Ob das „Lied von der Partei“, „Mit dir ist Lenin“ oder „Das Märchen von der ungewöhnlichen Gurke“ – was auch dahinter stecken mag, es muss verstaubt sein. Fossilien zum Lachen und Weinen wurden im Zuge einer Recherchearbeit zutage gefördert. Fossilien, die dennoch mit Sorgfalt behandelt werden müssen. Von Almaty als wichtigem Verlagsort deutschsprachiger Literatur in der ehemaligen Sowjetunion berichtet der Auftakt einer fünfteiligen Artikelserie, die einen kritischen Rückblick auf einige Aspekte der kasachstandeutschen Publikationen geben will.

Um Zugang zur Geistesgeschichte eines Landes zu erhalten, lohnt es sich immer bei dessen Literatur anzufangen. Als ehemaliger „Mittler zwischen den Welten“, hat es die kasachstandeutsche Literatur nie geschafft, in Deutschland selber rezipiert zu werden, und auch in Russland blieb ihr Leserkreis weitgehend auf die deutsche Diaspora der ehemaligen Sowjetstaaten begrenzt.

Abgesehen von Herold Belger, dessen Foto ikonenhaft in der Bibliothek des Deutschen Hauses in Almaty hängt und dessen Nachlass deren Grundstock bildet, dürften es die wenigsten Autoren geschafft haben, für wirklichen Nachhall zu sorgen.
2008 ist sein Werk „Das Haus des Heimatlosen“ in einem Gemeinschaftsprojekt der Kasachischen Botschaft in Deutschland und deutscher Verlage ins Deutsche übersetzt worden. 2017 erschien in russischer Sprache eine umfangreiche Biographie des trilingualen Autors, der als kanonisch und repräsentativ für die Russlanddeutschen gelten darf.

In seinem Nachlass findet sich eine bunte, oft skurril anmutende Ansammlung von Autoren und Drucken, die nachfolgend auszugsweise präsentiert werden soll. Ein Großteil der deutschsprachigen literarischen Publizistik der ehemaligen Kasachischen SSR ist in dem im damaligen Alma-Ata ansässigen Verlag „Kasachstan“ erschienen. Diese seltene Nischenliteratur in Form dieser billig geklammerten Hefte ist oft nicht einmal in Bibliotheken zugänglich.

Um sich der russlanddeutschen Mentalität annähern zu können, muss man sich stets vor Augen halten, unter welchen Bedingungen diese Menschen in der UdSSR ihr Dasein fristeten und welch einer politischen Willkür sie für fast ein ganzes Jahrhundert lang ausgesetzt waren. Aber es ist wichtig, den in den folgenden Ausführungen beschriebenen, literaturhistorischen Anachronismus immer in diesem Kontext zu sehen. Denn so oft er uns auch zum Schmunzeln verleitet, sollten das Leid und die Erbarmungslosigkeit, die den Dichtern – ihren Biographien nach zu urteilen – widerfahren ist, uns dazu anhalten, ihnen mit dem den Umständen gebürtigen Respekt zu begegnen.

Der Verlag „Kasachstan“

Wie Konstantin Ehrlich, ehemaliger Verlagsleiter, erklärt, sei es angebrachter von „Redaktionen“ zu sprechen, da es einen deutschen Verlag in dem Sinne in der Sowjetunion nie gegeben hat. Auf Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei begann man im Mai 1967 mit der Publikation von russlanddeutscher Literatur. Das Verlagsprogramm umfasste neben der schönen Literatur auch Veröffentlichungen von deutschsprachigem Lehrmaterial, Kinderbüchern (mit teilweise komisch anmutenden Titeln wie „Das Märchen von der ungewöhnlichen Gurke‘‘, 1990) und -almanachen, Übersetzungen kasachischer Autoren ins Deutsche sowie Schriften zu Pädagogik und Landeskunde, die allesamt von deutschsprachigen Autoren verfasst wurden. Der Verlag existiert zwar noch immer, die deutschsprachige Besetzung der Redaktion hat sich aber schon im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion in den 90er Jahren völlig zerstreut.

Ein geschlossenes Weltbild?

Die Prosa ist meist in Kurzformen abgefasst und untersteht thematisch völlig dem politischen Konformismus der Zeit. In der verlagsinternen Inhaltsangabe des längeren Romans „Erfüllung“ (1987) von Alexey Debolski heißt es beispielsweise: „Die Handlung des Romans […] spielt sich in den ersten Nachkriegsjahren abwechselnd in einer kleinen deutschen Stadt an der Elbe, in Moskau und in Kasachstan ab. Die Hauptgestalt des Romans, der Sowjetoffizier Dankow, hilft dem deutschen Genossen, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen, neue Organe der Selbstverwaltung es Arbeiter- und Bauernstaates zu schaffen. Der Schriftsteller schreibt überzeugend darüber, wie zwischen dem sowjetischen Volk und den deutschen Werktätigen Vertrauen, Freundschaft und gegenseitige Verständigung entstand“, was nach einem Paradebeispiel für den historischen Roman des sozialistischen Realismus klingt.

Als Beispiel für recht gehaltlos anmutendes Schwarz-Weiß-Denken ein weiteres Beispiel, einer ebenfalls verlagsinternen Buchbeschreibung für den Sammelband „Die Pfirsiche“ von Herbert Henke entstammend: „Mit dem vorliegenden Büchlein wollen wir unserem Leser den bekannten Lyriker Herbert Henke auch als Prosaiker vorstellen. Seine Erzählungen behandeln Themen der Gegenwart, die meisten davon haben didaktischen Anstrich. Der Autor schildert gute und böse, positive und negative Menschen in konfliktreichen Situationen, wobei das Fortschrittliche und Gute sich trotz verschiedener Widerwärtigkeiten Bahn bricht […].“

Dass die Texte im Kern völlig ideologisch sind, wird an diesen beiden andeutungsreichen Kurzbeschreibungen bereits ziemlich ersichtlich. Die Formung des „guten“ Sowjetmenschen, der pädagogische Anspruch der Literatur, all das kann als typisch für nahezu alle besprochenen Werke gelten.

(Fortsetzung folgt)

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