Zum Abschluss der Serie soll noch auf einen Autor eingegangen werden, der eine herausragende Stellung unter den kasachstandeutschen Schriftstellern einnimmt.

Rudolf Jacquemien
Rudolf Jacquemien

Rudolf Jacquemien unterscheidet sich in seinem Lebensweg maßgeblich von dem Gros der anderen deutschen Autoren aus der Sowjetunion, denn seine Geschichte beginnt in Deutschland.1908 als Sohn eines Handwerkers in Köln geboren, verwaist er früh und wird Schlosserlehrling im Ruhrgebiet. Die Weltwirtschaftskrise Ende der Zwanziger, Anfang der Dreißiger zwang ihn dazu, sich zu den verschiedensten Arbeiten zu verdingen, unter anderem als Gärtner, Anstreicher oder Totengräber. Schließlich schlug er sich als Heizer auf deutschen und holländischen Handelsschiffen durch und fuhr in dieser Position zwei Jahre lang um die Welt, nach England, Norwegen, Frankreich, Holland, Nord- und Südamerika, Nordafrika und in die Häfen der damaligen Sowjetunion.

1932 siedelte er in die UdSSR über und arbeitete zunächst bei einem internationalen Seemannsklub in Archangelsk und Leningrad. Dort lernte er seine Frau kennen. Anschließend begann er, sich an der Leningrader Zeitung „Rote Fahne“ zu beteiligen und wurde Sprecher im Rundfunk. 1936 erhielt er die sowjetische Staatsbürgerschaft. Auf Seite der Roten Armee nahm er am Zweiten Weltkrieg teil, in den Jahren 1939/40 am Winterkrieg gegen Finnland und bis 1942 als Frontsprecher im „Großen Vaterländischen Krieg“.

Trotzdem blieb auch er von dem Schicksal, das den „Volksdeutschen“ in der Swojetunion beschieden war, nicht verschont. Ab 1942 musste er Dienst in der Arbeitsarmee im Nordural leisten, wobei er fast verhungert wäre. Bald nahm Jacquemien Kontakt mit dem „Nationalkomitee Freies Deutschland“ auf, genauer gesagt mit KPD-Chef Walter Ulbricht. Dieser ließ ihm politisches Material zukommen und stellte eine Mitarbeit am Wiederaufbau Deutschlands in Aussicht. In freudiger Erwartung berichtete er vielen Kameraden von dieser verheißungsvollen Perspektive, doch wurde bald darauf verraten. Einen Tag vor seiner Entlassung aus der Trudarmee verhaftete man ihn und auf die sechs Jahre im Nordural folgte ein achtjähriger Freiheitsentzug in Kasachstan. Jacquemien wurde wie viele andere Deutsche in das Karlag, eines der größten sowjetischen Arbeitslager, in der Nähe von Karaganda gebracht.

1954 entlassen, wurde er erst 1956 rehabilitiert und durfte ab 1959 wieder publizieren. Er traf nach 14 Jahren Trennung seine Frau wieder, und die beiden wurden erneut ein Paar – obgleich sie sich in der Zwischenzeit hatte scheiden lassen, da Jacquemien als Volksfeind galt. Ihrer gemeinsamen Tochter hat Jacquemien es zu verdanken, dass ihm ein Privileg zuteilwurde, eine zeitlang in Kaliningrad zu leben. Oft als Indiz für eine freundschaftlich gesinnte Kooperation mit der Sowjetmacht gedeutet, scheint diese Schlussfolgerung falsch zu sein. Als gelernter Schiffsbauerin war der Tochter einfach eine Arbeit in Kaliningrad zugewiesen worden.

Von 1966 bis 1970 arbeitete er in Zelinograd bei der deutschsprachigen Zeitung „Freundschaft“‘ und leistete in dieser Funktion wertvolle Dienste, da er als in Deutschland Geborener seine russlanddeutschen Kollegen in vielen sprachlichen Fragen beraten konnte, denn diese beherrschten ihre Muttersprache oft nur noch mangelhaft oder in Dialektform. Die heutige Existenz der DAZ ist auch seiner damaligen Hilfestellung zu verdanken. In den 60ern wurde Jacquemien als Mitglied in den sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen – als einer von insgesamt 20 Deutschstämmigen. 1970 siedelte er als Rentner erneut nach Kaliningrad über. Die Angebote, Mitglied in der Kommunistischen Partei der SU zu werden, lehnte er aber immer ab. Verinnerlicht man sich seine Biographie, so ist es ungefähr vorstellbar, wie enttäuscht dieser Mensch von dem Regime gewesen sein muss, dem er fast sein ganzes Leben geopfert hat.

Dieser turbulente Lebensweg findet Niederschlag in der literarischen Produktion des Autors. Sein Themenspektrum ist im Vergleich mit anderen russlanddeutschen Autoren viel weiter gestreut. Der Fakt, dass viele seiner Veröffentlichungen schon zu Zeiten der Sowjetunion ins Russische übersetzt wurden, zeugt davon, dass er einem größeren, nicht ausschließlich sowjetdeutschen Leserkreis vertraut gewesen sein mag. Als einziger Autor mit deutschem Hintergrund wendet er sich dem in der UdSSR sehr populären Genre der wissenschaftlichen Phantastik zu, namentlich mit der Erzählung „Ronak, der letzte Marsianer“, die eine dystopische Szenerie eines von atomarer Verwüstung heimgesuchten Planeten entwirft. Auch stilistisch war er seinen Kollegen durch die vollkommene und gewandte Beherrschung seiner Muttersprache überlegen. Die typisch russlanddeutsche Thematik von Flucht und Vertreibung, und der nie enden wollende Identitätskonflikt kommen in seinen Werken nur selten vor, wie zum Beispiel in dem 1988 erschienen Gedicht „Gemeinsamkeit der Völkerfreundschaft“, in dem er sich auch für die Wiederherstellung der Wolgaautonomie ausspricht: „Gemeinsam haben wir die Last getragen, / die unverdiente Schuld, das „Feinde“-sein, / geächtet und beschimpft, doch ohne Klagen, die Deutschen von der Wolga, der vom Rhein. // Gemeinsam wollen wir, daß unsere Sprache / den fernsten Nachkommen erhalten bleibt, / daß sie nicht wird zur ungenutzten Brache und nichts sie je aus Herz und Sinn vertreibt.“

Rudolf Jacquemien starb 1992 in Kaliningrad, kann aber für die russlanddeutsche Literatur als einer der kreativsten Köpfe gelten.

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