Osteuropa und Zentralasien gelten als Regionen, in welchen Korruption alltäglich ist. Davon bleibt auch die freie Wirtschaft nicht verschont. Um unfaires Verhalten im Wettbewerb zu unterbinden, haben Großkonzerne wie Siemens eigens sogenannte Compliance-Abteilungen eingerichtet. Wie funktioniert interne Korruptionsbekämpfung? Ist ein spendiertes Mittagessen ein Bestechungsversuch? Kay Zwingenberger und Dias Assanow von Siemens Kasachstan stellten sich den Fragen der DAZ.

/Bild: Siemens. ‚Der Firmensitz von Siemens in Almaty. Firmenkultur vor Ort umsetzen.’/

Herr Zwingenberger, Herr Assanow, wie viele Mitarbeiter hat die Compliance Abteilung von Siemens Kasachstan? Wie groß ist sie im Vergleich zu einer Abteilung bei SIEMENS in Deutschland?

Compliance Officer Dias Assanow. Kopf eines strukturierten Kontrollsystems.

Zwingenberger: Herr Assanow ist Compliance Officer und zugleich Head des Legal Department. Er wird von einer weiteren Person unterstützt. In unseren drei operativen Bereichen, Industrie-, Energie- und Medizintechnik, gibt es weitere Kontaktpersonen.
Assanow: Insgesamt arbeiten etwa 650 Leute für Siemens in der Compliance auf der ganzen Welt. Verteilt sind sie je nach Wirtschaftsvolumen, deshalb gibt es beispielsweise in Deutschland mehr Angestellte in diesem Bereich als in Kasachstan.

Was für Kompetenzen und was für eine Ausbildung braucht ein Compliance Officer?

Assanow: Es wird ein rechtswissenschaftlicher Hintergrund bevorzugt, da es ja in unserer Arbeit um Regeln und Recht geht. Das bringt aber das Problem mit sich, dass man nur eine Sichtweise hat. Deshalb beobachten wir eine Tendenz zu einer Diversifizierung hinsichtlich der Ausbildung: einige haben ein betriebswirtschaflichtes Studium absolviert oder zum Beispiel Buchhaltung studiert; es können aber auch erfahrene Sales Manager sein.

Wie sieht der Alltag eines Compliance Officers aus? Welche Mechanismen gibt es, um beispielsweise Bestechungen aufzudecken, und wie geht SIEMENS mit Korruptionsfällen um?

Kay Zwingenberger (Siemens) und Schanar Kalijewa (Allianz) bei der Unterschrift des PACI.

Assanow: Es gibt ein strukturiertes Kontrollsystem: zum Beispiel muss ich sogenannte High risk payments genehmigen, bevor sie getätigt werden. Externe Partner, mit denen wir Geschäfte machen, werden voll überprüft, zum Beispiel mit Fragebögen. Unterhaltungsevents, oder auch ein Mittagessen mit Externen benötigen ebenso meine Erlaubnis.
Zwingenberger: Unser Kontrollfokus liegt prinzipiell auf den Partnern, denn in der eigenen Firma ist ja alles sehr einfach zu überschauen. Manche Firmen arbeiten über Mittlerfirmen; da ist es besonders wichtig, ein Auge darauf zu haben. Entscheidend ist aber auch der ständige Kontakt zu unseren Partnern; bei informellen Trainings wie auch in Diskussionen. Seit dem Beginn unserer Arbeit hier in Kasachstan haben wir keine Verletzungen registriert. In einem solchen Falle kann es von einer bloßen Verwarnung, über Kündigung bis hin zu einer Anklage bei der Staatsanwaltschaft gehen. Das entscheidet dann ein Sanktionskomitee.

Im Corruption Perception Index 2010 von Transparency International findet sich Kasachstan auf Platz 105, Deutschland auf Platz 15 wieder. Sind Menschen in Kasachstan korrupter?

Zwingenberger: Man muss sagen: Dieser Index schaut auf die Wahrnehmung von Korruption in den Gesellschaften. Wenn man nun Entwicklung Kasachstans betrachtet, ist eine positive Tendenz zu verzeichnen. Denn das Land hat sich in zwei Jahren um 40 Plätze nach oben auf Platz 105 gearbeitet. Es steht gar nicht so schlecht dar, wie die meisten denken – vor allem im Vergleich zu den Nachbarstaaten. Aber es steht freilich außer Frage, dass Kasachstan noch daran arbeiten muss, bis es auf deutschem Niveau angelangt sein wird.

Sie haben am 04.11.2010 die „Partnering Against Corruption Initiative” (PACI) unterzeichnet. Damit sind sie eine firmenübergreifende Zusammenarbeit im Bereich der Korruptionsbekämpfung eingegangen. Wie wird Ihrer Meinung nach diese Zusammenarbeit in der Praxis aussehen?

Zwingenberger: Es gibt in jeder Firma eine Compliance-Kultur. Die wollen wir untereinander angleichen und die internen Abläufe in den Unternehmen noch transparenter gestalten. Vor allem im Top-Management, denn der Fisch beginnt am Kopf zu stinken.

Mit der Unterschrift unter der PACI verpflichten Sie sich zu einer „Null-Toleranz-Policy gegenüber Bestechung und zu einer Entwicklung eines zweckmäßigen und effektiven Programmes zur Durchsetzung“. Was bedeuteten die beiden Punkte für die Arbeit Ihrer Compliance-Abteilung?

Zwingenberger: Auch wir müssen alle PACI-Verpflichtungen erfüllen. Daher prüfen wir genau, was noch zusätzlich zu dem aufgestellten Compliance-Mechanismus unternommen werden soll. Auch werden wir nun unsere Compliance-Organisation mehr für den externen Dialog ausrichten. Denn wir möchten mehr Unternehmen zur Idee der Compliance bringen, es in der Öffentlichkeit bekannt machen. Auch im öffentlichen Kontext wird diese Idee unterstützt: Die Partei Nur Otan zögerte anfangs, setzt das jetzt aber auch in ihrer eigenen Partei und im Staatsapparat durch.
Assanow: Ja, wir hatten zuvor eigentlich schon alles soweit in der Praxis, haben das aber durch die Unterzeichnung des PACI öffentlich gemacht. Die Menschen sollen sehen, dass es darum geht, einen fairen Wettbewerb und gleiche Marktbedingungen zu schaffen.

In den Dokumenten zur PACI finden sich Wörter wie Integrität, Fairness und ethisches Verhalten wieder. Was bedeuten diese Begriffe für Sie als Geschäftsführer der TOO Siemens in Almaty und zugleich Präsidenten von SIEMENS Zentralasien?

Zwingenberger: Diese Worte sind allgemein wichtig. Besonders für mich im leitenden Management. In einer Führungsposition nimmt man immer eine Vorbildrolle ein, und die Menschen schauen auf einen. Wir können zwar die Welt nicht komplett ändern, aber wir können etwas beisteuern – durch faires, ethisches und integeres Verhalten.

Ich frage mich, wo Korruption anfängt. Ist eine geschenkte Theaterkarte schon ein Bestechungsversuch oder erst, wenn man mir 10.000 Euro überweist? Wie definieren Sie „Korruption“?

Assanow: Gemäß der Gesetzgebung der Republik Kasachstan darf der Wert des Geschenkes für einen Staatbeamten den Wert von 10 MRP (Monatsrechnungseinheit von circa 70 Euro) nicht übersteigen. Aber eigentlich beginnt die Korruption dann, wenn ich mir durch eine Zuwendung einen Wettbewerbsvorteil verschaffe und somit auf unfaire Weise meine Chancen im Wettbewerb beeinflusse. In Kasachstan ist es rechtlich verboten, solche Geschenke zu machen.

SIEMENS ist ein internationaler Großkonzern. Ist es überhaupt möglich, das Unternehmen zentral zu „überwachen“?

Zwingenberger: Hier gilt eigentlich der Grundsatz der gleichen Anwendung unserer globalen Compliance-Standards weltweit. Auch gibt es globale Instrumente, die es ermöglichen, alle Daten über Kunden, Kontakte, Geschenke, Wohltätigkeitsaktionen, Spenden und Ähnliches transparent zu erfassen, zu überwachen und bei Bedarf auch einzugreifen.

Interview von Vinzenz Greiner

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