Durch den Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts von einem Prozent deutet sich eine moderate Erholung und eine Auflösung des bisherigen Investitionsstaus in der deutschen Wirtschaft an.

Durch den Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts von einem Prozent deutet sich eine moderate Erholung und eine Auflösung des bisherigen Investitionsstaus in der deutschen Wirtschaft an.

Unlängst veröffentlichte das Statistische Bundesamt (StBA) die Wachstumsrate des realen BIP Deutschlands im ersten Quartal 2005. Gegenüber dem Vorquartal konnte es saison- sowie arbeitstagbereinigt um ein Prozent zulegen. Ein Fortgang mit ähnlicher Dynamik im restlichen Jahresverlauf würde hochgerechnet einen BIP-Zuwachs von weit über drei Prozent bedeuten.

Die positive Meldung des StBA überraschte. Vergleichbare saison- und kalenderbereinigte Quartalszahlen des Vorjahres lagen klar darunter. Im Jahresendquartal 2004 wurde gar ein Minus von 0,1 Prozent ausgewiesen. Das gemeldete reale Quartalswachstum von einem Prozent bedeutet den höchsten Anstieg seit vier Jahren. Zudem ist die deutsche Volkswirtschaft zu Jahresanfang Spitzenreiter im europäischen und internationalen Vergleich. Die entsprechende Wachstumskennziffer der EU-25 beträgt 0,5 Prozent; die der USA rund 0,8 Prozent.

Die Bundesregierung wertete das kräftige Plus ausdrücklich als Signal wirtschaftlicher Erholung. Sie verbreitet Optimismus. Bundeskanzler Schröder verkündete, die Konjunktur habe wieder Tritt gefasst. Es gebe allen Grund zur Annahme, dass sich die Dynamik fortsetzen würde. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement gab kund, dass es nach der Stagnation in der zweiten Jahreshälfte 2004 nun klar aufwärts ginge. Die deutsche Wirtschaft habe ihre Schwäche überwunden. Und zwar stärker als Prognosen erwarten ließen, so Clement.

Das deutliche Quartalswachstum überraschte Bankvolkswirte und Sachkenner der Wirtschaftsforschungsinstitute. Zumal andere Konjunkturindikatoren derzeit ein weniger positives Gesamtbild zeichnen. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, meistbeachteter deutscher Stimmungs- und Konjunkturindikator, sank unlängst zum dritten Mal in Folge – definitionsgemäß Anzeichen einer Rezession. Die Diskrepanz zwischen schlechtem Stimmungsbild und Rekordwachstum ist auf zahlreiche Faktoren zurückführen.

Der kurzfristige Anstieg der Wirtschaftsleistung wurde maßgeblich vom wettbewerbsfähigen Exportsektor getragen. Trotz hohem Euro-Wechselkurs konnte der deutsche Export beachtliche Zuwachsraten verzeichnen. Der Außenhandelsüberschuss wuchs kräftig an. Die inländische Nachfrage und hier hauptsächlich der private Konsum leiteten der Konjunktur in den ersten Monaten hingegen kaum Impulse zu. Die Investitionsgüternachfrage deutscher Firmen erholte sich indessen leicht.

In Anbetracht der mäßigen Investitionsneigung der Vorquartale wie dem niedrigen Basisniveau der Vormonate mutet die augenblickliche konjunkturelle Dynamik schwächer an, als es der rekordverdächtige Dreimonatszuwachs nahe legen könnte. Ein Nachholeffekt wirkt, denn im internationalen Vergleich ist die deutsche Volkswirtschaft in den letzten vier Quartalen unterdurchschnittlich gewachsen. Wird diesem nun wirksam werdenden Nachholeffekt Rechnung getragen, indem man die Wachstumsraten der drei Vorquartale berücksichtigt, dann relativiert sich der aktuelle BIP-Anstieg.

Für das Winterhalbjahr 2004/05 ergibt sich nur ein durchschnittliches Quartalswachstum von etwa 0,5 Prozent. Wird der reale BIP-Zuwachs der letzten vier Quartale betrachtet, liegt der trendmäßige Anstieg sogar unter diesem Wert. Aus Vierquartalsperspektive offenbart sich die Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft gegenüber den europäischen Nachbarn und den USA.

Derartige mehrperiodige und in der Konjunkturbetrachtung übliche Verfahren zeichnen ein sachlicheres Bild der aktuellen Verfassung der deutschen Konjunktur. Die Mehrquartalssicht veranschaulicht den Nachholeffekt. Ebenso steht sie weniger im Widerspruch zu anderen Konjunkturindikatoren und erklärt die noch eingetrübte Stimmungslage und die mäßigen Geschäftserwartungen deutscher Unternehmer.

Die Parallelbetrachtung des kräftigen Quartalswachstums und der Gesamtsituation legt ein differenziertes Bild der aktuellen konjunkturellen Lage nahe. Zwischen dem auf einer Zahl basierenden kurzfristigen Optimismus und dem öffentlichen Klagen über Wachstumsschwäche deuten sich eine moderate Erholung und eine Auflösung des bisherigen Investitionsstaus an. Derzeit besteht ein geringes konjunkturelles Abwärtsrisiko.

Die deutsche Volkswirtschaft wird weiterhin in hohem Maße vom Außenbeitrag abhängig sein. Die Wirtschaftsleistung sollte, gestützt durch die positiven Vorgaben des letzten Quartals und die sich abzeichnende Auflösung des Investitionsstaus, in der Lage sein, auf das Jahr 2005 bezogen, realistische Wachstumserwartungen zu erfüllen. Solche Projektionen sehen einen Anstieg der Wirtschaftsleistung von knapp über einem Prozent im Gesamtjahr vor.

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