In Kasachstan wird die Seidenstraße digital

Digitale Seidenstraße
In der Digitalisierung liegt die Zukunft. | Foto: Bundesministerium für Wirtschaft

Knapp 100 Millionen Euro will die kasachische Regierung bis 2020 in die Digitalisierung des Landes investieren. Es geht um den Ausbau der Infrastruktur, e-Government, Smart Cities, Industrie 4.0. Kasachische Start-ups sollen die Pläne umsetzen und sich in Astanas neuem Technologiepark ansiedeln. Selbst eine eigene Kryptowährung ist geplant. Doch die digitale Zukunft birgt auch Risiken.

Bis 2050 will Kasachstan zu den 30 höchstentwickelten Ländern auf der Welt gehören. Um dieses Ziel zu erreichen, setzt die Regierung verstärkt auf die Digitalisierung des Landes. Digitalisierung bedeutet vor allem Vernetzung: Mehr Menschen sollen Zugang zum Internet erhalten, Verwaltungsgänge online erledigt werden können und Städte schlauer werden.
Im September wurde das staatliche Programm „Digitales Kasachstan“ präsentiert.

„Kasachstan wird konstant, von Jahr zu Jahr, seine Politik der digitalen Entwicklung anpassen und neue Projekte in das Programm integrieren, die neuen Trends entsprechen“, sagte der kasachische Premierminister Bakytschan Sagintajew damals. Dafür ist bis zum Jahr 2020 ein Budget von 38,4 Milliarden Tenge (98,5 Mio. Euro) vorgesehen.

Digitale Seidenstraße

Präsident Nursultan Nasarbajew auf der Nationalen Konferenz zur Digitalisierung.
Präsident Nursultan Nasarbajew auf der Nationalen Konferenz zur Digitalisierung. | Bild: akorda.kz

Das Programm „Digitales Kasachstan“ besteht aus vier Teilen. Der erste Teil heißt „Digitale Seidenstraße”. Es geht um die Entwicklung von Technologie, auch zur Datensicherheit, die Verbesserung des Zugangs zu schnellem Internet in ländlichen Regionen sowie des Empfangs von Radio– und Fernsehsendern. Außerdem soll ein Telekommunikations-Hub entwickelt werden, in dem große Datenmengen verarbeiten werden können.

Im zweiten Teil „Proaktiver Staat“ geht es um den Ausbau von e-Government, das heißt, bestimmte Verwaltungsdienste können künftig online erledigt werden, wie zum Beispiel sich ummelden oder ein Auto an– und abmelden. In diesem Teil ist ebenso eine Transparenzoffensive für die Regierung und das Parlament vorgesehen: Dekrete und Gesetzesvorhaben sollen künftig einfacher im Internet eingesehen werden können.

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Neue Technologien brauchen Menschen, die mit ihnen umgehen und sie bedienen können. Daher geht im dritten Bereich „Kreative Gesellschaft“ um die Förderung von Medienkompetenz. Mithilfe von Kursen sollen die Menschen nicht nur den Umgang mit digitalen Medien lernen, sondern auch kreatives Denken entwickeln.

Der vierte Teil betrifft weitgehend das, was die Bundesregierung in Deutschland „Industrie 4.0“ nennt – die Digitalisierung der Wirtschaft. Industrielle Produktion soll dank moderner Informations– und Kommunikationstechnik besser vernetzt werden. Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren direkt miteinander. Auf die Digitalisierung der Wirtschaft will sich Präsident Nursultan Nasarbajew besonders konzentrieren. „Es ist wichtig, dass staatliche und private Unternehmen zusammenarbeiten. Es ist entscheidend, ein Fundament für die großflächige Einführung der digitalen Technologie durch die Wirtschaft zu legen“, sagte er auf der Nationalen Konferenz zur Digitalisierung im September.

Allerdings geht es im vierten Teil nicht nur um Wirtschaft. Es werden auch der Ausbau elektronischen Handels, des öffentlichen Gesundheitssektors und die Förderung von Smart Cities genannt.

Smart Cities: Astana

Das Konzept „Smart Cities“ soll Städte effizienter, grüner, technologisch fortschrittlicher und sozial inklusiver machen. In Kasachstan soll Astana dabei das Paradebeispiel einer schlauen Stadt werden. Wie das aussehen und funktionieren soll, konnten die Besucher im Sommer auf der EXPO sehen: Ein gut ausgebauter, emissionsarmer öffentlicher Nahverkehr durch Trams und moderne Busse, energieeffiziente Gebäude, kostenloses Wi-Fi auf öffentlichen Plätzen.

Zudem sollen 1.690 Kilometer Fahrradwege gebaut und ein dichtes Netz von Fahrradstationen zum Ausleihen errichtet werden. Das Herzstück einer Smart City sind jedoch die Daten, die von einem jeden gesammelt werden, um die Stadt effektiver zu gestalten. Erkennt das System zum Beispiel einen plötzlichen Anstieg der Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr, werden automatisch mehr Busse und Trams eingesetzt.

Kritikern von Smart Cities ist genau dieses Datensammeln ein Dorn im Auge. Die Überwachung durch Kameras und Sensoren kann missbraucht werden. In China werden zum Beispiel bereits heute Bürger ermahnt, wenn eine Kamera erkennt, dass sie bei Rot über die Ampel gehen. Dieses Fehlverhalten wirkt sich automatisch auf ein gesellschaftliches Punktesystem aus. Je weniger Punkte man hat, desto schwieriger kann es werden, einen Studienplatz oder einen Bankkredit zu bekommen.

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Eine eigene Kryptowährung

Im Oktober kündigte Kasachstan an, eine eigene Kryptowährung entwickeln zu wollen. Es ist damit in guter Gesellschaft: neben Estland, dessen Währung „e-coin“ heißen soll, hat auch Japan kürzlich angekündigt eine eigene Kryptowährung entwickeln zu wollen: „J-coin“. Die Maltesische Firma Exante unterstützt das Vorhaben des Astana International Financial Center (AIFC) mit ihrer neuen Blockchain-Plattform „Stasis“.

„Blockchain und Kryptowährungen sind immer öfter in der heutigen wirtschaftlichen Realität anzutreffen“, sagte der Direktor des Zentrums Kairat Kelimbetow bei der Präsentation der Idee. „Wir glauben, dass das AIFC ein internationaler Hub für Blockchain-Operationen sein kann und die Entwicklung des Marktes für digitale Vermögenswerte ist eine unserer Hauptprioritäten in der nahen Zukunft.“ Blockchains sind eine Art dezentrales Buchführungssystem. Sie verschlüsseln die Transaktionen von Kryptowährungen in Blocks in einem dezentralisierten Netzwerk von Computern. Diese Blöcke bauen aufeinander auf, das heißt, dass neue Transaktionen nur möglich sind, wenn die bisherige Kette von Transaktionen stimmt, was Manipulationen vorbeugen soll.

Mehr Freiheit im Netz?

Die bisherigen Investitionen scheinen sich zumindest in einer Hinsicht zu lohnen: Im diesjährigen Ranking zur Internetfreiheit verbesserte sich Kasachstan allein aufgrund dessen um einen Punkt, weil immer mehr Menschen Zugang zum Internet haben. Momentan sind es 76,8 Prozent der knapp 18 Millionen Einwohner des Landes.

Positive Entwicklungen sieht das Ranking bei der Bezahlbarkeit, Geschwindigkeit und dem Zugang zum Internet. Ende September hatte Dauren Abajew, Minister für Information und Kommunikation, zudem angekündigt, dass im Rahmen des Programms „Digitale Seidenstraße“ 800 weitere Dörfer bis 2020 ans Glasfasernetz angeschlossen werden sollen.

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Investition in die kasachische Start-up-Szene

Bei der Umsetzung des Programms „Digitales Kasachstan“ setzt die Regierung auch auf den heimischen IT-Sektor. Bis 2021 sollen 80 Prozent aller öffentlichen Dienste digitalisiert sein. Entwickler aus Kasachstan sollen die Mittel erhalten, um entsprechende Lösungen bei e-Government oder Internetsicherheit zu entwickeln, betonte Nasarbajew unlängst.

Neben dem AIFC wird auf dem EXPO-Gelände in Astana der Internationale Technopark entstehen, in dem sich Start-ups aus der IT-Szene ansiedeln sollen, um die neuen Technologien für Kasachstan zu entwickeln. Vorbilder sind das Silicon Valley in Kalifornien, das schwedisch-dänische Medicon Valley, Skolkovo in Russland und der Hochtechnologie-Park in der belarussischen Hauptstadt Minsk.

Doch auch internationale Hilfe ist gern gesehen, schließlich will man von den „Besten“ lernen. An der Ausarbeitung des Programms waren unter anderem IBM, General Electric und Microsoft beteiligt. Außerdem gab es Treffen mit Südkoreas Vize-Minister für Inneres und Sicherheit und dem Direktor der staatlichen Singapore Cooperation Enterprise.

Russland zeigt ebenfalls Interesse an Kasachstans digitaler Entwicklung. Der russische Minister für Kommunikation und Medien, Nikolai Nikiforow, meinte, dass Russland und Kasachstan im Bereich Digitalisierung stärker zusammenarbeiten sollten. „Die Digitalisierung der kasachischen und russischen Wirtschaft sollten nicht von Entwicklungen im Ausland abhängig sein. Wir sollten selbst lernen, diese Technologien zu entwickeln“, sagte er.