Einmal im Sommer veranstaltet Reiseguru Folke von Knobloch seine legendäre Long-Stayer-Party für westliche Ausländer, die es länger als fünf Jahre in Zentralasien ausgehalten haben. Diesmal war die Stimmung geknickt, denn in den vergangenen zwölf Monaten sind viele Long Stayers abgereist. Ein wichtiger Grund: Die abnehmende Gastfreundschaft der Menschen in Kasachstan.

Es herrscht Katerstimmung unter den Long Stayers um Folke von Knobloch, seines Zeichens Chef des Reiseunternehmens „Central Asia Tourism Corporation“. „Letztes Jahr gingen 70 Einladungen für unsere Long-Stayer-Party heraus. Diesmal stehen nur noch 40 Personen auf der Gästeliste, die das entscheidende Kriterium erfüllen konnten: Mindestens fünf Jahre Aufenthalt in Zentralasien“, bedauert der 73-Jährige, der bereits seit 14 Jahren in Almaty ein neues Zuhause hat. Zur siebten Long-Stayer-Party, die wie immer im Garten der Knoblochs veranstaltet wurde, sind schließlich gerade mal 20 der geladenen Ausländer aus Europa und Nordamerika gekommen. Aus dem einst sprudelnden Fest, auf dem oft bis in die Puppen gefeiert wurde, ist ein müdes Sit-In geworden: Bereits um 21 Uhr verabschiedeten sich die letzten Long Stayers, ihrem Namen keine Ehre machend.

Nachwuchs bleibt aus

„In diesem Land hat sich die Atmosphäre in der letzten Zeit extrem verschlechtert“, erklärt von Knobloch die Ausreisewelle, die den Kreis der Long Stayer um beinahe 50 Prozent geschmälert hat. „Die Menschen sind nicht mehr so gastfreundlich“, klagt er. David Berghof, ebenfalls ein reiseunter-nehemerischer Long Stayer, macht „die zunehmend aggressive und nationalistische Stimmung in Kasachstan“ verantwortlich. „Die Leute wollen zurück nach Europa“, sagt der Gründer des Reisebüros StanTours, das unter anderem Expeditionen nach Turkmenistan veranstaltet. Berghof lebt seit neun Jahren in Zentralasien, davon sechs in Almaty: „Ich bleibe in der Hoffnung, dass es irgendwann wieder besser wird“, so der 32-jährige Berliner. Die Long Stayer der ersten Generation reisen ab, der Nachwuchs bleibt aus: „Es kommen keine neuen Leute mehr nach, die länger als fünf Jahre in Zentralasien bleiben. Die meisten Ausländer arbeiten nur noch für kürzere Zeit an beruflichen Projekten und verschwinden dann wieder“, so Reiseunternehmer von Knobloch. Und weil fünf Jahre Zentralasien das Mindestmaß sind, um sich für von Knoblochs Long-Stayer-Party zu qualifizieren, ist das legendäre Gartenfest der eigentliche Leidtragende: „Im Vergleich zu den letzten Jahren ist diesmal erstaunlich wenig los“, so David Berghof, der sich die Langeweile mit Bier und dem ebenso legendären Curry von Knobloch-Gattin Christine vertreibt.

Almaty-Gefühl

Was ist das für ein Leben als Fremder in Zentralasien – fern der Heimat? Für Stanley Brown, der sein Geld in Almaty mit dem Anbau von Obst auf Plantagen verdient, ist das Dasein als Long Stayer ein ständiges Auf und Ab: „Montags bin ich zufrieden, dienstags falle ich immer in ein Loch und möchte am liebsten abhauen, mittwochs und donnerstags erhole ich mich langsam und dann kommt das Wochenende und es geht mir wieder gut“, beschreibt der New Yorker sein Almaty-Gefühl. Die meiste Zeit hat Brown fern seiner amerikanischen Heimat gelebt: „Ich bin in Pakistan geboren und habe meine Kindheit in Kenia verbracht. Noch nirgendwo habe ich so lange gelebt wie in Almaty“, so der Obstunternehmer, der 13 Jahre hier ist. „Ich bin das Leben als Fremder gewöhnt.“

Auch für Gastgeber von Knobloch ist geografische Heimatlosigkeit ein Merkmal seiner Identität: „Ich bin in Spanien geboren und aufgewachsen. Bevor ich nach Almaty kam, habe ich 20 Jahre in Singapur gearbeitet. Deutschland ist mir beinahe fremder als Kasachstan“, bekennt der Reiseguru. Von Knoblochs Gattin Christine stammt aus Singapur, in Almaty leben sie beide im Long-Stayer-Glück zusammen. „So ist es am gerechtesten. In Deutschland wäre Christine fremd, in Singapur ich. Hier sind wir beide Ausländer und größtenteils sehr zufrieden.“ Darum hat das Ehepaar Knobloch bislang noch keine Ausreisepläne gefasst.

Länger bleiben möchte auch Klaus Reinhofer, Honorarkonsul der Republik Österreich. Der stämmige Wiener hat in Kasachstan sein Liebesglück gefunden. „Dank meiner Frau Rouhan fühle ich mich in diesem Land sehr gut integriert. In unserer Freizeit haben wir sehr viel mit Kasachen zu tun“, erklärt der Diplomat, warum er sich in Zentralasien nach fünfjährigem Aufenthalt zuhause fühlt. Zwischen Curryreis, Bier und Glühwein turteln Klaus und Rouhan Reinhofer wie Frischverliebte. Von abnehmender kasachischer Gastfreundschaft will das Ehepaar jedenfalls nichts wissen.

„Lass den Molli nicht so raushängen!“

Günther Zimlich, Junior-Partner Folke von Knoblochs bei der „Central Asia Tourism Corporation“, hält ebenfalls nichts von der zeitgemäßen Nörgelei über aggressive und feindselige Menschen in Kasachstan. „Ich komme mit den Leuten hier im Allgemeinen sehr gut klar. Seit sieben Jahren wohne ich in Almaty und wurde erst einmal überfallen“, so der Long Stayer. Damals war sein Freund schuld, der in der bei Ausländern beliebten Almatyer Bar Soho für Provokationen gesorgt hat: „Ich hab’ ihm mehrmals gesagt: ‚Wolfgang, lass den Molli nicht so raushängen!’ Aber er hat ununterbrochen auf ordinäre Weise die Frauen im Soho angegraben.“ Wolfgang wollte nicht auf Günther hören, und so kam, was kommen musste: „Auf dem Heimweg haben uns die Aufpasser der Damen abgepasst und den Wolfgang verprügelt und ausgeraubt“, erinnert sich Zimlich.

Der Junior-Partner des Reisegurus selbst kommt mit den Frauen des Landes sehr gut klar. Zimlich ist mit einer bildhübschen Kasachin verheiratet, die ihm vor drei Jahren ein Mädchen geboren hat. „Dieses Kind ist ein Wunder. Sie wurde genau zum selben Datum um exakt die selbe Uhrzeit geboren wie ich. Nur 54 Jahre später“, lacht der Wahl-Almatyer aus dem fränkischen Aschaffenburg.

Von Christian Lindner

08/09/06

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