„… Hildebrandts Buch geht alle an“

Georg Hildebrandt.
Georg Hildebrandt. | Bild: VadW-Archiv

Die politischen Repressionen der 1930er und 1940er Jahre mit dem Höhepunkt 1937-1938 hinterließen fast in jeder deutschen Familie in der Sowjetunion verheerende Spuren – in nicht wenigen Familien wurden gleich mehrere Mitglieder ausgelöscht. In der Erinnerungskultur der Russlanddeutschen spielt der Zeitabschnitt der stalinistischen „Säuberungen“ dennoch eine eher untergeordnete Rolle. Die Slawistin und Historikerin Alexandra Steinmüller stellt das Überleben in den stalinistischen Arbeitslagern in den Mittelpunkt ihrer Forschung und macht es an zwei Werken, die die Lagerliteratur maßgebend vertreten, fest.

In ihrer Bachelorarbeit „Evgenija Ginzburg und Georg Hildebrandt über das Überleben in den sowjetischen Arbeitslagern“ vergleicht sie zwei Autobiographien – „Krutoj marschrut“/„Harte Marschroute“ (in deutscher Übersetzung zwei Teilbände: „Marschroute eines Lebens“ und „Gratwanderung“) von Jewgenija Ginsburg (1904-1977) und „Wieso lebst du noch? Ein Deutscher im GULag“ des Russlanddeutschen Georg Hildebrandt (1911-2008), die die Schrecknisse in den stalinistischen Zwangsarbeitslagern der Sowjetunion und deren Folgen beschreiben. Diese beiden Werke hat Alexandra bewusst ausgewählt, weil „die Autoren durch ihre Willenskraft, ihre Hoffnung und ihre Menschlichkeit in der Lagerliteratur besonders hervorstechen“.

Georg Hildebrandt „Wieso lebst du noch? Ein Deutscher im GULag“, erschienen 1990 im Abend Verlag Stuttgart.
Georg Hildebrandt „Wieso lebst du noch? Ein Deutscher im GULag“, erschienen 1990 im Abend Verlag Stuttgart.

Während Ginsburgs Memoiren eines der frühesten Zeugnisse über den sowjetischen Gulag darstellen und inzwischen zum kanonischen Text der russischen Lagerliteratur geworden sind, ist Georg Hildebrandt bei weitem nicht so bekannt, erst recht nicht auf internationaler Ebene. Sein autobiographisches Erinnerungsbuch „Wieso lebst du noch? Ein Deutscher im Gulag“, war 1990 die erste Publikation eines Russlanddeutschen dieser Art überhaupt. Sein Schicksal steht stellvertretend für das Tausender Leidensgenossen, dem man nur durch Flucht oder Selbstmord entrinnen konnte.

„Ein untergeordnetes Ziel dieser Arbeit ist es daher auch, Aufmerksamkeit auf die russlanddeutsche Lagerliteratur zu werfen, deren Besonderheit in ihrer Geschichte liegt“, schreibt Steinmüller. „Es gibt noch viele Erinnerungen an jene grausame Zeit, über die ich auch heute nicht sprechen kann. Das Vorstellungsvermögen eines Menschen, der nicht durch diese Hölle gegangen ist, reicht nicht aus, um die vielfältigen Methoden der Unterdrückung zu begreifen, und die Seele keines Menschen kann sie ohne schlimme Wunden überstehen“, zitiert sie Georg Hildebrandt.

Sein Lebensweg beginnt 1911 in Kondratjewka, einem deutsch-mennonitischen Dorf im Dongebiet, und endet mit seiner Niederlassung in Deutschland. 1929 wird seine Familie enteignet und ausgesiedelt. 1930 wird Hildebrandt aus nichtigem Anlass zum ersten Mal verhaftet, flüchtet aus dem Gefängnis und wird in Abwesenheit zu fünf Jahren Zwangsarbeit mit Aberkennung der Bürgerrechte verurteilt. Von nun an ist er dauernd auf der Flucht, zieht von Ort zu Ort, arbeitet als technischer Zeichner, Konstrukteur oder auch als Deutschlehrer im Uralgebiet, in der Ukraine und in Sibirien.

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Nach dem Kriegsbeginn wird er als Deutscher zur Zwangsarbeit mobilisiert, heiratet 1945 Agathe Schmidt, wird zwei Jahre später zum zweiten Mal verhaftet und zu sechs Jahren Straflager und anschließender Verbannung verurteilt. Zwischen 1947 und 1953 sitzt er in siebzehn Straflagern ein, darunter in Sewerouralsk, dann im ostsibirischen Tschulman und schließlich am Kolyma-Fluss, einem der größten und berüchtigtsten Straflager der Sowjetunion – sein Heimatdorf sieht er nie wieder.

Kolyma
Kolyma | Bild: VadW-Archiv

An den Oberlauf-Ufern des Flusses Kolyma (Gebiet Magadan) befanden sich bis in die späten Nachkriegsjahre mehrere Arbeitslager. Sie waren in den großen zum Gulag-System gehörenden Dalstroi-Komplex eingebettet, in denen über viele Jahrzehnte Hunderttausende Strafgefangene unter menschenunwürdigen Bedingungen und vor allem in der eisigen Kälte vor allem nach Gold schürfen mussten: Darunter nicht nur Verurteilte aus der Sowjetunion, sondern auch viele Kriegsgefangene des Zweiten Weltkrieges.

Hildebrandt überlebt, schwer lungenkrank, und kehrt nach der Entlassung aus dem Kolyma-Straflager 1953 zu seiner Familie nach Krasnoturinsk/Ural zurück. 1955 trifft er auf einen der Männer, die ihn 1947 verhaftet hatten. Dieser fragt ihn überrascht: „Wieso lebst du noch?“ – daher auch der Titel seines Erinnerungsbuches.

1961 übersiedelt Hildebrandt nach Alma-Ata/Kasachstan und wird vier Jahre später rehabilitiert. 1974 kann er mit seiner Frau Agathe, die meist von ihm getrennt in der Verbannung gelebt hatte, nach Deutschland ausreisen. Hier lebt er zuletzt in Heidelberg und wird 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz für Verdienste um die Verständigung und Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen ausgezeichnet. Sein Erinnerungsbuch erlebte nach der ersten Auflage 1990 drei Jahre später eine zweite. „Phantasiebegabte, mitfühlende Leser sollten für die Lektüre starke Nerven haben. Hildebrandts Buch geht alle an“, schrieb dazu die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ 1993. Zwei Jahre später brachte Hildebrandt sein Buch „Erst jetzt lebe ich. Echo auf das Buch ‚Wieso lebst du noch? Ein Deutscher im GULag‘“ heraus.

Im Unterschied zu Hildebrandts Erinnerungsbuch wurde die Autobiographie von Jewgenija Ginsburg, die 18 Jahre Haft, Lager und Verbannung bis zu ihrer Rehabilitation 1955 umfasst, letztendlich ein internationaler Erfolg. Ginsburg, in einer jüdischen Apothekerfamilie in Moskau geboren, war vor ihrer Verhaftung 1937 als Hochschuldozentin in Kasan tätig. Zu zehn Jahren Haft verurteilt, lernt sie im Lager ihren zweiten Ehemann, den deutschen Arzt Anton Walter, kennen (siehe Kasten).

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Nach der Freilassung 1947 und ihrer teilweisen Rehabilitierung 1955 arbeitet Ginsburg seit 1959 an ihren Memoiren, die sie nur in Auszügen in verschiedenen Literaturzeitschriften veröffentlichen konnte. Die vollständige Fassung von „Krutoi marschrut“ war in der Sowjetunion nur im „Samisdat“ („Selbstauflage“/„Selbstverlag“) verbreitet. Über „Samisdat“ landen Ginsburgs Erinnerungen im „Tamisdat“ (wörtlich: „Dortauflage“/„Dortverlag“) – die Bezeichnung für verbotene Literatur aus den sozialistischen Ländern des Ostblocks, die von in ihren Heimatländern lebenden Autoren verfasst, aber im Westen gedruckt wurde. 1967 erschien Ginsburgs Autobiographie im Verlag Possev (Frankfurt/Main) und im Mailänder Verlag Mondadori in russischer Sprache. Das Buch wurde bald darauf in verschiedene Sprachen übersetzt, eine weitere russischsprachige Ausgabe erfolgte 1985 in New York.

Kolyma | Bild: VadW-Archiv

Ohne Wissen von Ginsburg gelangte der erste Teil ihrer Memoiren in die DDR und danach 1969 nach Hamburg – unter dem Titel „Marschroute eines Lebens“ als Sonderausgabe (1967) der nordfriesischen Druckerei Clausen & Bosse. 1969 wird der Titel vom in Hamburg ansässigen Rowohlt Verlag veröffentlicht. Einige Tausend Exemplare werden per Ballon über der DDR abgeworfen – bekannt als Rowohlt-Ballonaffaire, die mitten im Kalten Krieg beinahe zum internationalen Skandal führte, stilisiert zu einem Akt „der psychologischen Kriegsführung gegen den Sozialismus“. In den späteren Jahrzehnten wird das Erinnerungsbuch („Marschroute eines Lebens“ und „Gratwanderung“), vor allem im Verlag Piper (München/Zürich), mehrfach verlegt.

Unterschiedlich ist die Darstellungsweise des (Lager-)Lebens der beiden Autoren in ihrer literarischen Ausschmückung. Ginsburg stellt ihre innere Gratwanderung sehr tiefgründig dar und lässt den Leser tief in ihre Seele blicken. Sie verziert ihre Autobiographie „an vielen Stellen unter der Verwendung von Poetik, selbst schreckliche Erfahrungen verpackt sie in Assoziationen und Metaphern“. Bei ihr ist die „Verbindung zur Literatur ein zentraler Grundstein, der das gesamte Werk maßgeblich bestimmt. Es lässt sich kaum eine Situation finden, zu der Ginsburg keine Verse oder Zitate berühmter Dichter wie Puschkin oder Blok einfallen“, so Steinmüller.

Hildebrandt bevorzugt eine nüchterne und sachliche Darstellung seiner Erlebnisse, er hegt keinen Anspruch auf Ästhetik und künstlerische Darstellungsweisen. Immer wieder ergänzt er seine eigenen Erfahrungen mit Schilderungen seiner Mithäftlinge, worin sich der Wahrheitsanspruch seiner Erzählart widerspiegelt – ihm sind die Tatsachen und die Ereignisse wichtiger. Die Motivation für seine Autobiographie beschreibt er folgendermaßen: „‚[…] ich höre die Rufe Tausender verscharrter Menschen, von denen keiner sein elendes Ende kundtun kann: Du warst unser Bruder im Leiden. Heute bist du in Freiheit. Schreibe!‘ Er bezeichnet es als seine ‚Pflicht‘, alle Grausamkeiten anzuprangern. Wer schweigt, der mache sich mitschuldig. Ein Psychologe gab ihm den Rat, Schreiben könne ihm helfen zu vergessen“, betont Steinmüller.

Kolyma | Bild: VadW-Archiv

Das Schreiben als eine Art von Ver- und Aufarbeitung schrecklicher Erfahrungen des eigenen Lebens ist auch von vielen anderen russlanddeutschen Zeitzeugen bekannt. In dem Bestreben, sich die traumatischen Erlebnisse von der Seele zu schreiben, ist in Deutschland eine in ihrem Umfang und Darstellungsintensität beachtliche Erinnerungsliteratur entstanden, verfasst von Russlanddeutschen älterer Generationen. Weil sie noch jahrzehntelang nach dem Krieg nicht in der Lage waren bzw. nicht durften, über das Erlebte öffentlich zu erzählen, hatte das Aufschreiben für viele einen therapeutischen Effekt – wobei diese Memoirenliteratur auch einen nicht zu unterschätzenden dokumentarischen Wert hat.

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Allerdings weisen die Autobiographien von Ginsburg und Hildebrandt an vielen Stellen Ähnlichkeiten auf. „Damit sind nicht nur die Berichte über den Kannibalismus, die Vergewaltigungen und den Hunger gemeint, die so in nahezu jedem Buch über die Lagerhaft in Kolyma zu finden sind“, bemerkt Steinmüller.

Nicht zuletzt fällt vor allem im Umgang der Autoren mit den kriminellen Insassen des Lagers ein erheblicher Gegensatz auf. Georg Hildebrandt ist, wie auch Ginsburg, ein politischer Häftling, verurteilt nach dem Artikel 58, Paragraf 10 Strafgesetzbuch der RSFSR („Antisowjetische Agitation und Propaganda“). Anders als Ginsburg ist er als Deutscher immer wieder mit Kriminellen untergebracht, dementsprechend schreibt Hildebrandt auch viel über dieses Zusammenleben. Ginsburg hat diesbezüglich einen klaren und eindeutigen Standpunkt: Die Kriminellen stehen für sie außerhalb der menschlichen Gesellschaft.

Hildebrandt sieht sie zwar weitgehend dafür verantwortlich, die Lagerhaft zu einer grausamen Qual gemacht zu haben – dennoch ist sein Umgang mit Kriminellen von gegenseitigem Respekt geprägt. Auch wenn seine Angst vor ihnen trotzdem in seiner gesamten Autobiographie bestehen bleibt.

„Es sind nicht die Arbeit, der Hunger und die Kälte, die das Schlimmste für Hildebrandt darstellen, es ist die ständige Angst vor den Taten der Kriminellen. Weniger noch die Angst vor dem Tod durch ihre Hand als vielmehr vor der Quälerei und Schändung die dem Tod vorausgehen. Hildebrandt hat während seiner Lagerhaft immer wieder damit zu kämpfen, dass Kriminelle von KGB-Männern den Auftrag erhalten, ihn zu töten, oder sie spielen untereinander um sein Leben. Mit viel Glück überlebt Hildebrandt aber immer, während er zusehen muss, wie sich andere die Hoden an den Holzboden nageln oder Kriminelle anderen Häftlingen mit Messern blutig die Goldzähne rausschneiden. Noch im Gefängnis wird Hildebrandt in eine Zelle mit 80 Kriminellen gesperrt. Wer dorthin kommt, der soll sterben. Die Kriminellen erkennen in ihm aber einen Unterhalter: Er erzählt Geschichten und bekommt als Vergütung eine gute Pritsche und ausreichend Nahrung“, beschreibt Alexandra Steinmüller.

Im Jahre 1949 arbeitet Hildebrandt als Techniker, ihm untersteht eine Brigade von 30 Mann in einem geheimen Sägewerk. Dort muss er acht Kriminellen befehlen, einen Stacheldrahtzaun um das Lager zu bauen. Als Antwort bekommt er zuhören: „Hör mal, du weißt wohl nicht, dass wir Sakonniki sind. Wir werden Baumstämme stapeln, Wald roden, aber wir tun nichts, was unsere Gefangenschaft fördert.“ Dieses Gesetz gefällt Hildebrandt. Trotz der Arbeitsverweigerung, die ihm als Verantwortlichen eventuell schaden könnte, und der sonstigen Gräueltaten der Kriminellen, respektiert er die Kriminellen als Menschen. Diese Herangehensweise wird auch von den Kriminellen anerkannt. So wird ihm von einem Zaunbau-Verweigerer das Leben gerettet, als andere Kriminelle Hildebrandts Kopf bereits verspielt haben. Als er als Techniker das Soll nicht erfüllen kann, sammeln unter anderem Kriminelle Geld für ihn. Auf dem besagten Transport in die Verbannung, sind zwölf Kriminelle damit beauftragt den widerstandsfähigen Hildebrandt endgültig auszuschalten. Doch in der Zelle angekommen, sagen sie zu ihm: „[…] vor einem Menschen, der die Kolyma überlebt hat, haben wir Hochachtung, den rühren wir nicht an.“

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Ein Thema, das die Häftlinge der sowjetischen Straflager ständig beschäftigte, und somit auch in der Lagerliteratur einen bedeutenden Platz einnimmt, war die unzureichende Lebensmittelversorgung und der daraus folgende ständige Hunger – der Häftling ist, was er isst. Dazu schreibt Hildebrandt: „Wenn ein Mensch Hunger leidet, ist er zu Dingen bereit, die er in normalen Zeiten weit von sich weisen würde.“ Das Lager ließ bei vielen Häftlingen die Hemmschwelle sinken. Einer der größten Tabubrüche seitens der Häftlinge manifestierte sich im Kannibalismus. Sowohl bei Ginsburg, als auch bei Hildebrandt sind Hinweise und Augenzeugenberichte über den Verzehr von Menschenfleisch zu finden. Hildebrandt schildert das Ausziehen der hart gefrorenen Leichen, die dann zerstückelt und gekocht werden. Obwohl er sich in den darauffolgenden Zeilen von dem Menschenfleischessern absondert, wirkt es doch so, als habe Hildebrandt Verständnis für die Kannibalen, die selbst aussehen „wie lebende Leichen“.

Beide schildern das Lagerleben als einen Überlebenskampf, der weit über das physische Überleben gegen Hunger, Kälte und Skorbut hinausging. Dazu gehöre es sich, seiner Vergangenheit nicht zu entledigen, damit die Werte und Moralvorstellungen aus dem Leben davor nicht in der Unmenschlichkeit des Lagers verloren gehen. Für Ginsburg bedeutet die Poesie eine Welt mit menschlichen Werten, in die sie sich nach Belieben hineinversetzen kann, und ein Stück ihrer noch vorhandenen Identität, die sie zu bewahren versucht.

Georg Hildebrandt identifiziert sich in seinem Buch „Wieso lebst du noch?“ auch mit seinesgleichen: den Russlanddeutschen. Die Problematik mit dem Erbe des russlanddeutschen Kulturguts und der Geschichte macht Werke wie das von Hildebrandt für das kollektive Bewusstsein einer gemeinsamen tragischen Geschichte und der Identität als eine nationale Minderheit so bedeutend. Wobei auch die Sprache für Hildebrandt – die Sprache einer Minderheit – einen besonders ausgeprägten identitätsschaffenden Charakter hat.

Den größten Halt geben den beiden Autoren die Erinnerung an ihre Familien und der Kampf um diese. Vor allem aber bestimmt sein Vater die Identität Hildebrandts, denn dieser gibt ihm den Rat, sich niemals auf die „Schmeichelreden“ des NKWD einzulassen und niemals für diese Leute als Spitzel zu arbeiten: „Es ist besser, im Gefängnis zu Tode gequält zu werden, als in Freiheit als Verräter zu leben.“ Hildebrandt wird in seiner Lagerzeit sehr oft vom NKWD angeboten als Spitzel zu arbeiten, doch mit den Worten des Vaters im Hinterkopf, lehnt er jedes Mal ab. An Hildebrandts Autobiographie lässt sich besonders gut aufzeigen, dass er seine in der Kindheit erlernten Werte unter keinen Umständen aufgibt.

„In der Wahrung ihrer Identität, und der damit verbundenen Moralvorstellungen, gleichen sich Ginsburg und Hildebrandt sehr. Sie vergessen ihre Herkunft, das was sie als Mensch vor dem Lager ausmacht, nicht. Im Gegenteil, sie setzen ihre Menschlichkeit, ihre Hoffnung und ihren Mut gegen die drohende menschliche Verwahrlosung im Lager ein und retten damit nicht nur sich selbst, sondern können positiven Einfluss auf das Leben einiger Menschen in den Zwangsarbeitslagern der Sowjetunion nehmen“, schreibt Alexandra Steinmüller abschließend.

Alexandra Steinmüller. Zusammenfassung: Nina Paulsen. Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 1/2018 von VadW.

Trailer „Mitten im Sturm“ – die Geschichte der Literaturprofessorin Eugenia Ginzburg und des russlanddeutschen Arztes Anton Walter im GULag

 

Hintergrund:

Die Jahre 1937-1938 markieren eines der dunkelsten Kapitel für die Russlanddeutschen in der Vorkriegszeit mit zahlreichen Todesopfern unter der deutschen Bevölkerung während der stalinistischen „Säuberungen“. Auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors wurden in Schnellverfahren wahllos angebliche „Volksfeinde“ und „Spione“ aus allen Bevölkerungsschichten, darunter auch viele Deutsche, von den so genannten Troikas abgeurteilt und anschließend erschossen oder in Zwangsarbeitslager deportiert.

Grundlage für die politischen Säuberungen der Jahre 1937-1938 waren der Beschluss des Politbüros des ZK der VKP(b) vom 31. Juli 1937 und derEinsatzbefehl des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten der UdSSR Nr. 00447 über die Repressivmaßnahmen gegen ehemalige Kulaken, Kriminelle und andere antisowjetische Elemente vom 30. Juli 1937, der mit seiner umfassenden Brutalität den Höhepunkt des Großen Terrors markierte. Er verfolgte das Ziel, die soziale Basis des tatsächlichen und vermeintlichen Widerstandes gegen das Regime durch die Aushebung von „Verschwörungsnetzen“ und Vernichtung bzw. Isolation ihrer Teilnehmer zu zerschlagen.

Zu Objekten des Terrors und der Repressionen wurden nicht mehr nur die aus der Sicht der sowjetischen Partei- und Staatsführung illoyalen Vertreter der Partei- und Staatselite, sondern alle potentiellen Wortführer der Unzufriedenheit „von unten“, zu denen neben ehemaligen Oppositionellen und Kulaken generell alle politisch und sozial Verdächtigen zählten. Auf diese Weise wurden Hunderttausende sowjetische Bürger verhaftet, erschossen oder ins Lager gesperrt und dem Untergang geweiht.

Einen Schwerpunkt der Massenaktionen stellten die Säuberungen unter den Vertretern der nationalen Minderheiten dar – das Misstrauen gegenüber ihnen kannte keine Grenzen. Eine Opfergruppe bildeten jene Völker und Ethnien, bei denen der Großteil der Stammesgenossen jenseits der Grenzen der UdSSR wohnte – die Deutschen gehörten dazu. So stand dem Bevölkerungsanteil der Deutschen in der Sowjetunion von 0,8 Prozent ein Anteil an der Gesamtzahl der Verhafteten von 5,3 Prozent gegenüber.

Erst nach Stalins Tod bekam das Oberste Gericht der UdSSR im September 1953 das Recht, die Entscheidungen der außergerichtlichen Gremien einer Revision zu unterziehen. Der Prozess der Rehabilitierung der unschuldig Hingerichteten dauert bis heute an und führt zu der Feststellung „Rehabilitiert wegen des Fehlens eines Straftatbestands“.

 

Zur Autorin:

Alexandra Steinmüller erforscht das Überleben im GULag und analysiert zwei maßgebliche Werke der Lagerliteratur.
Alexandra Steinmüller erforscht das Überleben im GULag und analysiert zwei maßgebliche Werke der Lagerliteratur. | Bild: privat

Alexandra Steinmüller wurde 1991 in Lüneburg geboren, ihre Eltern kamen Ende der 1980er Jahre aus Kasachstan nach Deutschland. „Ich wuchs mit drei Geschwistern in einem Dorf auf. Da wir damals noch die einzige russlanddeutsche Familie waren, eckten so manche Dorfbewohner und Klassenkameraden mit uns an. Wie so viele dachten sie, wir wären Russen und wussten mit dem Begriff Russlanddeutsche nichts anzufangen. Meiner Mutter war es aber immer sehr wichtig gewesen, uns Kindern deutlich zu machen, dass wir wirklich Deutsche sind. Obwohl es für mich und meine Geschwister oft sehr schwierig war, mit dieser Ablehnung und dem Unverständnis umzugehen, hatten wir eine sehr schöne Kindheit“, sagt Alexandra. 2011 machte sie ihr Abitur, studierte seit 2012 Geschichte und Theologie auf Lehramt an der Universität Tübingen und beendete das Studium 2016 mit der Bachelor in den Fächern Slawistik und Geschichte. Ein Seminar, in dem das Augenmerk auf der Ausbeutung der Gulag-Insassen lag, weckte ihr Interesse an den Leidensgeschichten ihrer Vorfahren – so ist die erwähnte Bachelorarbeit entstanden, die als Quelle für diesen Beitrag diente. Mittlerweile ist Alexandra in Tübingen fest verankert, verheiratet und glückliche Mutter einer Tochter.