Schon in frühester Kindheit war Gerold Belger, 75 Jahre, davon überzeugt, dass er einmal Schriftsteller werden wird. Geboren in einer russlanddeutschen Familie an der Wolga vergaß Gerold Belger nie den hessischen Dialekt seiner Kindheit, auch als die Familie nach Kasachstan deportiert wurde und er in einer kasachische Dorfschule eine neue Kultur kennen lernte. Im Selbststudium brachte er sich die russische Sprache bei und vervollkommnte seine Kenntnisse in seinem Universitätsstudium. Seitdem denkt, spricht und publiziert Gerold Belger in Deutsch, Kasachisch und Russisch. Anlässlich seines 75. Geburtstages traf er sich mit seinen Lesern im Deutschen Haus in Almaty und sprach über sein Leben in drei Kulturen, seine Berufung als Schriftsteller und seine Pläne für die Zukunft.

/Bild: Olesja Klimenko. ‚Gerold Belger bei der Lesung im Deutschen Haus: „Noch fünf bis sechs Bücher stehen auf meiner Liste“.’/

Gerold Belger, Ihr Leben verbindet drei Kulturen miteinander – die deutsche, die kasachische und die russische. Was bedeutet diese Erfahrung für Sie?
Diese Erfahrung ist der größte Schatz meines Lebens. Ich sage immer, dass ich drei Rucksäcke trage, den russischen, den kasachischen und den deutschen. Wenn ich einen Rucksack ablege, wird meinem Leben etwas fehlen. Jede dieser drei Kulturen bedeutet sehr viel für mich. Ich bin in einer deutschen Familie aufgewachsen, habe eine kasachische Schule besucht und an der Universität Russisch gelernt.

Sie haben viele Informationen über Ihre Vorfahren gesammelt und einen Familienstammbaum veröffentlicht. Was haben Sie über Ihre Abstammung herausgefunden?
Jeder Mensch sollte seinen Stammbaum kennen, davon bin ich schon seit meiner frühesten Kindheit überzeugt. Viele Russlanddeutsche haben in den Jahren der Verfolgung ihren Namen geändert. Ich bin dagegen. Seit meiner Geburt heiße ich mit Nachnamen Belger und so werde ich immer heißen. Ein Freund, der sich in der Geschichte der Familiennamen auskennt, hat herausgefunden, dass meine Vorfahren wahrscheinlich aus dem westdeutschen Dorf Belg stammten. Es existiert noch eine zweite Variante, dass mein Vorfahr überhaupt kein Deutscher war, sondern Belgier.

Was sagen Sie zu der Theorie, dass Sie belgische Vorfahren gehabt haben?
Eines Tages flog ich nach Paris, und mein Nachbar fragte mich nach meiner Herkunft. Ich antwortete, dass ich wahrscheinlich Belgier sei. Er meinte, dass die Heimat den Menschen immer wieder zurückruft und wenn ich Belgier sei, würden wir nicht in Paris landen, sondern in Brüssel. 200 Kilometer vor Paris ertönte eine Durchsage im Flugzeug: „Wegen schlechten Wetters landen wir heute in Brüssel.“ Seitdem sind alle überzeugt, dass ich belgischer Abstammung bin.

In Ihren autobiografischen Werken schreiben Sie über die Deportation der Wolgadeutschen nach Kasachstan und über die schwierige Zeit, die Ihre Familie und Sie erlebt haben. Woher nehmen Sie die Kraft, immer weiter zu schreiben?
In dieser Beziehung bin ich Fatalist. Als ich zwölf Jahre alt war, kam mir der Gedanke in den Sinn, dass ich zu etwas auserwählt sei. Und diese Idee hat mich in meinem Leben nie verlassen. Ich denke, es gibt eine Kraft, die mich in meinem Leben lenkt. Das hört sich ein bisschen mystisch an, besonders für mich, weil ich Realist bin. Aber so ist es.

In Ihrem Buch „Resümee“ schreiben Sie: „Für jeden Menschen gibt es im Leben eine Berufung.“ Wie haben Sie herausgefunden, dass Sie für die Literatur vorausbestimmt sind?
Ich wusste immer, dass ich mich eines Tages als Schriftsteller betätigen werde. Trotz gesundheitlicher Probleme, ich habe auf Krücken die Schule und die Universität abgeschlossen, und andauernder politischer Schikanen wegen meiner Herkunft, habe ich immer an meinem Wunschberuf festgehalten. Schon seit der zweiten Klasse führe ich Tagebuch, sie sind alle erhalten geblieben. Ich schreibe zwei Arten von Tagebuch: Eines für mich mit allen möglichen Gedanken und eines für die Nachwelt, in dem ich die wichtigsten Punkte zusammenfasse. Ich habe viel zu erzählen. Ich war immer gesellschaftlich aktiv und habe als Parlamentsabgeordneter gearbeitet. Bald wird der erste Band meiner Tagebuchsammlung unter dem Titel „Schatten der vergangenen Tage“ veröffentlicht.

Sie leben nach einem strengen Tagesablauf und planen ihre Werke zehn Jahre im Voraus. Schaffen Sie alles, was Sie sich vornehmen?
Ich halte diesen Plan streng ein. Jeden Morgen zum Beispiel, notiere ich mir, was ich am Tag erledigen möchte. Schaffe ich etwas nicht, beende ich die Arbeit in der Nacht. Ich arbeite jeden Tag nach diesem Mechanismus. Mein Prinzip ist folgendermaßen: ich beginne mit Prosa; reicht die Fantasie nicht, schreibe ich eine Rezension; gelingt mir die Rezension nicht, gehe ich über zu Übersetzungen. Irgendetwas gelingt mir immer.

Haben Sie nie den Wunsch, aus diesem Tagesablauf auszubrechen?
Nein, ich bin daran gewöhnt. Das Schreiben ist wie ein Handwerk für mich. Der Gedanke, dass ein Schriftsteller ein Handwerker ist, gefällt mir sehr gut. Einige Schriftsteller lehnen ihn ab und bekräftigen, dass sie keine Handwerker seien, sondern ihrem Talent folgen würden. Ich denke, im Gegenteil, jeder Schriftsteller sollte in erster Linie sein Handwerk beherrschen und nicht nur über die Liebe oder die Natur schreiben, sondern verschiedene Genres ausprobieren. Dramatische Stücke oder Gedichte gelingen mir nicht so gut, das habe ich schon früh eingesehen und mich damit nicht weiter abgeplagt. Und natürlich schaffe ich mein tägliches Soll nur, weil ich mich an bestimmte Voraussetzungen halte: Ich trinke keinen Alkohol, mache keinen Sport wegen meiner gesundheitlichen Probleme, spiele keine Karten und gehe nicht angeln.

Wenn Sie auf ihr Leben zurückblicken: Was ist das Wichtigste für Sie von dem, was Sie in den vergangenen 75 Jahren erreicht haben?

Ich bin stolz darauf, dass ich mich trotz vieler Hindernisse im Leben durchgesetzt, meine Ziele und Wünsche erreicht und eine Familie gegründet habe und fast alle meine literarischen Pläne verwirklicht habe. Auf meiner Liste stehen noch fünf bis sechs Bücher, die ich noch schreiben werde. Dann kann ich mich ein bisschen ausruhen und ab und zu noch Rezensionen schreiben.

Das Gespräch führte Olesja Klimenko.

Übersetzung aus dem Russischen: Christine Karmann.

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Gerold Belger, 1934 in der Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik Engels geboren, studierte an der philologischen Abteilung des kasachischen pädagogischen Abai-Instituts in Alma-Ata, war dann Russischlehrer und anschließend Mitarbeiter der kasachischen Literaturzeitschrift „Schuldys“, bis er 1964 freischaffender Autor und Übersetzer wurde. Dank seiner Lebensleistung wurde er zu einem hochangesehenen Bürger Kasachstans, zum Deutsch, Russisch und Kasachisch beherrschenden Schriftsteller, Übersetzer, Literaturwissenschaftler, zum Mitglied des Nationalrats beim Präsidenten Kasachstans und zum Mitbegründer des Kasachischen PEN.  In dieser Eigenschaft fühlt er sich auch verantwortlich für die russlanddeutsche Literatur, deren Entwicklung er aufmerksam verfolgt und die er als Rezensent und Essayist begleitet.

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30/10/09

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