Mein Mitbewohner ist zuletzt ausgezogen und hat mir einige Dinge hinterlassen. Merkwürdige Dinge, wie ich sagen muss. Das heißt, wahrscheinlich sind diese Dinge gar nicht so merkwürdig, schließlich hat er sie in Deutschland, in Köln, in unserem Stadtteil gekauft.

Und wahrscheinlich werden diese Dinge auch von vielen anderen Menschen gekauft und benutzt, die in diesem Stadtteil leben, und zwar mit aller Selbstverständlichkeit. Für mich sind sie so gar nicht selbstverständlich, und ich frage mich, was man damit anstellt.

Da ist zum Beispiel so ein Ding zum Saubermachen. Für den Fußboden. So viel kann ich erkennen. Aber wie man damit sauber macht, erkenne ich nicht. Ist es zum Feuchtwischen oder Trockenrubbeln, muss man noch einen Lappen irgendwo „drumwickeln“ oder „dranklemmen“? Die Putztücher, die ich finde, überfordern mich. Nass oder trocken, für Spiegel und Fenster oder für den Boden? Und das, obwohl ich schon seit Jahren und Jahrzehnten putze. Ich habe schon vielen anderen Menschen beim Putzen zugesehen und dennoch solche Utensilien nie gesehen. Auch in den Supermärkten muss ich konsequent daran vorbeigelaufen sein.

Dann sind da die alkoholischen Getränke. Davon habe ich einige noch nie getrunken oder gesehen. Wie geht das? Trinkt man die gekühlt oder lauwarm, gemischt mit anderen Getränken oder pur? Vor, während oder nach dem Essen? Ist es billiger Fusel oder hochwertige Ware? Dann: Jede Menge Saucen, cirka zehn Flaschen. Warum so viele? Dahinter muss ein Grund stecken. Jede Sauce für etwas anderes? Nimmt man davon viel oder wenig? Sind sie für Fleisch? Dabei ist mein ehemaliger Mitbewohner Vegetarier.
Anders herum muss ich mich fragen, ob ich Dinge mit aller Selbstverständlichkeit benutze, die für andere fremd sind. So entwickelt wohl jeder seine ganz spezifische Haushaltskultur. Das fällt mir auch bei einer Freundin immer wieder auf. Ich finde mich in ihrer Küche nicht zurecht. Sie ist stets bestens mit Teesorten, Gewürzen und Lebensmitteln ausgestattet. Will man kochen, ist alles da – meint sie. Ich hingegen finde nichts, womit ich ein leckeres Gericht zubereiten könnte. Dabei koche ich viel und gern und ganz verschiedene Sachen. Aber egal – es schmeckt mir immer alles, was sie kocht.

Auch in ihrem Badezimmer greife ich oft daneben. Wenn ich mit sicherem Griff nach der Nagelbürste greife und sie benutze, ist das falsch. Dann kann sie diese Bürste nicht mehr benutzen, für was auch immer. Jedenfalls benutzt sie das, was ich für eine Nagelbürste gehalten habe, für etwas ganz anderes.

Ich habe noch Geräte in meiner Küche, die von meiner Großmutter stammen. Komische große Keulen aus Holz, die ich allenfalls zur Abwehr von Einbrechern benutzen würde. Solche Schwierigkeiten hatte ich in zwei Jahren Russland in den dortigen Haushalten nie. Dort habe ich wahrlich oft in fremden Küchen gekocht. Dass ich mich in den hiesigen Haushalten fremder fühle als im Ausland, zeigt wieder: das Fremde ist oft näher als man denkt und findet sich sogar im eigenen Haushalt.

Julia Siebert

14/09/07

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