Wie eine gerechte Familienpolitik aussehen soll, darüber gehen die Meinungen in Deutschland derzeit stark auseinander. Einig war sich aber die Gesellschaft für Deutsche Sprache, die den Begriff Herdprämie zum Unwort des Jahres kürte.
/Foto: pixelio / erysipel/

Der Sprecher der sechsköpfigen Jury, Horst Dieter Schlosser sagte, die Herdprämie diffamiere Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen. Geben soll es dieses Betreuungsgeld von 2013 an bundesweit für Eltern, die ihre Kinder im Alter von ein bis drei Jahren aus unterschiedlichsten Gründen nicht in einer Kinderkrippe betreuen lassen. Gleichzeitig will die Regierung den Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen forcieren. „Die ´Herdprämie` ist auf dem Weg, ihren ironischen Ursprung zu verleugnen”, so Schlosser weiter. Die Diffamierungsabsicht zeigten ähnliche Begriffe, die in der familienpolitischen Diskussion verwendet worden seien. Als Beispiele nannte er „Aufzuchtprämie” und „Gluckengehalt”.

„Freundlich-polemisch oder entsetzlich“

Die Juroren entschieden sich bei der 17. Wahl des Unwortes für eine Wortschöpfung, die in der öffentlichen Diskussion häufig zu hören war. „Ob es als Unwort kräftig genug ist, weiß ich nicht”, sagte der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, Ludwig Eichinger. „Es ist aber ein Wort, das man normalerweise im Rahmen politischer Polemik erwarten kann.” Ausdrucksstärker als die Herdprämie ist nach Auffassung von Eichinger der Begriff Gebärmaschine, den der Augsburger Bischof Walter Mixa im Streit mit den Grünen um die Familienpolitik geäußert hatte. „Herdprämie erinnert so ein bisschen an das Heimchen am Herd und an Frauenbilder, die ironisiert werden”, meinte Eichinger. „Je nachdem, auf welcher politischen Seite man steht, findet man es jetzt freundlich-polemisch oder entsetzlich.”

Herdprämie als Kampfbegriff

Wann der Begriff das erste Mal verwendet wurde, konnte die Jury nicht ausmachen. Ursula von der Leyen (CDU) hatte bereits wenige Monate nach der Bundestagswahl 2005 als designierte Bundesfamilienministerin gesagt, das geplante neue Elterngeld, das seit Anfang 2007 in Kraft ist, solle „keine Herdprämie” werden. Zu den prominenten Kritikern des Worts im Streit um einen Betreuungsbonus für Eltern, die ihre Kinder ausschließlich zu Hause erziehen, gehört der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann. Er forderte im Sommer 2007 einen Verzicht des „Kampfbegriffs”.

„Ein ziemlich doofes Wort und wahrscheinlich böse gemeint, aber völlig unerheblich für das, was wir an Sprachverwahrlosung heute zu beklagen haben”, sagte der Präsident der Schriftstellervereinigung PEN, Johano Strasser. „Was unsere Sprache wirklich krank macht, das ist die mediale Verkürzung von Aussagen zu Kurz-Statements, das schlampige „irgendwie”, die Inflation der Superlative, die Verweigerung von Begründungen, der Zahlenfetischismus und die Scheinwissenschaftlichkeit.” Die jährliche Kür des Unworts sei selbst ein Symptom der Sprachverwahrlosung, die sich auf dem Niveau der Fernsehshow „Deutschland sucht den Superstar“ bewege. (tans / dpa)

25/01/08

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