Frische soziologische Dynamik – DKU unter neuer Direktion

Markus Kaiser

Markus Kaiser, neuer Präsident der Deutsch-Kasachischen Universität in Almaty, der mit seinen Kollegen sowohl auf Deutsch, als auch auf Russisch kommuniziert, war vier Jahre lang Gastprofessor an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg (SPbGU) und zweieinhalb Jahre an der Amerikanischen Universität (AUCA) in Bischkek. Der Soziologe ist mit Almaty vertraut. Zum ersten Mal kam er 1995 in die damalige Hauptstadt im Zuge seiner Promotionsforschung zu grenzüberschreitendem, informellem Sektor bzw. Schmuggelhandel in Usbekistan. Auch Forschung zu Russlanddeutschen ist auf seiner thematischen Agenda. Offiziell hat sein Dienst bereits im Oktober letzten Jahres begonnen, dauerhaft vor Ort in Almaty befindet sich der DKU-Präsident seit Jahresbeginn.

 

Herr Kaiser, haben Sie momentan Forschungsschwerpunkte in Kasachstan?
Wie weit ich hier vor Ort Projekte machen kann, hängt vom Zeitbudget ab, denn die Hauptaufgabe ist selbstredend die Unileitung. Denkbar wären Projekte, wo ich in einer Art Projektleiter-Funktion fungiere, die hauptsächlich von anderen Forschenden getragen werden. Projekte sind vorstellbar, aber die Möglichkeiten muss ich noch während meiner Einarbeitung ausloten. In diesem Semester ist es aufgrund der DAAD-Evaluation und Studiengangs-Akkreditierungen wenig wahrscheinlich.

Wie kann man sich diese Evaluationen und Neuakkreditierungen vorstellen?
Akkreditierungen (bei uns durchgeführt von ACQUIN, dem Akkreditierungs-Institut mit Sitz in Bayreuth), finden für alle Studiengänge im Fünfjahres-Rhythmus statt, das gilt im Übrigen auch für Deutschland. Das ist im Grunde das Bologna-System, da wird einerseits überprüft, ob die Ausbildungsziele, die man sich im Studiengang vorgenommen hat, auch erreicht werden, und ganz allgemein die Qualität. Es wird geprüft, ob die Kompetenzvermittlung und nicht das Stofflernen im Mittelpunkt steht und die Studiengänge somit auch dem ECTS (European Credit Transfer System) entsprechen.
Unsere Universität wird unter anderem auch mit zwei großen DAAD-Projekten finanziert. Das erste gilt den Studiengängen mit Doppeldiplom in Kasachstan und Deutschland. In diesen Studiengängen unterrichten im 3. Studienjahr Gastdozenten aus Deutschland. Ferner sind das zusätzlich die Stipendien für jährlich ca. 15 Studierende, die im 4. Studienjahr an den deutschen Partnerhochschulen studieren. Evaluation und Akkreditierung bedeutet Berichte schreiben und eine Begehung der DKU durch Gutachter vor Ort. Auch Studierende und Alumni sowie Arbeitgeber werden befragt.

Gibt es einen hohen Konkurrenzdruck?
Ja, relativ. Denn wir vergeben die Stipendien nach Leistungen in den Fächern und nach Sprachkenntnissen. Jede der Partnerunis hat dabei auch noch ihre eigenen Kriterien bspw. an das Sprachniveau. Die Studienleistungen im 3. Studienjahr bei den Gastdozenten werden auch stärker berücksichtigt.

Die Uni-Partnerschaften haben sich über die Jahre entwickelt?
Genau, die hat der DAAD anfänglich über eine Sonderausschreibung gewonnen und die DKU im Laufe der Jahre (weiter-) entwickelt, er hat weitere Partnerschaften und zusätzliche Projektnehmer bspw. auch für den Studiengang Integriertes Wassermanagement – die FU Berlin – in Deutschland akquiriert. Wie entwickelt man solche Partnerschaften? Man fragt z.B. Professoren, die in der Region sind und an ihrer Universität einen für uns interessanten Studiengang haben. Man setzt sich dann zusammen und unterbreitet Ihnen einen Vorschlag. So etwas entscheidet sich meist sehr schnellt, denn ein Professor kann seine Arbeitsbelastung oder die Projektauslastung seiner Hochschule absehen. Falls Interesse besteht, arbeitet man in der Folge das gemeinsame Curriculum aus und versucht es anzugleichen für das Doppeldiplom. Dieses Curriculum muss anschließend von der deutschen Seite (Fachbereichsrat, Prüfungsamt etc.) abgesegnet werden. Das ist auch der Knackpunkt, denn wir müssen innerhalb der kasachischen staatlichen Standards bleiben, und genauso gilt das für die Deutschen, Lehrplan-Inhalte müssen für beide Seiten relevant sein. Kasachisch oder die Geschichte Kasachstans oder der Spracherwerb müssen z.B. immer als Zusatz zum Pflicht-Curriculum laufen.

Und gibt es dabei oft Probleme?
So eine Prüfung ist aufwändig und geht auch schon mal schief. Der Professor, der das in die Wege leitet, ist oft sehr optimistisch, denn er möchte ja eine Kooperation. Seine Kollegen an seiner Hochschule sind nicht selten skeptisch – stimmt denn da in Kasachstan auch die Qualität? Große deutsche Universitäten wollen es sich zweimal überlegen, ob sie zusätzliche Diplome vergeben. Sie haben ja auch einen Ruf zu verlieren. Und natürlich bevorzugt man Partnerschaften mit renommierten Universitäten wie Princeton, Harvard und Yale gegenüber Hochschulen in Zentralasien. Hier gibt es große Hierarchien, und man schaut mit einer gewissen Hoffart in Richtung dieser Region, und selbst auf Sankt Petersburg. Es ist zum Teil auch berechtigt durch disziplinäre und fachliche Unterschiede. Sozialwissenschaften hier sind sehr jung und nicht westlich geprägt, und es gibt natürlich auch Defizite bspw. im methodischen Bereich. So sind große namhafte Fakultäten nicht immer bereit zu einer Zusammenarbeit. Andere Hochschulen wie bspw. die RWTH Aachen hat Russland und China, aber nicht Kasachstan auf der Liste ihrer Internationalisierungsstrategie. Deshalb kooperieren wir stärker mit Fachhochschulen, das ist einfacher. Sie sind bereit, sich auf Doppelabschlüsse einzulassen. Für die DKU ist die Curriculumsabstimmung und der Austausch aber kein Problem, sondern zur Routine geworden.
Die Kooperation mit Fachhochschulen ist für Kasachstan auch von Vorteil, denn hierzulande sind die Unis sehr theoretisch geprägt, und es mangelt an Praxis. Das deutsch-kasachische Regierungsabkommen über die DKU ist ganz vom Geiste der Einführung praxisnaher und innovativer Studiengänge geprägt. Mittlerweile fokussiert auch das Auswärtige Amt auf die Internationalisierung der Fachhochschulen in den neuen Bundesländern. Hier liegen wir also voll im Trend.

Wie sieht es mit den Stipendien-Programmen aus?
Es gibt zwei Arten von Stipendien für DKU-Studierende. Wir sind eine private Universität und sind auf Studiengebühren angewiesen. Demnach gelten die staatlichen kasachischen Stipendien nicht für uns. Der DAAD, das Generalkonsulat, VDW, aber auch der Verein der Deutschen Minderheit „Wiedergeburt“ sowie die Firma Siemens haben unterschiedlichste Studiengebührenstipendien für die jeweiligen Fächer. So fördert Alexander Dederer, Vorsitzender der Assoziation „Wiedergeburt“, z.B. zwei bis drei Studierende, die in der Regel ethnische Deutsche sind und deren Studium von einem Stipendium seiner Assoziation getragen wird. Ferner finanziert der DAAD Lebenshaltungskostenstipendien für das Studium an der DKU – was wichtig ist für Nicht-Almatyner – und Stipendien für die Deutschlandaufenthalte zur Erzielung des Doppelabschlusses.

Wie sind ethnische Deutsche mit der Universität verbunden?
Studiengaenge, Zahl der StudierendenNatürlich wurde die Uni auch mit dem Hinblick auf die ethnischen Deutschen finanziell und ideell gefördert. Allerdings war die DKU von Anfang an in ihrem Selbstverständnis eine Universität für alle mit einer Orientierung an die qualitativ hochwertige Hochschulausbildung in Deutschland. Am Anfang waren ca. 20% der Studierenden ethnische Deutsche, heute liegen wir bei 4%. Es gab ja damals viele Projekte zur Stärkung des Bleibewillens und Bildungsangebote spielten dabei sicherlich auch eine Rolle. Seitens der GIZ wurden da viele Projekte gefördert, die das Aussiedeln eindämmen sollten. Diese Politik ist ja bekannterweise nicht aufgegangen. Die meisten Kasachstandeutschen sind ausgereist, es sind deshalb heute nur noch einzelne Studierende. Nichtsdestotrotz werden wir oft mit der deutschen Minderheit in Verbindung gebracht. Tatsächlich beschränkt es sich aber auf einige wenige Studierende, und nur die zwei oder drei Stipendien seitens der „Wiedergeburt“ sind nicht für alle offen.
24 Nationalitäten, unter ihnen Koreaner und Tataren, studieren aktuell an der DKU. Ca. 40% unserer Studierenden sind ethnische Kasachen (fast genauso viele wie Russen), und es wird mittlerweile auch Kasachisch als Sprache unterrichtet. Interessanterweise auch Russisch für Absolventen kasachischsprachiger Schulen. Die Studierenden müssen auch bei uns Kasachisch-Prüfungen bestehen, wir unterliegen auch hier der Kontrolle des kasachischen Bildungsministeriums.

Was sind die Alleinstellungsmerkmale der DKU?
Unsere Studiengänge. Der Deutschlandbezug. Der intensive Spracherwerb (Deutsch, Englisch, Kasachisch). Die Dialogorientierung anstatt eines autoritären Frontalunterrichts. Teilweise sind es inhaltliche Sachen, wenn es um die innovativen Studiengänge wie „Integrated Water Resources Management“ geht, wir haben aber auch Angebote wie Internationale Beziehungen, Marketing, Finanzen wie auch woanders. Es ist sicherlich auch das Tor nach Deutschland, und einige halten das perspektivisch für richtig. Natürlich ist es auch das Erlernen der deutschen Sprache mit Zusatzangeboten wie Sommerkursen, womit Studierende innerhalb von zwei Jahren auf ein Sprachniveau gebracht werden, mit dem sie Fachkursen hier bei Gastdozenten und später auch in Deutschland folgen können. So sind wir auch ein kulturpolitisches Standbein, was wichtig ist für den Erhalt der deutschen Sprache in Kasachstan. Nicht zuletzt ist die DKU dafür bekannt, korruptionsfrei zu sein und eine gute Ausbildungsqualität anzubieten. Außerdem ist natürlich auch die Vielfalt der Stipendien – nicht zuletzt zum Studium in Deutschland – interessant.

Kommen wir auf Ihre Forschung zu Russlanddeutschen zu Migrationsstrategien, aber auch Rückkehrern (Zuhause? Fremd? Migrations– und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien, transcript). Viele fragen sich, ob es tatsächlich viele Rückkehrer gibt, und was ihre Gründe sein können? Wie viele sind es?
Erstens hatten wir eine qualitative Studie durchgeführt. Des Weiteren gibt es keine konkreten Zahlen, da es zum Teil sehr schwierig ist, die tatsächlichen Zahlen zu erfassen. Das Bundesamt für Migration sagt, es gäbe zwischen 12.000-14.000 die zurückgegangen sind. Es gibt aber auch eine Altersruhesitz-Remigration, die kaum erfasst ist, da sich die Rentner verständlicherweise nicht abmelden, oder Menschen, die pendeln: im Winter in Deutschland, im Sommer in Sibirien oder Kasachstan.

Wie kann man sich eine Rückkehr vorstellen?
Für die Rückkehr an den Herkunftsort sind die Botschaften und auch Kulturorganisationen zuständig. Z.B. bekommt die russische Botschaft eine Jobausschreibung in Barnaul, weil es dort ein Fachkräfte-Defizit gibt. Darauf können sich Russlanddeutsche oder jüdische Kontingentflüchtlinge bewerben und sich für das Programm qualifizieren. Je nach Familiengröße bekommt man zur Übersiedlung nach Russland 40.000 Rubel oder mehr. Rückreisewillige machen in der Regel diese Hilfsangebote aus und beantragen die Teilnahme an diesen Repatriierungs-Programmen. Daraufhin kommen Sie nicht selten in Übergangsheime, die ähnlich zu denen in Deutschland sind. Man will den Russischsprachigen auf Wunsch eine Heimat bieten und damit auch Demografie-Löcher schließen.

Was sind die Motivationen hinter solchen Entscheidungen?
Das ist oft die schlechte Integration in Deutschland, z.B. aufgrund der Sprache. Nicht selten fühlen sich diese Menschen in Deutschland als Menschen zweiter Klasse. Manche wollen zur Rente wieder zurück. Andere gehen zurück, weil ihre Partner, die der eigentliche Motor der Ausreise nach Deutschland waren, verstarben oder man sich trennte. Es spielen viele individuelle Sachen mit hinein. Aber auch erfolgreich Integrierte gehen zurück, aus Nostalgie oder der Sehnsucht nach Landwirtschaft und Natur ihrer Jugendjahre. Nicht wenige kamen ja vom Land mit Haus und Hof und landeten in deutschen Städten und Wohnungen. Wieder andere nutzen wie Sie die beiden Sprachkompetenzen für ihr berufliches Weiterkommen. Einige auch in Joint Ventures.

Das Gefühl des Menschen zweiter Klasse wird ja nicht selten Menschen zuteil, die im Erwachsenenalter aussiedeln.
Genau, die jüngere Generation bezeichnet man als die mitgenommene Generation, die von den Eltern mitgenommen wurde. Bei unseren Umfragen lautete in 90 Prozent der Fälle die Antwort auf die Frage nach dem Ausreisegrund auch: „radi detej“ (Der Kinder wegen).

Hat sich das dann in den Fällen auch für die Kinder gelohnt?
Bei vielen schon. Es gibt auch eine Dissertation über junge Bildungserfolgreiche (Annett Schmitz, Transnational leben. Bildungserfolgreiche (Spät-)Aussiedler zwischen Deutschland und Russland, transcript), die den Bildungserfolg, aber auch das Zwischen-zwei-Kulturen-zu-sein beschreibt. Nicht selten fühlt sich die jüngere Generation eher fremd bei der Rückkehr in ihre Geburtsländer. Das ist eine Frage der Generationen. Generell gelten die Spätaussiedler als erfolgreich integriert. Vor einiger Zeit gab es Umfragen in Berlin Hellersdorf (Stadtteil mit hohem Anteil von Spätaussiedlern), wo sich aber bis zu 25% der Befragten durchaus vorstellen konnten zurückzugehen nach Russland oder das jeweilige Land, aus dem sie kamen. Das war vor der Zeit der großen Wirtschaftskrisen und der politischen Abgrenzung.
Es sind ja trotz allem sehr geringe Zahlen.
Die Frage ist, ob es tatsächlich nur diese 12 oder 14 Tausend sind! Das Problem sind eben diese Transmigranten, die man nicht zählen kann. Man muss auch sagen, es gibt auch wieder diejenigen, die nach der misslungenen Remigration wieder nach Deutschland zurückkommen. Man war dann doch teils mehr an die Umstände in Deutschland gewohnt. Die Beweggründe für all diese Migrationsprozesse sind oft sehr spannend und teilweise auch emotional.

Das Projekt ist abgeschlossen. Haben Sie vor, Forschungen in dieser Richtung in Kasachstan wieder aufzunehmen?
Ich habe die Idee, das Projekt weiterzuführen, mit einem stärkeren Fokus auf Kasachstandeutsche. Es ist natürlich eine Zeitfrage und Frage der Geldmittel.
Ein anderes Forschungsprojekt ist unser Projekt zusammen mit dem Lehrstuhl für Ethnologie (Schwerpunkt kulturelle Vielfalt und Entwicklungsprozesse) an der Universität Trier – mit Herr Prof. Dr. Michael Schönhuth – zu „Brain Circulation“ – also von Brain Drain über Brain Gain zu Brain Circulation (Anm. d. Red.: Brain Drain ist ein Begriff, der die Auswanderung hochqualifizierter Fachkräfte ins Ausland bezeichnet, Brain Circulation ist der Prozess, bei dem die Wanderung Hochqualifizierter auch positive Folgen für das Herkunftsland aufweist). Dazu sollen die Kohorten der transnationalen Studierenden erforscht werden. Die DKU ist hier einerseits Projektpartner, und andererseits sind die DKU-Studierenden, Absolventen und Mitarbeiter „Untersuchungsobjekt“ und somit Forschungsgegenstand. Erforschte und Forscher gleichermaßen. Ich freue mich auf das Projekt, das sicherlich spannende interkulturelle Zusammenhänge aufzeigen wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Julia Boxler.