Die Kartenbestellung für das Theater oder ein Konzert ist heute nun auch schon telefonisch möglich. Die dünnpapiernen Eintrittskarten selbst erinnern an die Hoch-Zeiten der UdSSR, als die „Druckkapazitäten“ über die Zuteilungskontingente entschieden. Für die ostkasachstanische Gebietshauptstadt Ust-Kamenogorsk reichten sie über 15 Jahre im voraus, so dass, wer will, die Preisangabe in Rubeln und Kopeken bestaunen kann.

Die offenen Eingangstüren zum Saal verwundern zunächst ein wenig. Dringen doch durch sie Stimmen, Telefonklingeln und eine allgemeine Geschäftigkeit vom Foyer nach innen. Offen sollen die Türen wohl auch deshalb stehen, weil sie den ständigen „Verkehr“ nur behindern würden. Die vielen Unpünktlichen bei verschiedensten Veranstaltungen gelten nicht etwa als unerzogene Störenfriede wie in einem beliebigen Konzert in Europa. Selbst dann nicht, wenn sie bis zu zehn Minuten nach Vorstellungsbeginn eine halbe Sitzreihe aufbitten müssen. Ein Grund für Unpünktlichkeit ist weniger in dem im Westen schon als Alibi taugenden Stau, als vielmehr in den unzuverlässigen Verkehrsmitteln zu sehen. Oder eben in der anderen Einstellung zum abendlichen Kulturerlebnis. Vor Konzertbeginn oder in den Pausen gibt es keinen Gong oder die typische Klingel. Auch die mittlerweile fast obligatorische Bitte zum Abschalten der Mobiltelefone hat sich in Kasachstan längst noch nicht durchgesetzt. Sie hätte wahrscheinlich auch wenig Wirkung, denn gegenwärtig ist der Drang, vor allen seine Erreichbarkeit (und damit Bedeutsamkeit) zu demonstrieren, stärker als jegliche Form der Rücksichtnahme und Höflichkeit. Nein, vielmehr noch, in Konzerten dürfen Klingeltöne soweit den Genuss stören, dass sich einige Angerufene nicht einmal die Mühe machen, hinaus zu gehen (was ihnen durch die erwähnten offen stehenden Türen auch erleichtert würde). So plaudern Konzertgäste vor aller Ohren gegen Opernstimmen und Orchesterklänge an, laufen desinteressierte Kinder auf und ab, werden Flaschen lautstark geöffnet. All dies will nicht recht zur erwünschten Geräuschkulisse passen. Und doch stört sich nur selten jemand daran.

Dass also viel in Bewegung ist während eines Konzertes, einschließlich der Toilettengänge einzelner Gäste, macht die Geduld der gestörten Publikums fast bewundernswert oder einfach nur unglaublich. Umso unverständlicher wirkt dagegen das Agieren der Veranstalter: in Europa müssen verspätete Gäste die Pause abwarten. Diese Konsequenz erzieht und wirkt äußerst schnell – bis zum nächsten Mal wird sich jeder gut überlegen, ob ein sehr rechtzeitiges Erscheinen nicht doch die bessere Alternative wäre.

Die entstandene Unruhe verebbt nie richtig, und offene Türen besitzen auch zum Ende des Konzertes ihre Bedeutung: bestimmte Gäste bereiten sich außerordentlich genau und abgeklärt auf den Sturm zu den Garderoben vor. Ausgedehnte Beifallsovationen sind daher selten zu beobachten – denn wenn es nicht gerade zur Garderobe geht, dann ist es der letzte Bus nach Hause, der zur Eile antreibt. Denn der ist meistens überpünktlich und wartet nicht.

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