Nach 30 Jahren kehrte Familie Friedrich nach Kasachstan zurück und erzählt, warum der Besuch des damaligen Kanzlers Helmut Schmidt zu den Olympischen Spielen in Moskau 1980 eine so große Bedeutung für sie hat.

Artur Friedrich und seine Frau Valentina lebten mit ihrer Tochter Marianna in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Taldykorgan. In den 1980er Jahren hatten sie, wie auch einige andere Familien, eine Zusage von der sowjetischen Regierung bekommen, in die Bundesrepublik Deutschland umzuziehen. Damals, zu Zeiten des Kalten Krieges war es besonders schwierig, eine solche Möglichkeit zu bekommen.

Dieser Glücksfall ereignete sich im Sommer 1980, als der damalige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Schmidt in die Sowjetunion reiste. Gerade in dieser Zeit fing, wegen des Einmarsches der UdSSR in Afghanistan, der Boykott der Olympischen Spiele in Moskau an. Vor diesem Hintergrund waren die diplomatischen Beziehungen noch mehr angespannt. Trotzdem versuchte Kanzler Schmidt, seine Außenpolitik der Entspannung weiterzuführen. So besuchte er im Juli 1980 den Staatschef und Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Leonid Illitsch Breschnjew, um mit ihm über die Abrüstung der sowjetischen Raketen sowie über die Emigration der Russlanddeutschen, die damals in der Sowjetunion lebten, zu verhandeln. Zu ihnen gehörte auch die Familie Friedrich. Als sie nach Deutschland umsiedelten, war Marianna sieben Jahre alt.

Heute wohnt die Familie in der Nähe der Stadt Stuttgart. Inzwischen hat Marianna ihren Mann Stefan Zigelli geheiratet. Auf die Frage, ob sie froh darüber sind, umgezogen zu sein, überlegt Familie Friedrich nicht lange. Alle sind sich einig und antworten: „Ja, auf jeden Fall. Obwohl es natürlich schwierig war, sich anzupassen. Wir kannten nur die alte Alltagsprache, hatten eine ganz andere Mentalität und Lebensweise“, erzählt Marianna. Sie ist schon Mutter zweier Töchter und erinnert sich, dass es besonders schwer für sie war, als sie noch klein war. In der Schule, suchte sie zum Beispiel Kontakte zu ihren Mitschülern auf dem Schulhof. Dort verhielten sich die anderen Kinder ihr gegenüber abweisend: „Du sprichst so komisch Deutsch. Du ziehst dich komisch an“, waren die Reaktionen, die sie bekam. Heute spricht sie Russisch mit Akzent, aber noch auf einem guten Niveau.

„Wir hatten hier keine Pässe oder Ausweise, nur ein Papier mit Foto, überhaupt keine Staatsangehörigkeit wegen unseren Ethnizität“, erzählt Artur über den gesellschaftlichen Status der Familie in der Sowjetunion vor den 1970er Jahren. Valentina, die damals in Almaty an der Fachhochschule für Leichtindustrie studiert hatte, fügt hinzu: „Nur für das Studium hatte ich eine Bescheinigung, mit der ich mich auswies. Sie war aber nur für ein Jahr gültig und musste jedes Jahr verlängert werden“.

Die Nachkommen der Familie Friedrich, die schon in Deutschland geboren sind, sprechen fast kein Russisch mehr. „Sie waren aber ganz begeistert, als wir gesagt haben, dass wir nach Kasachstan fahren“, erzählt Marianna. Ihre 15- und 8-jährigen Töchter Elena und Isabel Zigelli bestätigen das: „Es war ganz interessant, alles war neu für uns“. Für Isabel war es überraschend zu entdecken, dass Almaty von so vielen Wasserkanälen, genannt „Aryke“, durchzogen ist. Auf sie war die Stadt früher sehr stolz. Heute ist das Wasser in den Kanälen nicht mehr richtig sauber, aber für Isabel ist es auf jeden Fall ein Abenteuer über die „Aryke“ zu springen.

Außer die Stadt Almaty, hat die Familie auch den Stausee Kapschagai sowie ihr Heimatdorf in der Nähe von Taldykorgan besucht. „Unser Heimatdorf haben wir kaum wiedererkannt, dort sprechen fast alle nur noch Kasachisch“, berichten Artur und Valentina, die sich dort mit Freunden aus alten Zeiten trafen.

Auf die Frage, ob sie manchmal Sehnsucht nach ihrer alten Heimat haben, antwortet die ältere Generation der Familie, dass sie nicht wirklich wieder zurückwollen. „Aber wir kochen dafür in Deutschland Besbarmak und Sorpa, die ganze Familie mag das“, erzählt Valentina. Besbarmak und Sorpa sind kasachische Gerichte aus Teig und Fleisch. Zustimmend nickt Mariannas Mann Stefan Zigelli, der selbst zum ersten Mal in Kasachstan ist. „Wir mögen das auch“, bestätigen Elena und Isabel, für die Kasachstan zwar kein Heimatland mehr, aber immer ein Teil ihrer Familiengeschichte ist.

Von Nurgul Zhazykbayeva

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