Der Fall der Berliner Mauer hat nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt verändert. Auch auf Kasachstan haben die Ereignisse des 9. November 1989 bis heute Auswirkungen.

„Mit dem Zusammenwachsen beider Teile Deutschlands ist es ein bißchen wie mit der Ehe: Anfangs ist man frisch verliebt, enthusiastisch; dann kommen Krisen, und später normalisiert sich das Ganze.“

Wenn Hartmut Koschyk so über die Zeit nach dem Mauerfall vor 30 Jahren spricht, möchte man schmunzeln. Das ist durchaus so gewollt, denn der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung hält nicht viel von Schwarzmalerei, wenn es um die Erfolge und Misserfolge im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung Deutschlands geht.

Kritik an einer Vernachlässigung des Ostens durch die Bundespolitik oder einer Undankbarkeit der Ostdeutschen nahm in den letzten Jahren in der Diskussion viel Raum ein. Vieles davon hält Koschyk für medial überzeichnet. „Noch nie haben sich die Menschen in Deutschland so glücklich gefühlt“, sagt er mit Blick auf die jüngst veröffentlichten Ergebnisse des „Glücksatlas“. Tatsächlich hat auch das Lebensglück der Ostdeutschen mit 7 von 10 möglichen Punkten einen neuen Höchststand in der Studie erreicht, die im Auftrag der Deutschen Post erstellt wurde. Zudem zeigen andere Umfragen, dass eine überwältigende Mehrheit der Deutschen die Wiedervereinigung auch heute noch für richtig hält. Gleiches gilt für die Frage, ob die Aufarbeitung der Verbrechen im SED-Unrechtsstaat weitergehen solle.

Auch Kasachstan profitierte vom Mauerfall

Am Samstag war Koschyk Hauptgast bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, die dem Mauerfalljubiläum eine ganztägige Konferenz in Nur-Sultan widmete. Dort wurde nicht nur der Mut der Ostdeutschen gewürdigt, der letztlich zum Fall der Mauer und zur Implosion des DDR-Regimes geführt hatte. Wie als Antwort auf die innerdeutsche Diskussion ging es vor allem auch um die internationale Dimension des Ereignisses. Schließlich steht der Mauerfall im Kontext von Gorbatschows Reformpolitik sowie Demokratiebewegungen in den mittelosteuropäischen Ländern, etwa „Solidarnosc“ in Polen oder der „Charta 77“ in der damaligen Tschechoslowakei. Die anschließende Wiedervereinigung wiederum wäre ohne die Zustimmung der Alliierten und ohne Einverständnis der Nachbarn Deutschlands kaum denkbar gewesen.

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Der deutsche Botschafter in Kasachstan Thilo Klinner erinnerte in seinem Grußwort daran, dass der Mauerfall die Entwicklung hin zu einem freien und vereinten Europa beschleunigte. Auf dem eurasischen Kontinent hätten sich trotz der schwierigen 1990er Jahre „die Lebensverhältnisse merklich verbessert“.

Auch auf Kasachstan hatte der Mauerfall große Auswirkungen, ebnete er doch den Weg für den Niedergang der Sowjetunion, der wiederum die Entstehung eines eigenständigen kasachischen Staates einleitete. Noch am 31. Dezember 1991 erkannte das wiedervereinigte Deutschland Kasachstan als unabhängigen Staat an. Am 11. Februar 1992 nahmen beide Länder diplomatische Beziehungen auf, und im gleichen Jahr strömten die ersten deutschen Unternehmen ins Land, von der Deutschen Bank über Siemens und BASF bis hin zu Lufthansa.

Die Teilnehmer der KAS-Konferenz in Nur-Sultan – in der Mitte Hartmut Koschyk

Schon früher jedoch begannen andere, es in der Gegenrichtung zu verlassen. Als etwa Hartmut Koschyk 1990 erstmals als Abgeordneter in den Bundestag einzog, kamen fast 400.000 Spätaussiedler nach Deutschland – in einem Jahr. „Wir haben nie eine Anwerbungspolitik betrieben“, sagt Koschyk. Aber man habe versucht, gute Bedingungen für Aufnahme und Integration zu schaffen. „Und die, die gekommen sind, sind im Großen und Ganzen gut integriert.“ Bestes Beispiel sind für Koschyk Kasachstandeutsche, die sich in der neuen Heimat zu tüchtigen Geschäftsleuten mauserten und sich heute als Investoren in Kasachstan einbringen. „Es ist ein Zeichen dafür, dass diese Menschen nicht im Groll von Kasachstan geschieden sind.“

Kasachstanische Identität infolge der Wendeereignisse

Dass das so ist, liegt nicht zuletzt am Umgang des jungen kasachischen Staates mit seiner multiethnischen Situation. Der Begriff „Kasachstaner“ impliziert, dass alle Einwohner des Landes sich als dessen gleichberechtigte Staatsbürger verstehen sollen, ohne dabei ihrer Sprache, Kultur und Tradition abzuschwören. Der „Tag der Einheit des Volkes“ als nationaler Feiertag unterstreicht das symbolisch, auch wenn von ihm durchaus die Botschaft ausgeht, dass die Kasachen in ihrem Land die Gastgeber sind, denen die anderen Völker Dank für die freundliche Aufnahme zollen.

Der Staat ist in Fragen des Spracherhalts und der Bildung zu Zugeständnissen an die Minderheiten bereit, wie etwa die Aufwertung von Deutsch gegenüber Englisch als dritte Sprache zeigt. Und Ende September bekräftigte Leonid Prokopenko von der Volksversammlung Kasachstans beim 30-jährigen Jubiläum der „Wiedergeburt“: „Die Deutschen sind ein nicht wegzudenkender Teil des geeinten Volkes Kasachstans.“

Deren Vorsitzender Albert Rau erinnerte am Samstag in Nur-Sultan daran, dass dies anfangs, nach dem Zerfall der Sowjetunion, für viele Beobachter noch nicht selbstverständlich war. Es habe die Befürchtung gegeben, dass nationale Konflikte ausbrechen könnten. Der frühere Präsident Nasarbajew aber habe ein gutes Verhältnis zwischen den Nationalitäten zur Priorität gemacht – gerade wegen der mangelnden Erfahrung des Landes mit Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit. „Für den Ersten Präsidenten war es wichtig, die geistigen Grundlagen für das Zusammenleben zu schaffen.“

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Raus eigene Position im politischen Gefüge des Landes ist beispielhaft für die Einbindung von Minderheitenvertretern im multiethnischen Kasachstan. Als stellvertretender Minister für Investitionen und Entwicklung reiste er regelmäßig zu Konferenzen nach Deutschland, hielt den Kontakt zu dortigen kasachstandeutschen Geschäftsleuten und lud sie nach Kasachstan ein. Als Maschilis-Abgeordneter setzt er sich weiterhin für die Interessen der deutschen Gemeinschaft ein – im guten Einvernehmen mit der politischen Führung des Landes und mit Unterstützung aus Deutschland.

Auf der Konferenz herrschte weitestgehend Einigkeit darüber, dass die Entwicklungen, die mit dem Mauerfall ihren Ausgang nahmen, positiv auf beide Länder gewirkt haben. Für den Leiter des kasachischen Auslandsbüros der KAS Thomas Helm ist der 9. November 1989 so auch „ein Tag, über den man sich uneingeschränkt freuen kann“.

Christoph Strauch

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