„Branding“ und Bilderglanz: Auf dem vierten Eurasian Media Forum trafen sich über 300 internationale Vertreter von Massenmedien, um zeitgenössische Fragen des Journalismus zu diskutieren. Unabhängige Journalisten bekamen am Eröffnungstag keinen Zugang zu dem Konferenzsaal

Übergroß hängt das Logo an der Fassade des Hotels – ein angedeutetes Haus mit Spitzdach, das aus den Wörtern „Eurasian Media Forum“ geformt ist und von kyrillischen Buchstaben eingekreist wird. Auf den Flachbildschirmen im Pressepool des Hotels taucht es als Eröffnungszeichen dann wieder auf. Dicht gefolgt von Bildern Dariga Nasarbajewas, und ihres Vaters Nursultan Nasarbajew, dem Präsidenten Kasachstans.

Viel bildlichen Glanz erlebte man auf dem vierten Eurasian Media Forum von Almaty, das vom 21. bis zum 23. April stattfand. Mehr als 300 Vertreter von Massenmedien aus 40 verschiedenen Ländern hatte Nasarbajewa eingeladen, die „strategische Direktorin“ der Konferenz – darunter Journalisten, Werbestrategen und Medienpolitiker. Die Themen reichten von „arabischen Medien“ bis zu Möglichkeiten und Grenzen des Journalismus angesichts der Tsunami-Katastrophe und des Terrors. Neben der Bedeutung des Internets für die Berichterstattung wurde außerdem die Rolle des nationalen Brandings in Zeiten globaler Konkurrenz diskutiert. Auch der Funktion der Medien in den Revolutionen von Georgien, der Ukraine und Kirgisistan war ein Panel zugedacht.

Wer sich allerdings aus medialer Perspektive Aufschluss über die Ereignisse in dem zentralasiatischen Nachbarland erhoffte, wurde enttäuscht. Die Diskussion drehte sich sehr allgemein um Fragen der Revolutionen in Georgien und der Ukraine. Gleb Pawlowskij, Präsident der Stiftung für effektive Politik in Russland, versuchte immerhin eine Charakteristik der Medien bei politischen Umstürzen überhaupt. „Jede Revolution ist ein Takeover. Ein Takeover von Bildern“, sagte er, und schuf damit einen Satz, der in den folgenden Panels gern wieder aufgegriffen wurde.

So auch in dem letzten Panel, „Branding“. Der britische Image-Berater Simon Anholt saß hier zusammen mit russischen und ukrainischen Kollegen in tiefen Sesseln und plauderte gelassen aus der Schule dessen, was er „public diplomacy“ nennt. Anhold berät Länder und Regionen bei der Kreation von Images und findet es gar nicht so schlecht, wenn bereits Klischees über seine Kunden in der Welt zirkulieren. Darauf könne man aufbauen, sagte er. Viel schwieriger sei das Branding bei nahezu unbekannten Ländern wie zum Beispiel Kasachstan.

Nach Simons Ausführungen wandte sich der Moderator direkt an Nasarbajewa, die im Auditorium saß. Ob sie daran denke, einen „Branding-Minister“ einzustellen? Man müsse darüber nachdenken, sagte sie, während Kameras des staatlichen Senders Kazakh Khabar TV sie fixierten. Zu ihrer Zeit als Studentin in Moskau habe Kasachstan als hinterwälderisches Ursprungsland gegolten. Immerhin gebe es schon ein Branding im Land. Es bestehe aus dem Präsidenten Nursultan Nasarbajew.

Bei so viel Selbstreferentialität wunderte es dann doch, dass niemand die Funktionsweise der Medien am Beispiel der Konferenz selbst thematisierte. Dies um so mehr, als schon logistisch eine klare Trennungslinie zwischen den Gästen des Forums und den örtlichen, akkreditierten Journalisten gezogen wurde. Zwar wurden über Monitore die Paneldiskussionen in den Pressepool übertragen. Doch am Eröffnungstag war der Konferenzsaal für die Journalisten gesperrt – was die Kontaktaufnahme zu den Gästen erschwerte. So blieb man unter sich, und in der Sitzgruppe unweit des Pressepools entstand so manche Diskussion um den Sinn der Veranstaltung. „Warum es nicht möglich ist, auf dem Forum die Probleme der Massenmedien und des Journalismus in Kasachstan zu besprechen, verstehe ich nicht“, meinte etwa die Chefredakteurin der oppositionellen Wochenzeitung „Respublika“, Galina Dyrdina.

Dass «Respublika» wie die vom Umfang her kleinere Zeitung «SÖZ» derzeit finanzpolizeilich verfolgt wird, konnten ausländische Journalisten schließlich auf einem alternativen Briefing erfahren. Zwei Autobusse führten vom Hotel zu ihm hin, Veranstalter war die kürzlich unter der Plattform „Für ein gerechtes Kasachstan“ vereinigte Opposition. Schon im Vorfeld der Konferenz gab der unabhängige, in Deutschland ausgezeichnete Journalist Sergej Duwanow eine öffentliche Erklärung ab. „Es ist offensichtlich“, hieß es darin entschieden, „dass das Medienforum ausgedacht wurde, um die Illusion der demokratischen Orientiertheit der Organisatoren zu schaffen – den Anschein der Demokratizität der kasachstanischen Massenmedien. Tatsächlich ist alles so organisiert, dass die Grundthematik des Forums prinzipiell die dringenden Fragen des kasachstanischen Journalismus umgeht. (…) Nicht teilzunehmen an Veranstaltungen, die von Gegnern der Demokratie organisiert werden, ist meine prinzipielle Position.“ Roslana Taukina, die der NGO „Journalist in Danger“ vorsteht, hob dagegen die Professionalität der Konferenz hervor. „Jedes Jahr wird sie seriöser“ sagte sie. „Aber auf der anderen Seite dient das Forum natürlich in erster Linie der Imageaufbesserung der Regierung.“

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