Ob das „Lied von der Partei“, „Mit dir ist Lenin“ oder „Das Märchen von der ungewöhnlichen Gurke“ – was auch dahinter stecken mag, es muss verstaubt sein. Fossilien zum Lachen und Weinen wurden im Zuge einer Recherchearbeit zutage gefördert. Fossilien, die dennoch mit Sorgfalt behandelt werden müssen. Von Almaty als wichtigem Verlagsort deutschsprachiger Literatur in der ehemaligen Sowjetunion berichtet der Auftakt einer fünfteiligen Artikelserie, die einen kritischen Rückblick auf einige Aspekte der kasachstandeutschen Publikationen geben will.

Stilistisch wirkt die Prosa oft wenig komplex, fast lieblos. Die Charaktere sind starr, die Dialoge hölzern. Die Themenwahl ist monoton. Die von dem Mitarbeiter der deutschsprachigen Zeitung „Freundschaft“ Viktor Wiedmann in seiner Kurzgeschichte „Im Nebel lag die Welt“ beschriebene Metamorphose eines Kunstverachters hin zu einem Kunstliebhaber ist quasi ein einziger Sprung zwischen den Stereotypen: „Ich war ein guter Schüler, errang auf den Olympiaden für Mathematik stets Preise und schwärmte für die Relativitätstheorie. Ehrlich gesagt, verachtete ich die Poesie sowie beliebige Kunst. Ich war der Meinung, das alles sei nur für chaotische Naturen, die für allerhand Seelenwandlungen anfällig sind. Das einzige, was ich außer Mathematik anerkannte, war Sport.“

Der Protagonist urteilt, ebenfalls erwähnenswert, über den Jazz: „Der Jazz […] ist ein eigenartiges Doping für schlaffe und passive Naturen. Der Jazz versetzt den Menschen in Extase, er unterdrückt das Denken und tötet die Individualität.“ Nachdem seine Mutter ihn dann aber mit zu einem Konzert des Geigenvirtuosen Isaak Stern schleppt, bekehrt sich der junge Feind des Schönen. Während er einem Stück von Saint-Saëns lauscht, überkommen ihn die Gefühle, und klischeehaften Rollenbildern entsprechend sagt er: „Ich fürchte, lächerlich zu erscheinen, aber ich möchte es fast nicht als Männerschmerz, sondern als Frauenschmerz bezeichnen.“ Danach versteht er den Hang des Menschen zur Kunst etwas besser.

Wieso erscheint der Wortlaut des Materials so befremdlich? Die deutschsprachigen Schriftsteller, von denen hier die Rede ist, reiften unter gänzlich anderen politischen Umständen heran als ihre innerdeutschen Äquivalente. Eine Erziehung im Sinne des Kommunismus wurde ihnen zuteil, verstärkt durch die Unterdrückung des Deutschen infolge des „Großen Vaterländischen Krieges“ wie der Zweite Weltkrieg in der ehemaligen Sowjetunion genannt wird. So kommt es, dass sich die Doktrin und der genormte, künstlerische Duktus des Systems im Geschriebenen widerspiegelt, gar widerspiegeln musste – mit dem zwar geretteten, aber mühsam über Wasser gehaltenen deutschen Wortschatz. Es musste den Vorgaben aus Moskau entsprechend geschrieben werden und die Abgeschiedenheit der kasachischen Steppe oder der sibirischen Taiga machte einen Kontakt mit zeitgenössischen Strömungen von Literaturen außerhalb der Sowjetunion fast unmöglich. Es drang kaum etwas durch, was nicht abgesegnet gewesen wäre. Hinzu kommt, dass selbst nach der Rehabilitierung der Russlanddeutschen im Jahr 1964 die deutsche, kulturschaffende Minderheit weiterhin kritisch von den sowjetischen Machthabern beäugt wurde, um zu vermeiden, dass ein „deutscher Nationalismus“ auf Grundlage einer muttersprachlichen und intellektuellen Entwicklung entsteht. Die Streuung der deutschsprachigen Bevölkerung über ein riesiges Gebiet sowie deren primäre Abhängigkeit von der russischen Sprache verhinderten eine tiefergreifende Entfaltung ihres volkseigenen Kulturguts.

Zur Lyrik

Während die Prosa meist sehr kurz gehalten ist und eher wie ein fragmentarisches, oft gehaltloses Experimentieren erscheint und die Dramatik gänzlich fehlt, ist die Lyrik die am häufigsten vertretene Gattung. Wie es scheint, gehörte es zum „guten Ton“, in erster Linie Gedichte zu publizieren. Man könnte ihre Regelhaftigkeit als Indiz für deren Popularität annehmen – denn damit fiel man nicht so leicht aus dem Rahmen. Gleichzeitig bedeutet diese Regelhaftigkeit eine Orientierung an etwas Überliefertem, an einer Tradition, an die sich eine vertriebene Minderheit klammert.

Für Menschen deutscher Herkunft war es schwierig, in intellektuellen Kreisen zu verkehren. Das Potenzial dafür ging durch die Lebensumstände sowieso verloren. Wenn man sich mit den Biographien einzelner Schriftsteller beschäftigt, merkt man schnell, dass die meisten unter ihnen mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hatten. Als Arbeiter und „Mitschaffende“ am Sowjetstaat oblag es den Menschen gar nicht erst, ihren Alltag auf ästhetischen Ebenen zu hinterfragen. Sie waren mittendrin und dieses Mittendrin ließ ihnen nicht den Freiraum, das Leben aus rein der Kunst dienenden Blickwinkeln betrachten zu können. Ihre Erfahrungen, die dann in Form von Gedichten verarbeitet wurden, wirken aus heutiger Sicht oft langweilig.

Ein Beispiel für diese platt anmutende Lyrik liefert ein Gedicht von Reinhold Leis, der darin seine Hinführung zur Dichtung beschreibt: „Mein erstes Lied, mein bestes, das ich schrieb, /entstand nicht irgendwo in stiller Kammer. / Ich hämmerte die Verse mit dem Hammer / an meinem Schlosserwerktisch im Betrieb.“ Leis wuchs als deportierter Wolgadeutscher vaterlos mit vier Geschwistern auf, musste seiner Mutter daher früh zur Hand gehen, die Schule verlassen, und wurde Schlosserlehrling. Sein Traum von einer Hochschulbildung blieb ihm bis 1962 verwehrt, als er ein Studium an der Pädagogischen Hochschule Omsk aufnehmen durfte, nach dem er sich schließlich als Lehrer in Kökschetau etablierte. Die Volkstümlichkeit der gesamten Lyrik lässt sich aus eben solchen Biographien herleiten.

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