Die Deutsche Aline Kühl hat sich in knautschnasige Saiga-Antilopen verliebt, die kurz vor dem Aussterben stehen. Regelmäßig fährt die Mitarbeiterin in die kasachische Steppe, um das Leben der Antilopenart zu erforschen, deren Hörner in China begehrt sind. 

Besonderes schön oder elegant sind Saiga-Antilopen mit ihren Knautschnasen nicht. Dennoch hat sich Aline Kühl in die Steppenbewohner verliebt. Die 24-jährige Deutsche ist Biologin am Imperial College in London. Von dort zieht es sie seit vier Jahren immer wieder in die Steppe nach Russland und Kasachstan, wo sie das Verhalten der bedrohten Tierart studiert.

„Die Saigas stehen kurz vor dem Kollaps,“ – so drastisch formuliert es Aline –,  „weil es einfach nicht mehr genügend Männchen gibt“. Wilderei ist der Grund dafür, dass die Tiere innerhalb weniger Jahre an den Rand des Aussterbens geraten sind. Gezielt werden ältere Böcke aus den Herden  „herausgeschossen“. Die 20 bis 30 Zentimeter langen Hörner der Männchen gelten in der chinesischen Medizin als fiebersenkend – und sie werden gut bezahlt. Bis zu 750 Dollar bringt ein Kilogramm Saiga-Horn auf dem Schwarzmarkt ein.

Auf Klimaextreme eingestellt

„Mittlerweile liegt der Anteil der Männchen nur noch zwischen einem und zehn Prozent“, schätzt Aline, „und damit am Rande des für den Erhalt einer Population tolerierbaren Bereichs“. Obwohl sich Saiga-Antilopen auf Klimaextreme einstellen können und in kargen, futterarmen Zeiten weniger, in reichen Jahren mehr Junge bekommen, versagt eine solche Strategie beim jetzigen Problem. Durch den Männermangel werden immer weniger Kälber geboren, weil nicht mehr alle erwachsenen Weibchen trächtig werden. Ein Teufelskreis.

Wie stark sich das Reproduktionsverhalten der Saigas bereits geändert hat, erkundet Aline bei ihren Expeditionen in die Steppe. Die beste Zeit, um den Nachwuchs der Saigas unter die Lupe zu nehmen, ist im Frühjahr, wenn die Saigas von den Winterquartieren im Süden nach Norden ziehen.

Jedes Jahr im Mai unterbrechen die Tiere ihre Wanderung für ein paar Tage, damit die Saiga-Weibchen ihre Jungen zur Welt bringen können – alle gemeinsam und auf einen Schlag. Auf nur wenigen Quadratkilometern werden dann innerhalb einer knappen Woche 80 Prozent der Kälber geboren. „Wenn in so kurzer Zeit auf engstem Raum Tausende von jungen Saigas auf die Welt kommen, ist das Risiko, von Wölfen gefressen zu werden, für jedes einzelne Kalb deutlich geringer, als wenn die Weibchen einzeln und zeitlich versetzt gebären würden“, erklärt Aline. Angesichts der dezimierten Bestände befürchtet sie jedoch, dass diese Schutzstrategie der Saigas bald nicht mehr aufgeht.

Das Ustjurt-Plateau zwischen Kaspischem Meer und Aralsee im Westen Kasachstans, ist eines der wenigen Gebiete, in denen Aline Saigas noch nahezu ungestört beobachten kann. Mit weniger als einem Einwohner pro Quadratkilometer ist das Plateau die am dünnsten besiedelte Region Kasachstans. Hier verläuft eine Wanderroute, die die wandernden Steppenbewohner schon seit der letzten Eiszeit nutzen.

Nachwuchs mitten in der Steppe

„Monitoring“ nennt sich die Arbeit der Zoologin im Wissenschaftsdeutsch. „Wir haben es auf die Kälber abgesehen. Mit Daten über deren Anzahl und Verbreitung, Größe und Gewicht lässt sich der Zustand einer Population einschätzen“, erläutert sie. „Irgendwo hier bringen die Saiga-Weibchen jetzt ihre Jungen zur Welt. Die müssen wir finden.“ Das Ziel scheint nahezu wahnwitzig: Vor den Wissenschaftlern liegen 200.000 Quadratkilometer Steppe.

Mehrere Tage sucht Aline in den Weiten des kasachischen Westens vergeblich nach den Saiga-Antilopen. Fast wollen Aline und ihre kasachischen Kollegen aufgeben und umkehren. Schließlich aber werden sie doch noch fündig.

Auf einer buckeligen Piste inmitten der Steppe stoppt der vierradgetriebene Jeep des Expeditionsteams abrupt. Aline springt heraus und schleicht in gebückter Haltung ins Grün. Ein paar Schritte, dann wirft sie sich hin – in ihren Armen strampelt ein sandfarbenes Saiga-Kalb mit wolligem Fell, unter herzzerreißendem Blöken laut protestierend. Um dem Kalb Stress zu ersparen, muss es jetzt schnell gehen.

„Einen Tag alt“, schätzt Aline und legt das Maßband an. 54 Zentimeter von der Nasenspitze bis zum Schwanz. Danach hängt sie das Kalb in eine Waage, dreieinhalb Kilo. Weibchen oder Männchen? Weibchen. Und das Kleine ist entlassen. Es nutzt seine Chance und springt unter lautem Blöken davon. Mit dem GPS wird sein Liegeplatz bestimmt, dann geht es zu Fuß weiter. „Wo ein Kalb liegt, müssen noch andere sein,“ ist sich Aline sicher.

Tatsächlich haben Aline und ihre Kollegen nach einer Woche mehr als einhundert Kälber gefunden und dokumentiert. Das sei besser als ein Jahr zuvor, so die Zoologin. Dennoch hätte es viel weniger Kälber als Weibchen gegeben, während das Verhältnis früher selbst in schlechten Jahren umgekehrt war. „Von einem Aufwärtstrend bei den Saigas kann deshalb längst nicht die Rede sein“, so die Biologin.

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Internationaler Saiga-Schutz

Das Imperial College in London koordiniert mehrere internationale Programme zum Schutz der Saiga-Antilopen. Organisationen wie die Wildlife Conservation Society, die Darwin Initiative der britischen Regierung oder das Fördernetzwerk INTAS der Europäischen Union sind daran ebenso beteiligt wie die Zoologische Gesellschaft Frankfurt und der WWF. Weitere Informationen sind unter http://www.iccs.org.uk abrufbar.

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Heutige Verbreitungsgebiete der Saiga-Antilope

In Kasachstan gibt es die drei größten Populationen von Saiga tatarica – in Usturt, Betpakdala und zwischen den Flüssen Ural und Wolga. Die Tiere aus Usturt verbringen den Winter meist in Usbekistan oder Turkmenistan. Darüber hinaus leben einige Tausend Exemplare in Kalmückien in Russland. Von der mongolischen Saiga tatarica mongolica, einer Unterart, nimmt man an, dass die Population nur noch aus 750 bis 1.000 Tieren besteht.

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Von Edda Schlager

12/05/06

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