Zuletzt war im Nachbarort Gemeindefest. Das habe ich mir ganz schrecklich ausgemalt. Aber es war überraschend heiter.

Am Samstag hätte er einen Auftritt, sagte mein Orgellehrer. Au ja, dachte ich, da möchte ich gerne hin. Er sagte, es wäre im Pfarramt. Nach der Messe. Au weia, dachte ich, da möchte ich nicht gerne hin. Aber so ist das eben im Leben. Wenn man Nachtisch will, muss man Salat essen. Wenn man hoch hinaus will, muss man klettern und die Höhenangst überwinden. Und wenn man ein schönes Konzert hören will, muss man ein schreckliches Gemeindefest aushalten. Jedenfalls stellte ich es mir ganz schrecklich vor: Bestimmt würde es stark regnen, wenn ich losfuhr und ich würde pitschnass werden. Nicht nur, dass ich mir eine schlimme Erkältung holen würde, die mich tageweise aus dem Job reißen würde, so dass ich Honorarausfälle hinnehmen müsste. Ich würde auch wie ein begossener Pudel dastehen, mitten im Gemeindesaal, von vielen alten höchstgläubigen Menschen angestarrt und ausgegrenzt, die als eingeschworene verschworene Gemeinde, mit fremden Menschen nichts anzufangen wüssten. Wer sonst sollte an einem Samstagabend in der Gemeinde feiern? Eben! Aber nicht nur das! Weil ich am Vortag schon zu viel gefeiert hatte, würde ich nichts essen können und schon gar keinen Alkohol trinken wollen. So würde ich mich an einem Glas Wasser festklammern und mich im schlecht beheizten Saal in meine einsame Ecke kauern. Nur ab und zu würde mich jemand ansprechen, um mich über meine Lebensbedingungen und Glaubenseinstellungen auszuhorchen, weil mir das Heidentum quasi auf der Stirn geschrieben steht. Jetzt stellen Sie sich diese Szene noch in ungemütlichem viel zu hellem Licht aus flackernden Neonleuchten vor. Jedenfalls tat ich das. Dass ich diesem Horrorszenario entgegenradelte, um mich diesen Gefahren zu stellen, schrieb ich meinem tapferen Heldenmut zu.

Wie es wirklich war: Kein einziger Tropfen fiel vom Himmel, ich kam knochentrocken an und wurde in einem schönen warmen Saal von fröhlichen altersgemischten Leuten freundlich empfangen. Als ich den vertrauten Wohlklang eines Fasses vernahm, das gerade angeschlagen wurde und ich das Büffet sah, kam sofort Appetit auf. Ich erfreute mich an den netten Kindern, gesellte mich zu einem Herrn an einem Stehtisch, enttarnte mich als Nicht-Gemeindemitglied, als im Nachbarort Zugezogene und religiös Unbedarfte, gestand ihm unaufgefordert meine Unbeholfenheit und die im Vorfeld gehegten Befürchtungen. Weder verpetzte, noch verstieß er mich, sondern zeigte sich sehr aufgeschlossen. Wir diskutierten mit seiner Tochter, wie man richtig Kölsch zapft, bekamen einen exklusiven Kölsch-Lieferservice und führten ein Fachgespräch über Sozialunternehmertum. Der eigentliche Anlass meines Kommens, die Livemusik, war sehr gelungen, sodass ich munter die Hüfte schwang, dazu 1, 2, 3, 4 … Kölsch genoss und durchweg guter Laune war. Toll, so ein Gemeindedings! Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht.

Beim nächsten Mal mache ich es wieder so: Ich male mir alles ganz düster aus und lasse mich dann davon überraschen, dass die Realität kein Stück dem Bild meiner Schwarzmalerei standhält. Wichtig ist bei dieser Methode nur, dass man sich von seinen eigenen Hirngespinsten nicht ins Bockshorn jagen lässt. Sonst entgeht einem nämlich ein Heidenspaß.

Julia Siebert

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