Über die sogenannte „holländische“ Krankheit wird in Kasachstan viel gesprochen, geschrieben und diskutiert. Gemeint ist damit eine einseitig ausgerichtete Wirtschaft, die ihre makroökonomischen Erfolge im Wesentlichen einem Geschenk des Himmels – der reichen Ausstattung mit Rohstoffen – und wesentlich weniger eigenen Leistungen und Anstrengungen zu verdanken hat, obwohl es natürlich auch letztere gibt.

„Holländisch“ nennt sich die Krankheit deshalb, weil sich nach den großen Gasfunden in den 1960er Jahren im holländischen Schelfgebiet ein zu großer Teil der niederländiscchen Wirtschaft auf das Gasgeschäft konzentrierte und andere Wirtschaftszweige vernachlässigt wurden.

Die wirtschaftlichen, aber auch politischen Gefahren einer solch einseitigen Wirtschaftsausrichtung sind in Kasachstan durchaus erkannt worden und es sind Programme und Pläne zum Gegensteuern ausgearbeitet und in Kraft gesetzt worden. Bisher allerdings ohne spürbares Ergebnis, doch das soll jetzt nicht Gegenstand der Erörterung sein. Denn parallel zur ersten, noch nicht geheilten Krankheit entwickelt sich sehr schnell eine zweite, von vielen als solche noch gar nicht erkannte: der Gigantismus. Im Denken der politischen Verantwortungsträger muss im Moment alles mindestens groß, besser noch gigantisch sein. Je unwahrscheinlicher die Realisierung von Großprojekten, umso mehr glaubt man an sie, ist mein Eindruck. Es beginnt beim eigenen Kosmosprogramm, geht über Vorschläge zum Bau gigantisch langer Kanäle, die Schaffung eigener transnationaler Konzerne bis zu den 30 „Durchbruch“projekten, die in den letzten Monaten so intensiv in den Mittelpunkt geschoben werden. Sicher, man soll sich durchaus ambitionierte Ziele setzen, doch einen ausreichenden Grad an Realismus müssen sie auch ausweisen. Notwendig ist zudem auch eine ausreichende Kontinuität in den Projekten und Programmen. Natürlich müssen solche Programme auch aktualisiert, d.h., an die Realität angepasst werden. Doch das ist nicht zu verwechseln mit dem hektischen Ins-Spiel-Bringen von neuen Ideen und Projekten, wenn die erst vorgestern beschlossenen nicht gleich den erwünschten Erffekt bringen. Die Umstrukturierung einer ganzen Volkswirtschaft – das ist schließlich eher ein Marathonlauf und kein 100-Meter-Sprint.
Doch zurück zum Gigantismus. Für die Realisierung der Großprojekte werden als erstes immer erst einmal neue Verwaltungsstrukturen geschaffen, natürlich staatliche. Dem scheint der Glaube zugrunde zu liegen, dass der Staat sowieso alles besser weiß und kann und dass das Einrichten eines Direktorpostens (natürlich samt Fahrer und eines Stabes von Mitarbeitern) die erste Voraussetzung für den Erfolg des Papiers ist, dass sich Programm nennt. Den Gesetzen der Bürokratie folgend, entwickeln solche „Palaststrukturen“ meist sehr schnell ihre eigene Dynamik hinsichtlich der Schaffung schwerfälliger und auf den eigenen Vorteil bedachter Entscheidungsprozesse und Verwaltungsstrukturen. Die im Moment zu beobachtende einseitige Konzentration des politischen Interesses und der finanziellen Mittel auf die Entwicklung von Großunternehmen und Großprojekten geht einher mit einer eindeutigen Vernachlässigung des Bereichs der klein- und mittelständischen Unternehmen. Für diesen Sektor gibt es natürlich auch eigene Entwicklungsprogramme, sie stehen aber schon längst nicht mehr im Mittelpunkt. Das wäre auch kein Problem, wenn dieser Sektor blühen und gedeihen würde. Das aber kann auch der Wohlwollendste nun wahrlich nicht behaupten, ohne dabei vor Scham rot werden zu müssen.

Klar, es ist für einen Politiker – und das trifft natürlich nicht nur für Kasachstan zu – irgendwie imposanter, ein zentrales Großprojekt zu zeigen als 200 kleine, aber feine, jedoch über das ganze Land verstreute Kleinunternehmen. Sicher ist es für Kasachstan irgendwie imposant, sagen zu können, das man eine Kosmosmacht ist. Doch was haben die einfachen Menschen davon? Die brauchen zuerst sauberes Wasser, brauchbare Straßen, sichere Wohnorte, einen funktionierenden Rechtsstaat, Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Ein Kosmosprogramm ist aber ziemlich weit weg von diesen irdischen Problemen, die aber Probleme von Millionen Menschen sind. Mir zumindest scheint es für ein solches wirtschaftlich kleines Land wie Kasachstan wenig effektiv zu sein, sich ein solches eigenes teures Programm zu leisten. Deutschland z. B. tut das nicht im Alleingang, sondern nur im Verbund mit einer größeren Zahl interessierter europäischer Staaten. Der jüngste Mißerfolg im Kosmosprgramm – die technische Unmöglichkeit des Abschusses einer größeren Anzahl von Kleinsputniken von einem Flugzeug aus – sollte nur Anlass sein, nicht nur das Kosmosprogramm einer kritischen Revision zu unterziehen, sondern sich generell stärker den Problemen ringsherum auf der Erde zu widmen. Man könnte für damit viele Menschen eine andere Lebensqualität schaffen und nicht nur einige wenige Inhaber staatlicher Positionen.

Bodo Lochmann

29/06/07

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