Kasachstan und Deutschland – 25 Jahre

Ehem. deutscher Botschafter: Guido Herz.
Ehem. deutscher Botschafter: Guido Herz. | Foto: DAZ-Archiv

Guido Herz war von 2011 bis 2016 Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Astana. Zum 25-jährigen Bestehen der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Kasachstan würdigt er in einem offenen Brief die Errungenschaften des zentralasiatischen Landes seit der Unabhängigkeit 1991.

Als ich 2011 als deutscher Botschafter nach Kasachstan kam, war ich vorher Botschafter in einem großen afrikanischen Land. Dieses Land war 1961 unabhängig geworden. Trotz bester äußerer Voraussetzungen war das Land durch Experimente mit „afrikanischem Sozialismus“ Ende der 80er Jahre heruntergewirtschaftet. Die guten Voraussetzungen waren reiche Bodenschätze, lange Küsten, weltbekannte touristische Ziele (Urlaubsziele), Englisch als Amtssprache, kein Unabhängigkeitskrieg, sondern eine von den früher deutschen und anschließend englischen Kolonialherren übernommene gute physische, Verwaltungs– und Rechtsinfrastruktur.

1991 war es eines der ärmsten Länder der Welt, und das ist es immer noch. Dabei hat der Übergang zur Marktwirtschaft in den neunziger Jahren große Vorteile gebracht. Der Rohstoffboom ab 2000 und riesige Entwicklungshilfezahlungen in all diesen Jahren haben dem Land große Einnahmen beschert. Und trotzdem: 2011 hatte es ein Pro Kopf Einkommen von ca. 700 Dollar, kaum mehr als 1991. Kasachstan war bei der Unabhängigkeit 1991 ähnlich arm, aber hatte 2011 mit rund 12000 Euro ein mittlerweile rund zwanzigmal höheres Pro Kopf Einkommen.

Dabei waren hier die Voraussetzungen für eine positive Entwicklung wesentlich unvorteilhaftergewesen. Die staatliche Einheit war keineswegs sicher, die Grenzen des Landes nicht präzise demarkiert mit entsprechendem Konfliktpotential mit den mächtigen Nachbarn, die Verkehrs-Infrastruktur unterentwickelt und nur von Norden nach Süden ausgerichtet, das Erbe des sowjetischen bürokratischen Zentralismus war eine schwere Last, und zudem war Kasachstan ein riesiger Binnenstaat ohne Zugang zu den Weltmeeren. Und doch hat es eine dramatische Entwicklung zum Guten geschafft, auch im Vergleich zu den zentralasiatischen Nachbarstaaten und den meisten anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Das Land ist stabil im Inneren und nach Außen, die Wirtschaft ist leistungsfähig und zukunftsgerichtet und die physische und soziale Infrastruktur entwickelt sich dynamisch.

Dies alles war nur möglich durch eine kluge und vorausschauende Regierungsführung. Sicher hat auch der Rohstoffreichtum des Landes geholfen, aber es gibt genug Beispiele, dass der Rohstoffreichtum eines Landes mehr Fluch als Segen sein kann. Deshalb kann die Leistung Kasachstans in den vergangenen 25 Jahren gar nicht hoch genug eingeschätzt werden!
Deutschland hat von der Unabhängigkeit an eng mit Kasachstan zusammengearbeitet. Wir hatten von Anbeginn einen konkreten Anknüpfungspunkt: im ganzen Land gab es eine Million ethnische Deutsche, die in der Stalin-Zeit nach Kasachstan deportiert worden waren.

Viele von ihnen wollten nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Deutschland übersiedeln. Obwohl Kasachstan diese Menschen beim Aufbau des unabhängigen Landes gut hätte brauchen können, hat es sich diesem Wunsch nicht verschlossen und sogar aktiv mitgeholfen. So konnten diejenigen ethnischen Deutschen, die ins Land ihrer Vorväter wollten, dies auch tun. Etwa 800000 von ihnen leben mittlerweile in Deutschland und bilden eine lebendige Brücke zwischen unseren Ländern.

In diesem Jahr haben Deutschland und Kasachstan 25 Jahre diplomatischer Beziehungen feiern können; Deutschland gehörte Anfang Februar 1992 zu den ersten Ländern, die mit dem unabhängigen Kasachstan diplomatische Beziehungen aufgenommen haben.

Die Beziehungen zwischen unseren Ländern sind immer gut gewesen. Als ich 2011 nach Kasachstan kam, hatte Kasachstan gerade die erfolgreiche OSZE-Präsidentschaft des Jahres 2010 hinter sich, die durch die Teilnahme von Bundeskanzlerin Angela Merkel am Astana-Gipfel im Dezember 2010 gewürdigt wurde.

In den fünf Jahren meiner Botschafterzeit hat sich das internationale Renommee von Kasachstan immer weiter entwickelt, weit über die Rolle hinaus, die ein Land mit nur 18 Millionen Einwohner üblicherweise im internationalen Konzert spielt. Schon früh hat sich das unabhängige Kasachstan durch den bedingungslosen Verzicht auf seine von der Sowjetunion übernommenen Atomwaffen als glaubwürdiger Anwalt einer atomwaffenfreien Welt gezeigt. Kasachstan ist ein wichtiger Akteur in der Eurasischen Wirtschaftsunion geworden, hat eine wesentliche Rolle bei den Iran-Gesprächen, den Syrien-Gesprächen und der Bewältigung der Ukraine-Krise gespielt. Zu Recht ist Kasachstan als vorläufiger Höhepunkt seiner außenpolitischen Aktivitäten als nichtständiges Mitglied in der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen berufen worden.

Nicht vergessen sollte man, dass der chinesische Präsident Xi Jin-Ping im September 2013 Astana und die Nasarbajew-Universität gewählt hat, um das Jahrhundertprojekt der „Neuen Seidenstraße“ offiziell vorzustellen.

Die deutsch-kasachischen Beziehungen haben sich seit meinem Amtstantritt 2011 kontinuierlich weiterentwickelt. Das 2012 unterzeichnete „Rohstoffabkommen“ ist eine gute Basis für eine weitere langfristige Entwicklung unserer Wirtschaftsbeziehungen. Deutschland hat als erstes Land seine Teilnahme an der Expo 2017 zugesagt und hoffentlich einen Beitrag zum großen Erfolg dieses Ereignisses leisten können. Der Besuch des neugewählten Bundespräsidenten Steinmeier, eines alten Freundes von Kasachstan und seines Präsidenten, im Juli dieses Jahres unterstreicht das.

Meinen Ausführungen kann man entnehmen, dass ich Kasachstan für eine Erfolgsgeschichte halte. Aber auf Erfolgen sollte man sich nicht ausruhen, sondern bei sich ändernden Voraussetzungen die Bedingungen schaffen, dass dieses Land auch weiterhin floriert. Das weiß die kasachische Führung und hat weitreichende institutionelle und politische Reformen eingeleitet. Wenn sie diese Reformpläne konsequent umsetzt, wird das Land auch die nächsten 25 Jahre erfolgreich meistern. Deutschland steht dazu als Partner bereit.