Wenn der Anlass nicht so traurig wäre, könnten Trauerfeiern ganz lustig sein. Zuletzt hatte ich jedenfalls reichlich Anlass zum Schmunzeln. Da der Verstorbene schon ziemlich alt war, war auch die Trauerschar ziemlich alt. Was manch kuriose Situationen ergab.

Das fing damit an, dass der Musiker exakt eine Woche zu früh im Trauerhaus stand, weil entweder er oder die Witwe etwas vergesslich oder schwerhörig ist (wahrscheinlich sind beide beides), und der Beisetzungstermin nicht richtig transportiert wurde. Dann war es der langsamste und gefährlichste Trauermarsch, den ich je mitmachte, da die vielen Damen und wenigen Herren allesamt wackelig auf den Beinen waren, aber zu stolz, ihre Krückstöcke zu benutzen; sich stattdessen gegenseitig zu stützen versuchten und es im Schneematschwetter obendrein noch rutschig war. Gott sei Dank passierte nichts. Für mich war es etwas gefährlich, weil mir die altersbedingt geschrumpften Trauergäste ständig ihre Schirmspitzen in Nacken und Wangen stießen, wenn sie in ihren Täschchen hantierten.

Die Damen und Herren waren offensichtlich an Trauerfeiern gewöhnt, denn ihre Sorgen kreisten um so wichtige Details, ob gute Butter im Kuchen sei oder nur Margarine. Man hatte doch extra Butter im Kuchen bestellt. Und apropos Butter, wo überhaupt die Sahne bleibe? Wie, die hätte man bestellen müssen? Na gut, dann bestelle man sie eben jetzt. Aber was sei denn das, wohl doch keine Sprühsahne! Und außerdem würden die Kuchenstücke so abgezählt aussehen! Apropos abgezählt, ob denn die Gäste noch einen Nachschlag von der Kartoffelsuppe haben könnten, der Kellner solle doch bitte mal nachfragen, wer noch was haben wolle. Es wurde lange diskutiert, wie das am besten zu bewerkstelligen sei, ob der Kellner erst frage und dann mit der Suppe komme oder ob er besser mit dem Suppentopf daherkäme, um dann zu fragen. Ich riet, den Kellner einfach seinen Job machen zu lassen – was jedoch nicht gehört wurde. Entweder, weil mir keine Lebenserfahrung zugetraut wurde oder weil die Schwerhörigkeit das allseits verbreitete Phänomen war, dicht gefolgt von der Angewohnheit, die Hörgeräte zu entbehren.

Vermutlich letzteres, wie die sehr lauten und kuriosen Dialoge zeigten. „Die sind hier alle schon alt. Die Uhr tickt, bald ist es aus. Dann sind alle weg!“ schrie mir eine Dame zu, vermeintlich flüsternd. Wer denn die da sei? schrie eine Gästin der Witwe ins Ohr. „Die? Die singt wie eine Primadonna!“ „WAS?“ schreit die schwerhörige Freundin. „Die singt wie eine Primadonna!“ wiederholt die Witwe um ein paar Dezibel lauter. „Nee, die sieht doch nicht aus wie Madonna!“ antwortet die Freundin. Ein anderer Dialog mit der Witwe war wie folgt: „Noch bin ich abgelenkt, aber ich falle bald sicher in ein tiefes Loch.“ Eine Freundin: „Oh ja, ganz gewiss!“ nach kurzer Pause: „… das wird sicher sehr schön!“

Zur Abrundung gaben sich die Witwe und ihre älteste Freundin mit Whisky den Rest. Der Kellner half, die sturzbetrunkenen Damen von der Empore über die steile Wendeltreppe ins Erdgeschoss und ins Taxi zu verfrachten. Nach dem fünften missglückten Zahlversuch der Witwe, die den Betrag nicht verstand und orientierungslos mit ihren Scheinen rumwedelte, übernahm ich das Ruder und nutzte die Situation schamlos aus, indem ich der Bedienung ein großzügiges Trinkgeld gab – man stirbt schließlich nur einmal. Ich bin heilfroh, dass alle die Trauerfeier überlebt haben.

Julia Siebert

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