Claus Dieter Storm ist Fachberater für Deutsch und Koordinator der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen. In der DAZ spricht er über den 7. Deutschlehrertag, Entwicklungen des Deutschunterrichts in Kasachstan und die Bedeutung der Fremdsprache.

Herr Storm, welche Unterschiede sehen Sie zwischen dem Deutschlehrertag in diesem Jahr und den Veranstaltungen der Vorjahre?

Ja, ich denke, es gibt einen Unterschied – die Lehrer sind sicherer geworden. Wenn ich sechs Jahre zurückdenke, da kamen die Lehrer und wussten eigentlich gar nicht genau, was sie wollten. Sie brauchten Material, sie brauchten Informationen und auch irgendwas über Deutschland und die deutsche Sprache. Inzwischen ist das anders. Die Lehrer sind viel besser informiert. Sie können genau einschätzen, was an der Schule gebraucht wird, wie die Schüler sind und welche Ansprüche sie haben. Heute sind die Lehrer mehr orientiert, zielgerichteter, kann man sagen. Dadurch ist dieser Deutschlehrertag intensiver geworden als früher.

Was ist das Hauptziel dieses Deutschlehrertages?

Natürlich sprechen wir über die Probleme, und die Lehrerinnen erzählen über ihre Probleme. Aber der Deutschlehrertag macht viel mehr. Er ist  konstruktiv und positiv. An diesen zwei Deutschlehrertagen machen wir dreißig Seminare. Es werden konkrete Lösungen gezeigt und gearbeitet, es wird demonstriert, wie man unterrichten muss, wie man die Schüler motivieren kann, Deutsch zu lernen, und wie man den Deutschunterricht besser und intensiver machen kann. Die Seminare während des Deutschlehrertages sind wirklich ergebnisorientiert. Die Deutschlehrer sollen wirklich etwas verstehen und mitnehmen, und ihr Deutschunterricht verbessert sich dadurch. Sie kriegen nicht nur Material und irgendwelche Informationen, sondern sie bekommen konkrete methodische Hilfe und Beispiele. Durch den Deutschlehrertag soll die Qualität des Deutschunterrichtes zunehmen.

Ich habe bemerkt, dass nicht nur alte Lehrerinnen Interesse für den Deutschlehrertag haben, sondern besonders viele junge Lehrerinnen gekommen sind.

Am Anfang, vor 7 Jahren, hatten wir zum großen Teil erfahrene ältere Lehrerinnen. Wir sehen jetzt, dass es eine neue, jüngere Generation von Deutschlehrerinnen gibt. Und das ist sehr wichtig für die Zukunft des Deutschunterrichts, weil die jungen Menschen neue Methoden mitbringen. Natürlich sind die Jüngeren im Unterricht noch nicht so erfahren wie die Älteren, aber Erfahrung ist das eine, Mut, etwas Neues auszuprobieren, das andere. Und die jungen Lehrerinnen haben diesen Mut, sie sind lebendiger. Sie bringen das Leben mit in die Klasse und eine ganz andere Stimmung in den Deutschunterricht. So sagen die Schüler: „Das macht mir Spaß!” Sie können im Unterricht tanzen, singen, malen und damit intensiv die Sprache lernen. Und die Eltern verstehen das und wollen, dass ihre Kinder auch in einer deutschen Klasse lernen.

Früher haben viele Kinder nur Deutsch gelernt, weil ihre Eltern es so wollten. Wie ist das heute?

Die Motivation zum Deutschlernen hat sich inzwischen ein bisschen verändert. Natürlich ist Englisch wichtig, und die Kinder denken, dass sie Englisch lernen müssen. Aber sie merken auch oft, dass es keinen Spaß macht, Englisch zu lernen. Die meisten Englisch-Lehrer sind nicht so gut ausgebildet. Und dann merken die Schüler, dass der Deutschunterricht viel intensiver ist. Die Lehrer sind besser ausgebildet, das Unterrichtsmaterial und die Methodik sind besser. Und noch eins – im Moment lernen alle Kinder Englisch. Das heißt, Englisch zu können, ist nichts Besonderes. Heute lernt jeder Englisch, und bald kann jeder etwas Englisch. Aber: Gut Deutsch sprechen und dazu noch Englisch zu beherrschen, das sind zwei wichtige Qualifikationen. Man sollte mit Deutsch anfangen, weil Deutsch von der Phonetik leichter zu lernen ist. Und das merken einige Kinder und Eltern, und sie sagen: „Ja, unsere Kinder werden Deutsch lernen, denn Englisch lernen sie sowieso.“ Es ist keine Alternative – Deutsch oder Englisch, sondern Deutsch plus Englisch – das ist gut! Deutsch als Muttersprache sprechen sehr viele Menschen in der Welt – mehr als 100 Millionen. Und viele Menschen, mehr als 400 Millionen in der Welt, benutzen Deutsch als Fremdsprache. Tatsache ist: Deutsch ist die zweitwichtigste globale Fremdsprache. Kasachstan hat mit Deutschland sehr intensive wirtschaftliche Beziehungen. Jede Firma wird sich freuen, wenn sie einen Bewerber findet, der Deutsch und Englisch kann.

Viele Kinder haben jetzt die Möglichkeit, in den Almatyer Schulen Nr. 18 und Nr. 68 Deutsch zu lernen. Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, wie die Kinder, die noch kaum Russisch lesen und schreiben können, schon eine Fremdsprache lernen sollen?

Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit in der Natur. Kleine Kinder können vieles spielerisch lernen. Internationale pädagogische und psychologische Studien zeigen, dass Kinder in der Lage sind, gleichzeitig zwei oder drei Sprachen zu lernen. Die Kinder lernen Fremdsprachen, wie sie zum Beispiel laufen lernen. Im normalen Leben ist das keine große zusätzliche Belastung. Wenn Erwachsene eine Fremdsprache lernen, brauchen sie viele Stunden und lernen relativ langsam. Ein Kind braucht weniger Stunden und lernt viel schneller. Und bekommt Spaß daran. Kinder lieben alles, wobei man kreativ und lebendig sein kann, wo man spielen, tanzen und singen kann. Sprache lernt man nicht mit analytischem Denken, sondern durch Gefühl und Freude an der Kommunikation.

Sind Sie mit den Vorträgen der Lehrerinnen auf dem Deutschlehrertag zufrieden gewesen?

Ja, ich bin zufrieden. Die Neugier und ihre Bereitschaft, sich etwas Neues anzuhören, ist groß. Die Lehrerinnen wollen lernen und besser werden. Und sie sind am Weiterkommen ihrer Schüler interessiert, das ist das Wichtigste. Besonders eindrucksvoll fand ich die methodisch modernen und informativen Seminare der Lehrerinnen von den ZfA-Sprachdiplomschulen. Hier konnte man sehen, wie die moderne Unterrichtsmethodik Einzug gehalten hat an einigen Schulen in Kasachstan.

Welche Wünsche möchten sie den Lehrern mit auf den Weg geben, besonders den jungen, oder denen, die noch Pädagogik studieren?

Die Qualität des Deutschunterrichtes hat zugenommenGuckt bitte nicht in erster Linie auf das Geld. Wenn es um euren Berufswunsch geht, denkt genau darüber nach, in welchem Bereich ihr gern arbeiten möchtet. Wie wollt ihr euren Tag verbringen, gemeinsam mit Menschen, die fröhlich sind, die lachen, gemeinsam in einem Kollektiv? Oder möchtet ihr allein an einem Tisch sitzen und auf den Monitor gucken? Jeder sollte sich genau überlegen, wie er die Arbeitszeit, einen Großteil seiner Lebenszeit, verbringen möchte. Und was die Gehälter für Lehrer betrifft, ich bin sicher, dass die in Kasachstan weiter ansteigen werden. Und die, die Interesse an Pädagogik und Kindern haben, sollten sich unbedingt für den Beruf des Lehrers entscheiden. Wir werden in der Zukunft mehr gute und moderne Pädagogen brauchen – moderne Englischlehrer, Chinesischlehrer, Deutschlehrer, Kasachischlehrer –; Fremdsprachen in dieser Welt sind sehr wichtig, und der Beruf des Lehrers hat auf jeden Fall Zukunft!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Aljona Judina.

18/11/05

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