Schon so selbstverständlich ist uns die europäische Integration, die Reisefreiheit, die gemeinsame Währung, dass wir vergessen, dass die Europäische Union kaum ein paar Jahrzehnte jung ist. Wir haben den Eindruck, dass Europa irgendwie wie von selbst passiert.

Und schimpfen auf die politischen Gremien, dass sie so viel Bürokratie verursachen und er so gar nicht vorwärts schreiten will, der europäische Einigungsprozess. Und dabei sind es schon 25 Staaten, die sich auf gemeinsame Werte einigen. Und es werden noch mehr. Und wo viel passiert, herrscht viel Bürokratie. Und wo es demokratisch zugeht, geht es auch sehr langsam vorwärts. Das sind quasi Naturgesetze. Doch in Europa wird viel gemeckert und gemäkelt. Weil er eben so ist, der Europäer und auch gar nicht anders sein kann. Denn Meckern und Mäkeln ist ein Zeichen politischen Interesses, von Demokratie und bürgerschaftlichen Engagements, von Zivilcourage, Aufgeklärtheit und Fortschrittsdenken. Und darum will der europäische Bürger mehr, noch mehr Freiheit und Rechte und soziale Gerechtigkeit und noch mehr Transparenz und gleichzeitig einfachere Verfahren. Und dabei denkt der Europäer nicht nur an sich, sondern in Europa soll es gerecht zugehen. Und darum muss der Europäer auch streiten und kämpfen, mit Worten und Projekten. Und darum bekommt der Europäer auch viele Fördermittel, um etwas zu bewegen. Und tatsächlich ist da viel Bewegung drin in Europa.
Sicher, es knarrt und knirscht an vielen Stellen, es gibt viel Bürokratie, es wird viel Geld verschwendet, nicht alles läuft schlank und rund – wenn man sehr nah dran ist und aus kurzer Distanz direkt auf die wunden Stellen gucken kann.
Aber wenn man etwas weiter weg ist, sieht das ganz anders aus.
Was die Europäische Union bedeutet, ist mir erst während meines zweijährigen Aufenthaltes in Russland klar geworden, besonders in Wladiwostok. Ich war gerne in Russland, aber gerne wollte ich auch wieder zurück – nach Europa! Nicht in meine Heimatstadt Köln wollte ich in erster Linie, sondern in die Demokratie, die Toleranz, die Multikulturalität, die Dynamik, die Pressefreiheit und die Freizügigkeit und in die Rechtsstaatlichkeit.
Meine Rückkehr fiel in die Zeit, als Deutschland, Frankreich und die Niederlande gegen die EU-Verfassung gestimmt hatten. Ich konnte die so genannten Euroskeptiker nicht verstehen. Und niemand konnte meine Europabegeisterung verstehen. Europa ist toll! fand ich. Und meinte damit das große Ganze, die Grundwerte. Das wollte aber so gar nicht zu den differenziert denkenden Europäern passen. Inzwischen haben wir uns wieder etwas angenähert und kämpfen gemeinsam weiter für noch mehr Europa. Noch offener soll es zugehen, Europa für alle. Mit „alle“ sind vor allem die Migranten aus Drittstaaten gemeint. Viele Projekte engagieren sich für die Anerkennung der Diplome und anderer Bildungsabschlüsse von Nicht-EU-Bürgern. So sind sie die EU-Bürger, lieben ihr Europa, sind nie zufrieden und möchten die Grenzen immer weiter erweitern. Und so soll das auch sein. Aber auch gut und gar nicht selbstverständlich ist, dass es überhaupt die EU in ihrer bestehenden Form gibt. Wir sollten bei allem Skeptizismus die Errungenschaften nicht vergessen und uns hin und wieder daran erfreuen. Ein Blick aus der Ferne kann dabei helfen.

12/05/06

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