China ist nun die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, hat also Japan von dieser Position verdrängt. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in China ist auch enorm, es beträgt um die zehn Prozent jährlich. Doch das erfreut die chinesische Führung nur bedingt. Das ist so ungefähr wie bei einem Kind, das zu schnell wächst und die inneren Organe nicht mitkommen. Für das in punkto Wachstum erfolgsverwöhnte Peking fangen dann auch die Probleme an. Wachstum lässt sich auf niedrigem Niveau noch vergleichsweise leicht organisieren – später wird es ungleich schwerer. China hat es auf dem Weg zum Wohlstand denn auch deutlich schwerer als z. B. Westeuropa in den 1950er und 1960er Jahren. Viel schneller als der Westen wird das Reich der Mitte an die objektiven Grenzen des Wachstums stoßen und neue Wege suchen müssen.

China ist vor allem reich an Menschen. Diese aber sind zugleich auch ein Gutteil des Problems. Immer noch mindestens die Hälfte der Einwohner lebt in großer Armut. Um die damit verbundenen sozialen und politischen Spannungen auszugleichen, ist ein jährliches Wachstum des Produktionsvolumens von acht Prozent notwendig. Wird es weniger, entstehen ganz einfach nicht genügend neue Arbeitsplätze für die vielen aus den ländlichen Gegenden in die Städte drängenden Menschen. Doch die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die gigantische Aufgabe, noch hunderten von Millionen Menschen wenigstens eine einigermaßen brauchbare Einkommensquelle zu verschaffen, stößt auf grundlegende strategische Probleme.
Im Moment dämmert es zumindest in einem Teil der Industrieländer, dass es auf Dauer mit dem westlichen Wachstumsmodell, das auf großflächiger Verschwendung basiert, nicht einfach so weitergehen kann. Weder die vorhandenen Rohstoffressourcen noch die ökologische Aufnahmefähigkeit der Natur erlauben strategisch ein „Weiter so“, umso mehr gleich für ein Fünftel der Menschheit, also für China. Während im Westen allmählich eine öffentliche Diskussion über die Notwendigkeit und die Art des Wirtschaftswachstums in Gang kommt, will China immer neue Fabriken bauen. Bei den heutigen, völlig ungenügenden chinesischen Umweltstandards wird so die jetzt schon kaum noch normal funktionsfähige Umwelt noch weiter strapaziert und förmlich zum Kollaps getrieben.

Zwar ist die Umweltbelastung mittlerweile auch bei der chinesischen Führung als Problembereich erkannt. Da in der Vergangenheit in dieser Frage jedoch in einem gewaltigen Ausmaß gesündigt wurde, sind die Belastungen so groß, dass enorme Investitionen nötig sind, um wenigstens elementare Standards zu sichern. Investitionen werden so notwendigerweise direkt aus dem produktiven Einsatz abgezogen, um erst einmal einfache ökologische Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass überhaupt noch produziert werden kann. In den westlichen Industriestaaten werden zwar auch verstärkt Investitionen im Umweltbereich getätigt, dort aber meist, um neue Produktions- und Absatzbereiche aufzubauen. In diesen Ländern wirken die meisten der Umweltinvestitionen als Wachstumstreiber und Motor progressiver Strukturveränderungen, während in China vergleichbare Mittel erst einmal dazu dienen müssen, dass z. B. Flusswasser überhaupt noch industriell nutzbar ist.

Anders als z. B. Deutschland erlebt China Umweltkatastrophen, bevor ein ausreichend hohes und vor allem gleichmäßiges Wohlstandniveau erreicht ist. Das heutige Wirtschaftswachstum aber ist immer noch durch einen fast parallelen Anstieg des Ressourcenverbrauchs charakterisiert, wodurch es auch zu entsprechenden Umweltbelastungen kommt. Der Ausweg für China kann somit nur in einer konsequenten Modernisierung der vielen veralteten Wirtschaftszweige bestehen. Der Einsatz neuer Technologien aber verringert den Bedarf an Arbeitskräften, was wiederum das Erreichen des Zieles der Schaffung möglichst vieler Arbeitsplätze gefährdet. Die chinesische Führung steht also vor einem Dilemma und wird nicht unbedingt froh darüber sein, dass die traditionelle Wirtschaft stärker wächst, als das eigentlich gewollt und sinnvoll ist. Parallelen mit Kasachstan sind durchaus nicht zufällig.

Bodo Lochmann

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