitet. “Die Menschen wollen raus aus der Stadt, etwas Neues sehen.”

Brutale Sesshaftmachung

Etwas Neues, das doch irgendwie vertraut ist. An das Leben in der Jurte kann sich heute freilich nur noch die Großelterngeneration erinnern. Einst migrierten die Viehhirten zwischen Sommer- und Winterweideplätzen. Zwischen 1929 und 1933 verfolgte die sowjetische Führung eine harte Politik der Entnomadisierung, um die Kasachen und andere (Halb-)Nomaden endgültig sesshaft – und zu sozialistischen Bauern zu machen. Es war ein schmerzhafter Prozess: Die Nomaden töteten lieber ihr Vieh als es den Parteiaktivisten zu überlassen; viele Hirten starben den Hungertod, andere wurden in Arbeitslager gesteckt. Die Bevölkerung der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik schrumpfte in diesen Jahren um zwei Millionen.

Mit der Unabhängigkeit im Jahre 1991 erwachte das Interesse an der nomadischen Vergangenheit wieder. Was in der Sowjetunion verpönt war, wird im neuen Kasachstan nunmehr als authentische Nationalkultur hoch gehalten.

Vom Geologen zum Jurtenfabrikanten

Auch Malik Gusmanow begann, sich mit der nomadischen Tradition seines Volkes zu beschäftigen. In der Sowjetzeit war er Geologe, suchte nach Diamanten und Gold, fuhr bis an das nördliche Eismeer, verbrachte zwei Jahre in Jakutien. Als das Riesenreich zerbrach, wurde aus dem Naturwissenschenschafter nicht nur ein gläubiger Moslem, sondern auch ein Geschäftsmann. 1992 eröffnete Gusmanow seine Jurtenmanufaktur.

Im Hof seines Hauses am Rande von Almaty lagert der 57-Jährige die drei Hauptbestandteile der Jurte: kerege, hölzerne Gitter, die die Wände bilden; uyk, Dachverstrebungen aus Weidenholz; schanrak, der runde Rauchfang. “Nach der Unabhängigkeit begann ich mir Fragen zu stellen: Wer sind die Kasachen? Woher kommen wir?”, erzählt Gusmanow, der den Vollbart eines Gläubigen und eine traditionelle kasachische Kappe trägt. Sein Fazit: “Die ganze Kultur der Kasachen ist in der Jurte vereint.” Gusmanow, der die “tolle Energetik” des traditionellen Heimes lobt, exportierte seine Jurten bereits in die USA und nach Europa. In guten Jahren habe er 500 Stück verkauft, an reiche Menschen, die die Jurten im eigenen Garten aufbauen, an Reiseveranstalter oder Restaurants.

Moderne Jurten aus Metall

Der Jurtenproduzent hat allerdings ein Problem: Grundstoffe wie Holz und die kunstvollen Filzteppiche, die zur Abdichtung dienen, muss er aus den Nachbarländern Usbekistan und Kirgisistan importieren. In Kasachstan habe sich das Handwerk nicht erhalten, sagt er. Billig sind die mobilen Behausungen nicht: Sie kosten von 1400 Euro bis zu 120.000 Euro. Aus diesem Grund boomen in Kasachstan heutzutage vor allem “moderne” Konstruktionen aus Metall mit Textildecke.

Senbek Oschakpaew hat mit seiner Jurtenfabrik “Erkin” zwar das Handwerk von seinem Vater übernommen, nicht aber die traditionelle Fertigung. Seine Jurten bestehen aus leichten Eisenröhren und günstigem Filzmaterial. Lediglich 20 Minuten benötigt man zum Aufstellen, 150 Kilogramm wiegt die moderne Jurte – immerhin um 100 Kilo weniger als die traditionelle.

“Weiterentwicklung” der Tradition

Im Zentralen Staatlichen Museums von Almaty darf eine Jurte als Exponat nicht fehlen. Hatran Dosimbek ist Chef des Ethnografischen Zentrums im Museum. Die Jurte betrachtet er als “neues Nationalsymbol”. Die Kasachen seien schon lange sesshaft geworden, das Erbe der Nomadengesellschaft sei aber bis in die Gegenwart hinein spürbar, glaubt Dosimbek, ein ernster, hagerer Mann im gestreiften Poloshirt. Etwa in Begriffen wie otbasy, das “Familie” bedeutet und vom Wort für Feuerstelle in der Jurte stammt. Nicht zuletzt lebe auch der “Freiheitswille” der Kasachen im 21. Jahrhundert weiter.

Die heutige, weitgehend kommerzielle Nutzung der Jurten in Restaurants und Urlauberressorts bereitet dem Ethnologen kein Kopfzerbrechen. “Unsere Traditionen werden in der Gegenwart weiterentwickelt. Künftig könnte es auch Jurten aus Plastik geben – die moderne Technologie macht es möglich.” Eine Rückkehr der Kasachen ins Nomadentum hält Dosimbek für ausgeschlossen. “Die Menschen haben heute ja einen anderen Lebensstil – kaum jemand beschäftigt sich noch mit Viehzucht. Und ich kenne niemanden, der sich nach diesem Leben sehnt.” Als zeitweilige Freizeitbehausung sind Jurten in Kasachstan dafür umso beliebter – man muss sich darin ja nicht unbedingt allzu häuslich einrichten.

Von Oybek Hamdamow, Karina Zargarjan und Jutta Sommerbauer

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