Gleichheit lernen

Damit sich Geschichte nicht wiederholt: Junge Guides führen durch die Anne-Frank-Wanderausstellung.
Damit sich Geschichte nicht wiederholt: Junge Guides führen durch die Anne-Frank-Wanderausstellung. | Foto: Julia Boxler | DAZ

Zum ersten Mal wird in Kasachstan eine Anne-Frank-Wanderstellung realisiert. Hierzulande nahezu unbekannt, steht die bewegende Geschichte eines Mädchens aus Frankfurt am Main symbolhaft für die grausame Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. Das Projekt ist ein Lehrstück in Sachen Menschenrechte, Gleichheit sowie Demokratie und ist vor allem an Jugendliche adressiert.

An deutschen Schulen kennt sie jeder – Anne Frank steht für die verlorene Hoffnung vieler Kinder, die während des Holocaust von Nationalsozialisten ermordet wurden. Ihr Tagebuch, gefunden im Geheimversteck, in dem die Familie sich in Amsterdam über zwei Jahre verbergen konnte, ist zum Symbol des durch Antisemitismus verursachten Leids geworden.
Auf den Lehrplänen vieler Länder zu finden, ist das Tagebuch der Heranwachsenden weltweit bekannt. In Kasachstan ist das Buch weder in Bibliotheken noch in Buchläden zu finden und steht auf keinem Lehrplan. Damit war diese Geschichte hierzulande bisher nahezu unbeachtet.

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Das änderte sich in diesem Jahr mit dem Engagement von Jelena Schwetsowa, Geschäftsführerin der Stiftung „Erkindik Kanaty“. Die weltweit tourende Wanderausstellung „Anne Frank – eine Geschichte für heute“ ist bereits in der vierten Stadt der Republik Kasachstan zu erleben. Mit der finanziellen Förderung der niederländischen Botschaft und „Women of Kazakhstan“ ermöglichte die Stiftung eine Tournee der Anne-Frank-Ausstellung hierzulande. Weltweit werden diese Wanderausstellungsprojekte realisiert. Dabei steht nicht nur die Geschichtsvermittlung im Fokus, sondern auch die Auseinandersetzung mit Menschenrechten, Gleichheit und aktuellen Themen vor Ort. Als Vermittler des Wissens und Dialogpartner werden regional Jugendliche eingebunden. Sie werden Ausstellungs-Guides und damit zu Vermittlern zwischen dem geschichtlichen Kontext und der Gegenwart.
Schwetsowa, die die Ausstellung zum ersten Mal in Russland erlebte, ist der Motor des Projekts: „In speziell aufbereiteten Unterrichtseinheiten erfahren die jungen Leute, wer Anne Frank ist, sie lernen die Ausstellung und die Werte kennen, die sie transportieren will. Das sind Menschenrechte, Toleranz und Demokratie.“ Die Jugendlichen sind alle im ähnlichen Alter, wie Anne Frank es war (1929-1945), als sie ihr – nun weltberühmtes – Tagebuch verfasste.

Ein Symbol für Millionen Opfer des Nationalsozialismus

Konzipiert vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam, zeigen Schautafeln in Texten und Bildern das Leben der Familie Frank und die Geschichte des Nationalsozialismus bis zu dem gewaltsamen Tod des Mädchens im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Anne Franks Familie war nur eine von vielen Millionen von Familien, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben. Kasachstan ist das erste Land Zentralasiens, wo das Projekt präsentiert wird. Bereits in 40 Sprachen übersetzt, sind die Informationen auch erstmalig auf Kasachisch zugänglich.
Die Ausstellung fällt nicht nur in die Nähe des kürzlich am 1. Mai gefeierten Tags der interethnischen Einheit im Vielvölkerstaat Kasachstan, sondern auch auf den Tag des Sieges über den Faschismus am 9. Mai. Schwetsowa sieht neben dem geschichtlichen Aspekt den Sinn des Projekts vor allem in der Auseinandersetzung mit der Gegenwart: „Als Hitler an die Macht kam, erfolgte nicht alles von einem Tag auf den anderen. Nach und nach wurden Gesetze angenommen, die zu der Katastrophe eines ungeahnten Ausmaßes führten. Das Land war damals aufgrund des Ersten Weltkriegs in einer Krise. Es herrschten Armut und Unsicherheit unter der Bevölkerung. In diesem Szenario konnte eine Person nach und nach die totale Kontrolle übernehmen. Die Ausstellung spricht im Prinzip davon, dass unabhängig vom Land sich ein solches Szenario auf keinen Fall wiederholen darf.“

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Nach Astana, Schymkent und Taras ist das Projekt momentan in der Nationalbibliothek in Almaty zu erleben. In Taras arbeitete man in der bisher größten Dimension mit Guides aus sieben Schulen und der Deutschen Minderheit, die die Geschichte Anne Franks an SchülerInnen aus insgesamt 300 regionalen Schulen weitergaben. Als Multiplikatoren geben die jungen Experten das Wissen und die Emotionen an ihre Mitschüler und Besucher der Ausstellung weiter. „Es ist wichtig, Werte wie Offenheit, Respekt, Toleranz und die Wahrung der Menschenrechte an die Schülerinnen und Schüler heranzutragen. Ich bin froh, zu sehen, dass auch an unserer Schule sich viele Interessierte gefunden haben, die sich für das Projekt nicht nur begeistern, sondern mittlerweile mit Leib und Seele dabei sind,“ sagt Anna Wenner, Lehrerin des Gymnasiums Nr. 8 in Almaty.

Freiheit, Gleichheit und Offenheit lernen

Alle ProjektteilnehmerInnen haben ein Guide-Training hinter sich. „Wir erzählen über das Leben von Anna und über die historischen Ereignisse, sprechen über Toleranz, Menschenrechte und Engagement,“ so Schwetsowa. Die Trainings gehen tiefer als nur in Geschichtsaufarbeitung, sie sensibilisieren die Jugendlichen für Themen wie Rassismus, Diskriminierung und klären auf über Menschenrechte und Vielfältigkeit.
Alibek Mursajew durchlebte in einem Rollenspiel zur Diskriminierung echte Emotionen wie Wut und Enttäuschung, als er sich von der Gruppe ausgegrenzt fühlte.
Er schlussfolgert: „Das ist im Prinzip das Gleiche, was damals mit ganzen Volksgruppen passierte. Sie wurden nicht gehört, ausgegrenzt und hatten keine Stimme.“
Diese Themen sind auch heute so aktuell wie damals.

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Die Ausstellung in russischer und kasachischer Sprache ist noch bis einschließlich 10. Mai in der Nationalbibliothek (Abai-Pr. 14) zu besichtigen. Der Eintritt ist frei. Danach wird sie in Pawlodar zu sehen sein. Weitere Informationen: Tel.: +7 775 801 08 27, erkindikkanaty@gmail.com