Die 1965 in Ingolstadt geborene Autorin und Theaterregisseurin Ingrid Lausund entwickelte 1998 mit Studenten der Deutschen Theaterakademie Almaty das Stück „Glücksfelder“, das anschließend recht erfolgreich in der ehemaligen Sowjetunion, Europa und auf mehreren Festivals aufgeführt wurde. Die Theaterregisseurin in spe Julia Schiguljowa inszeniert 10 Jahre später mit Lausunds „Bandscheibenvorfall“ ihre Diplomarbeit im DTA.

/Foto: Ulrich Steffen Eck. ‚„Es wird vielleicht Jahre dauern, aber ich will die Hoffnung auf ein eigenes Haus für unser Theater nicht aufgeben.“ Julia Schiguljowa vor dem ARO, einer temporären Spielstätte des DTA.’/

Der Einakter „Bandscheibenvorfall“ ruht im Wesentlichen auf zwei Säulen, die tief im Menschlichen wurzeln: Als Kain nach seinem Brudermord an Abel von niemand geringerem als Gott nach dem Verbleib des Bruders gefragt wird, antwortet er: „Bin ich denn meines Bruders Hirte?“ Nichts anderes als tief sitzender Neid auf den bei Gott beliebteren Bruder war es, was Kain zum Mörder hatte werden lassen.

Der Ausspruch des römischen Komödiendichters Plautus „Der Mensch ist des Menschen Wolf“, von Thomas Hobbes in unsere Tage transportiert, greift die Frage nach dem, was wir unserem Bruder sind, aus quasi umgekehrter Richtung auf. Dostojewskis „Doppelgänger“ und des vor drei Jahren verstorbenen Amerikaners Saul Bellows Romandebüt „Das Opfer“ benutzten schließlich vor Ingrid Lausund die moderne Arbeitswelt als Feld des paranoiden, von Neid und Angst genährten Alltagskampfes kleiner Beamter oder Angestellter.

„Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach“

Angst wäre denn auch das Stichwort für den Stoff, aus dem die zweite Säule gemacht ist: „Wir sind schon weg, ganz weit weg“, hört man Krezky und Kruse im „Bandscheibenvorfall“ gebetsmühlenartig wiederholen. Die beiden werden allerdings die Firma am Ende des Stückes nicht verlassen haben.

Die innere Kündigung ist ein verbreitetes Phänomen: Arbeitnehmer schleppen sich jahrelang frustriert zur Arbeit und bleiben doch bis zur Rente in der verhassten Firma. Es ist die diffuse Angst, das vertraute Übel für eine Möglichkeit mit unbekanntem Ausgang zu verlassen. Wir erinnern uns an Hamlet: „And makes us rather bear those ills we have / Than fly to others that we know not of“.

Stellt man Lausunds im Schafspelz leichter Kost daherkommende Komödie in deratige Zusammenhänge, offenbart sie plötzlich den universalen Charakter echter Kunst.
Wie nun schafft es Julia Schiguljowa, dieses Potenzial auszuschöpfen und dem Publikum zu vermitteln?

Spektakel zwischen Tschechow und Brecht

Wie jede gewöhnliche Firma steht und fällt auch ein Theaterensemble mit seinen menschlichen Akteuren. Bei der Auswahl der Schauspieler verrät die frisch gebackene Regisseurin Kennerschaft. Man kann sich nach dieser Aufführung eigentlich keine bessere Personage vorstellen. Köstlich, der von Timur Bondank gemimte wieselwendige, aalglatte und undurchsichtige Krezky, von dem man auch am Schluss nicht weiß, ob das „möglicherweise schwul“ der Off-Stimme auf ihn zutrifft oder nicht.

Auch Natascha Dubs verblüfft wieder durch Vielseitigkeit und lebt ihre Rolle mehr als überzeugend.

Schiguljowa nutzt eine Vielfalt sehr einfach gemachter und sehr klar verständlicher Symbole, um den im Unsichtbaren tobenden Kampf der Angestellten augenscheinlich zu machen. Das Messer im Rücken, das Beil im Schädel, die nach jedem Rapport beim Chef höher werdende Clownsmütze – man weiß ohne Kopfzerbrechen, was gemeint ist.

Provokante Gurke

Wahrscheinlich ist der Diplomandin auch wichtig gewesen, die ganze Bandbreite ihres handwerklichen Könnens zu demonstrieren. Das gelingt mit Bravour.

Beginnend beim von Natascha Konowalowa arrangierten Bühnenbild, das ganz im Sinne Tschechows auf funktionale Gegenstände reduziert ist, endend bei Verfremdungseffekten aus der Werkzeugkiste von Brechts epischem Theater – die Regie hat ihre Lektion gelernt.
Allerdings stumpfen Affekte durch Gewöhnung ab. Als die Angestellten das erste Mal von donnerndem Schiffssirenengetön und Alarmblinken aus ihrem Kleinkrieg gerissen werden, ist das noch ein richtig guter Gag. Seine zu häufige, unvariierte Wiederholung lässt im weiteren Verlauf sogar so etwas wie Unwillen beim Zuschauer entstehen. Gelungener ist das intermittierende Hereinplatzen des Teambuilding-Coachs, gespielt von der Regisseurin selbst. Mit jedem Auftreten des Coachs steigern sich dessen didaktisch-methodische Mitbringsel und sein Aussehen selbst bis zu absoluten Absurditäten – oder gar Schweinigeleien. Dass diese nicht platt und vordergründig daherkommen, liegt an der einfachen aber wirksamen Chiffrierung ihrer Symbole. Die zwischen die Beine geklemmte Gurke wird zum Phallus und los geht`s: Jeder mit jedem, denn wir haben uns ja alle lieb! Als deutscher Theaterbesucher atmet man auf: Es geht auch ohne entblößte Brüste und explizit dargestellten Koitus.
Dass die Gurke allerdings in Almaty reicht, um den Kulturbetrieb statt in Diskurs in Blockade zu bringen, wirft Fragen nach dem Kunstbegriff vor Ort auf. Insofern ist das Credo des Ensembles begrüßenswert, seine Kunst als Mittel zur stetigen Erweiterung bürgerlicher Freiheiten zu betrachten.

Von Ulrich Steffen Eck

03/10/08

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