In der Schaschlitschnaja

Die Schaschlitschnaja in der Popostraße.
Die Schaschlitschnaja in der Popowstraße. | Foto: Autor

Es ist ein lauer Freitagabend, grelle Neon-Lichtschläuche blinken in die Dämmerung. Ich sitze in einem Schaschlikgrill, der einem improvisierten Bretterverschlag gleicht, im Erdgeschoss einer Chruschtschowka. Am Tisch hinter mir sitzen drei Männer, die sich lautstark unterhalten und dabei schwer fluchen. Am Nebentisch zwei Kasachen, stumm auf ihre Handys starrend. Ihre trüben Augen verraten, dass sie schon ein paar Gläser Wodka zu viel an diesem Abend hatten.

Das russische Wort „Schaschlitschnaja“ lässt sich kaum adäquat übersetzen. Dies trifft erstaunlicherweise auf viele Wörter zu, welche im Russischen Orte der Nahrungsaufnahme bezeichnen. Die Stolowaja ist eine Kantine, in der sich sowjetische Arbeiter während ihrer Schicht stärkten. In der Sakusotschnaja, einer kleinen Snack-Bar, liegt neben den belegten Broten der Fokus aber eher auf dem Verzehr alkoholischer Getränke. In der Rjumotschnaja allerdings, wohl am besten mit „Schnapsgläschen“ zu übersetzen, fehlen belegte Brote gänzlich und es wird ausschließlich Wodka in großen Mengen und kürzester Zeit zu sich genommen. Die Sowjetunion war ein Vielvölkerstaat und so gibt es daneben auch die Tscheburetschnaja mit den allseits beliebten, frittierten Teigtaschen aus der krimtatarischen Küche. Oder eben die Schaschlitschnaja.

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Mein Blick schweift in dem kleinen, schlichten, von grellen Energiesparbirnen beleuchteten Gastraum umher. Russische Popsongs aus den 90er Jahren, gelegentlich ein Tophit von Modern Talking, dröhnen blechern aus zwei knarzenden Lautsprechern. Hinten in der Ecke haben derweil zwei junge Frauen in hochhackigen Schuhen platzgenommen, auch sie trinken Wodka, regungslos und in bemerkenswert großen Schlücken. Ein Stück weit in den Bergen liegt die „Schaschlik-Street“. Dort verteilen sich auf mehreren Kilometern unzählige Schaschlik-Cafes.

Großrestaurants, in denen einstweilen auch Hochzeiten, Geburtstage, und Beerdigungen mit hunderten von Gästen stattfinden. Hier allerdings in der Schaschlitschnaja, geht es schlichter zu, rustikaler. Bier und Wodka sind billig, die drei Männer hinter mir fluchen noch immer. Auch ich genehmige mir ein Glas Wodka, blicke aus dem Fenster in die bereits dunkle Nacht und schweife mit den Gedanken ab. Schaschlik erfreut sich von Kaliningrad bis Wladiwostok allergrößter Beliebtheit. Ein Treffpunkt der sowjetischen Seele.

Der Kaukasus aber ist die Heimat des Schaschliks. Wie oft habe ich den Kaukasus bereist, habe dort Schaschlik genossen: Tiflis, Wladikawkas, Grozny. Aber Schaschlik in Zentralasien ist anders, vielleicht besser, traditionell aus Hammelfleisch. Das Geheimnis, so erzählt man sich, ist aber das Holz des Saxaul. Ein trockener, knorriger Steppenbusch, dessen rauchiges Aroma dem Fleisch eine ganz bestimmte Note verleihen soll.

Ich bin pappsatt und glücklich. Die drei schimpfenden Männer sind schon lange verschwunden. Für mich wird es auch Zeit. Ich merke, dass die Beine schwer geworden sind und verschwinde in die Nacht.