Den Deutschen Philipp Dippl hat es durch die Liebe nach Almaty verschlagen. Vor kurzem hat er sein Studium der russischen Kultur in Bochum und Moskau abgeschlossen. In seiner wöchentlichen Kolumne erzählt der gebürtige Franke die kleinen Alltagsgeschichten der Apfelstadt. Den Anfang macht er im Viertel Koktem, wo er sich vor einigen Wochen mit seiner Frau niedergelassen hat.

Philipp Dippl
Philipp Dippl | Foto: privat

Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein… Guten Tag! Ich bin neu hier. Vor gut zwei Wochen bin ich in Almaty angekommen. Ein paarmal habe ich die Stadt in den vergangenen Jahren schon besucht. Von nun an aber lebe ich in dieser faszinierenden Metropole im Herzen Zentralasiens. Aber ich fange im Kleinen an: Mein Viertel ist Koktem, mein Haus hat 16 Stockwerke. Fast wie bei dem Berliner Gossenrapper Sido, auch sein Block reicht vom ersten bis zum sechzehnten Stock. Sidos Block ist das Märkische Viertel, benannt nach der Mark Brandenburg. Theodor Fontane erwanderte die Mark Brandenburg und erkundete Klöster, Orte, Landschaften und Menschen.

Am alten Fontane werde ich mir ein gutes Beispiel nehmen und möchte Koktem erwandern. Das Wandern ist weiß Gott nicht nur des Müllers Lust. Die größten Denker unserer Zeit waren Flaneure. Lustwandeln ist philosophische Disziplin, Lebenskunst und kostet vor allem Zeit und Geduld. Goethe ging nach Italien, Joseph Roth aber schlenderte bereits 1926 durch die Sowjetunion und Moskau kennt wohl keinen größeren Spaziergänger als Karl Schlögel. Aber was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Ich werde auch einen Spaziergang unternehmen. Ich möchte mehr lernen über meine neue Heimat, Straßen, Plätze und Parks in und um Koktem herum erschlendern, Menschen beobachten und Anekdoten erzählen.

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Alles neu macht der Mai, macht die Seele frisch und frei. Koktem heißt Frühling auf Kasachisch. Das Viertel liegt im Süden der Stadt, zwischen den Prospekten Abai und Al-Farabi und wird vom Flüsschen Jessentai durchkreuzt. Mein Blick schweift aus dem Fenster über die frischen, saftig grünen Bäume auf die noch schneeweißen Berggipfel des Transili-Alatau-Gebirges. Die kasachische Steppensonne wärmt die Haut, aber es ist noch nicht zu heiß für einen ausgedehnten Frühlingsspaziergang durch Koktem. Es ist grün hier und ruhig. In den kleinen, schattigen Seitensträßchen findet sich Wohnarchitektur aller Epochen nebeneinander. Ich bin noch blass vom Winter, steche fleischig-rot zwischen den Kasachen hervor. Im Café bevorzuge ich den Patz an der Sonne, wohl so eine deutsche Eigenheit, welche hier mit völligem Unverständnis aufgenommen wird.

Ich hoffe, je mehr ich meine Straßen kennenlerne, desto gebräunter werde ich, desto mehr gehe ich in meinem Umfeld auf und desto weniger falle ich auf. Koktem ist ein kasachischer Mikrokosmos. Ich möchte in dieser kleinen Welt Kasachstan besser verstehen. Koktem, Almaty, Kasachstan, Zentralasien, vom Kleinen ins große Ganze. Ich verschränke die Arme hinter dem Rücken und blicke nach oben, entlang der Häuserfassaden der sowjetischen Wohnblocks und in die grünen Baumwipfel. Eine große Unbekannte, dessen Straßen sich der Flaneur zu eigen machen möchte. Ich lade Sie ein, kommen Sie mit auf meinen Spaziergang, wenn Sie denn möchten!

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