Ich habe ein Beratungsangebot entwickelt, das sich in Köln ganz gut macht. Als Großstadt mit vielen Migranten, Kulturen, Branchen und eben dem, was eine Großstadt ausmacht – Dynamik – ist man hier auf dem aktuellen Stand. Die Leute erkennen die Zeichen der Zeit, wollen sich fortbilden, öffnen sich für neue Themen und Methoden. Interkulturelle Kompetenzen, Selbständigkeit, Projektmanagement lauten die Themen. Nicht wirklich neu, aber die Nachfrage ist da. Und wo eine große Nachfrage ist, da schläft auch die Konkurrenz nicht.

Drum nehme ich mir eine Karte vor und begutachte meinen neuen Markt – das Kölner Umland. Herrlich. Viele Orte, die in nur 30 Minuten mit Bahn oder Bus erreichbar sind.
Bei den Volkshochschulen in Brühl, Düren und Frechen versuche ich es als erstes. Ja, mein Angebot sei grundsätzlich interessant. Aber der Volkshochschulleiter ist etwas verhalten. Ich müsse wissen, dass der Dürener nicht der Kölner sei. Aha! Das heißt, der Dürener ist fast schon in der Eifel, das heißt, in der Landwirtschaft. Das heißt, der Dürener ist eher bodenständig. Mit abstrakten Dingen dürfe man ihm nicht kommen, es soll greifbar sein, was ich anbiete. Wie plane ich ein Projekt und setze es um? Wie gründe ich ein Unternehmen? Das sind für mich konkrete, greifbare Fragen. Ja, aber… Am besten, ich sehe mir mal die Homepage der Volkshochschule an. Gut. Ich finde unter anderem Sprachkurse, den Klassiker in den Volkshochschulen: „Klöppeln für Neugierige“ und: „Bier selber brauen“.

Wie ich mich da mit meinem Angebot einreihen kann, weiß ich wirklich nicht. In Frechen werden die Interkulturellen Kompetenzen als Exotikum ins Programm genommen, wo sie auch als solches stehen bleiben, null Anmeldungen. Auch dem Frechener sind Fremdsprachen fremd genug. Was dort als Extravaganz gut angenommen wird: „Amerikanisches Linedancing“. In Hürth kommt mit Ach und Krach ein Seminar zum Thema Selbständigkeit zustande, nur fünf Personen melden sich an. Ich fahre also zum Seminarort; zwischen Köln und Hürth liegt ein Stück Wald, ein paar Minuten Fahrzeit nur, doch der Wald trennt die Großstadt vom Lande. Dahinter sieht alles ganz anders aus. Ich bin in einem anderen Land – so scheint es mir. Ein kleiner Ort mit sehr kurzen Ladenöffnungszeiten, zwei Bäckereien, in denen die Kunden viel Zeit haben und mit den Bäckerfachverkäuferinnen sehr vertraut plaudern und wo man als Fremdling auffällt. Das Seminar ist recht konkret ausgerichtet, aber die Teilnehmer hätten es gern noch viel konkreter. Sie wollen nicht lernen, wie sie selbst ihre Daten ermitteln, sie wollen Ziffern hören, Handlungsanweisungen. Das wäre in Köln anders, denke ich still bei mir. In der Mittagspause wollen wir etwas essen. Wir sind ja hier mitten im Zentrum des Dorfes, da gibt es sicher jede Menge Angebote. Weit gefehlt. „Hier war mal ein griechischer Imbiss. Vielleicht ist der ja noch da. Wenn nicht, haben wir Pech gehabt“, vermeldet einer der Teilnehmer. Nach dem Seminar sitze ich lange an der verlassenen Haltestelle, die Bahn fährt nur halbstündig, ich komme mir wie in einem Western vor und denke: Schnell wieder in die Zivilisation. Es blieb das einzige Seminar im Umland von Köln.

Julia Siebert

07/04/2207

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