Erstmals will die Sunkar-Falknerei in Almaty im kommenden Jahr versuchen, in Gefangenschaft aufgezogene Steinadler in die Freiheit auszusetzen. Doch steht es wirklich so schlecht um den König der Lüfte?

Freiheit und Unabhängigkeit – egal ob auf der kasachischen Flagge oder dem deutschen Wappen, das Sinnbild des Adlers ist über Grenzen hinweg bekannt. Seit jeher hat der König der Lüfte den Menschen fasziniert und inspiriert. Und trotzdem: „Die Anzahl der Adler geht seit Jahren dramatisch zurück“, sagt Umwelt-Expertin Dagmar Schreiber. Entsprechend hoch war das mediale Echo, als die Sunkar-Falknerei in Almaty verkündete, kommendes Jahr erstmals in Gefangenschaft aufgezogene Steinadler in die Freiheit entlassen zu wollen. Sogar „vom Aussterben bedroht“ sei das kasachische Nationaltier, schrieben manche Zeitungen – nur Medienrummel oder besteht ernsthafter Grund zur Sorge?

Über einen geeigneten Platz für die Freilassung der jungen Raubvögel werde im Mai entschieden, sagt Sergej Schmygaljow, der als Falkner in dem Vogelzentrum arbeitet. Die neue Heimat sollte sicher sein und genug Nahrung bieten. Am ehesten komme für diesen symbolträchtigen Schritt deshalb wohl ein Nationalpark infrage. Obwohl ihr Lebensweg schon geplant ist, gibt es diese heiß diskutierten Adler noch gar nicht: Die Eier werden voraussichtlich im Frühling gelegt. Derzeit leben drei erwachsene Steinadlerpärchen in der Falknerei. Zwischen Ende März und Anfang April legen die Weibchen dann im Schnitt zwei Eier, selten auch eins oder drei. Ein Teil der Eier soll künstlich ausgebrütet werden, die restlichen auf natürliche Weise von den Adlereltern. Nach 45 Tagen schlüpfen die Steinadlerküken schließlich.

„Den ersten Steinadler unserer Falknerei haben wir aus dem Zoo“, erzählt Schmygaljow. Das Weibchen dazu wurde von Jägern gebracht. Adler sind sehr treue Tiere, sie leben monogam. Deshalb wird für jeden Adler ein Partner ausgesucht. Mit den Jungtieren zählt das Zentrum inzwischen 18 Exemplare. Als die Sunkar-Falknerei 1989 gegründet wurde, war das Hauptziel, den Kasachischen Windhund zu züchten. Mit dem Aufkommen von Waffen wurde dieser Jagdhund überflüssig für den Menschen und die Zucht entsprechend vernachlässigt. Außerdem ist das Zentrum auf Sakerfalken spezialisiert. Diese machen zirka 90 Prozent der fast 500 Vögel der Falknerei aus. Wie mit dem Steinadler, wird auch mit dem Sakerfalken in Kasachstan traditionell auf die Jagd gegangen. Vor allem in den 1980er und 90er Jahren wurden viele dieser Vögel an arabische Ölscheichs verkauft, die diese für die Beizjagd nutzten, erzählt Schmygaljow. Noch heute werden Sakerfalken über die Grenzen geschmuggelt. Dieses Jahr seien bereits 24 Vögel am Flughafen erwischt worden. Daraufhin wurden sie nach Sunkar gebracht, wo die Falkner sie aufziehen und dann aussetzen. Als Hilfe bei der Jagd auf Füchse und Hasen und als treuer Gefährte des Berkutschi, wie der Adlermann in Kasachstan genannt wird, wurden die Adler jedoch nur von den wenigsten angesehen. Ganz im Gegenteil: Vor ungefähr 40 Jahren empfanden die Menschen den Adler als Konkurrenten, da er auch Jagd auf Nutztiere wie Schafe machte. So sei sogar ein Kopfgeld auf den König der Lüfte ausgesetzt worden. Diese Praktik komme ursprünglich aus Europa: Brachte jemand die Fänge des Greifvogels, so bekam er als Belohnung etwas Geld dafür.

Eine weitere Gefahr, die vom Menschen ausgeht, ist die Düngung von Feldern mit dem Insektizid DDT. Die Insekten, welche das Gift aufnehmen, werden von Vögeln gefressen, welche wiederum von den Adlern gejagt werden. Das Insektizid bewirkt eine Verdünnung der Eischalen, weshalb viele Vögel noch vor dem Schlüpfen starben. Heutzutage ist DDT weitestgehend verboten. Auch Stromleitungen stellen eine Gefahr dar. In den Alpen wird der Adler bei der Brut oft durch Touristen gestört. In Deutschland brüten laut Landesbund für Vogelschutz (LBV) in Bayern noch etwa 50 Paare. Der LBV rief 1997 das Projekt „Artenhilfsprogramm Steinadler“ ins Leben, das den Erhalt des Steinadlers in Deutschland sichern soll.

Falkner Schmygaljow schätzt, dass in ganz Kasachstan ungefähr 1500 Paare leben. Diesen Sommer führte das Zoologische Institut der Republik Kasachstan erstmals eine genaue Zählung durch. Dabei wurden die Steinadler in vier Regionen gezählt. In diesen Regionen gibt es noch ungefähr 650 Paare. „Das ist ein sehr guter Wert“, meint ein Ornithologe des Instituts, Nikolai Beresowikow. Entgegen einiger Medienberichte habe er niemals behauptet, dass der Steinadler vom Aussterben bedroht sei. Vor allem Nationalparks und Reservate dienten in Zukunft wohl als wichtige Rückzugsräume für das kasachische Nationaltier.

Von Christine Faget

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