Etwa 200.000 Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee waren im 1. Weltkrieg in russischen Kriegsgefangenenlager im Gebiet des Generalgouvernements Turkestan interniert. Beachtet man die Vielsprachigkeit der k.u.k-Armee, liegt es nahe, von einem mitteleuropäischen Stück Geschichte in Zentralasien zu sprechen. Die Erinnerung daran und die Spuren vor Ort erforschen will der österreichische Historiker Peter Felch, Gründer des Vereins „VENI“ und Initiator des Projekts „Spurensuche Turkestan“.

Novastan.org: Welche Formen der Erinnerung gibt es im Österreich der Ersten Republik bis 1938 an die Kriegsgefangenen in Russisch-Turkestan und wie organisierten sich die jeweiligen Akteure?

Peter Felch: Heute ist wenig Wissen über Zentralasien in Österreich vorhanden. Die Region war in den 1920er Jahren sehr präsent durch die Aktivitäten von Heimkehrer-Organisationen, zumindest die Orte der großen Lager waren bekannt.

In der Ersten Republik kam es ab 1919 zu einer regen Tätigkeit der Bundesvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener, die in verschiedene Sektionen in mehreren Orten aufgeteilt war. In Wien existierten sogar Sektionen, die sich nach den Lagerorten benannt hatten. So zum Beispiel die Sektion der Turkestaner, die Sektion der Taschkenter, die Sektion der Skobelewer. Sie engagierten sich für die Verbesserung der sozialen und rechtlichen Lage von ehemaligen Kriegsgefangenen. Auch organisierten sie Vorträge, Erinnerungs– und sogar Ballveranstaltungen.

Es gibt Fotos von ehemaligen Kriegsgefangenen mit ihren Familien, die in turkestanischen und sartischen (damals gebräuchlich für tadschikisch und usbekisch, Anm. d. R.) Kostümen vor nachempfundenen Architekturdetails posiert haben. Jedes Jahr fanden die Bälle unter einem anderen Thema statt, zum Beispiel „Eine Nacht in Turkestan“. Auch das ist aus der Erinnerung verschwunden, angeblich gab es noch Treffen bis in die 1950er Jahre.

Welche Kontinuitäten und Brüche lassen sich im Diskurs vor und nach dem 2. Weltkrieg feststellen?

Das ist ein interessantes Thema, die Auswirkungen auf die Zeit des 2. Weltkrieges. Es ist zu bemerken, dass in Memoirenliteratur eine positive Haltung zu den Einheimischen zum Ausdruck kommt. Wenige sehen ihre Kriegsgefangenschaft nur negativ, sondern auch als „positive Erfahrungen in ihrem Leben“. Auch bei explizit negativen Erfahrungen mit Lagerkommandanten und Wachmannschaften bleibt die Einstellung zu „den Russen“ zumindest ambivalent.

Wie hat sich das auf die Einstellung ihrer Nachkommen im 2. WK ausgewirkt? Hat das eine Rolle in Familien gespielt? Oft waren ja die Söhne von ehemaligen Kriegsgefangenen dann die aktuellen Kriegsgefangenen unter ganz anderen Bedingungen.

In der Öffentlichkeit hat der 2. Weltkrieg das Thema jedenfalls total überdeckt. Auch in Gedenkveranstaltungen zum 1. Weltkrieg ist das Thema unter den Tisch gefallen. Das hatte sicherlich auch politische Gründe, da die Kriegsgefangenen unter ständigem Rechtfertigungsdruck waren, dass sie aufgegeben hätten oder als Kommunisten zurückgekommen wären.

Es scheint überhaupt so, dass Gedenkveranstaltungen zum 1. Weltkrieg stark nationalen Narrativen folgen. Deren Monokausalität steht im Gegensatz zum Verständnis von komplexen historischen Situationen.

Reste der Straße im Isfairam-Tal.
Reste der Straße im Isfairam-Tal. | Bild: Peter Felch

Gedenkveranstaltungen bringen für jedes Land seine eigenen Themen zum Vorschein. Die Flandernschlachten, die Schlacht um Verdun, der Krieg in den Dolomiten, der Vertrag von Trianon, andere Themen hingegen brauchen sehr lange.

Gibt es eine eigene zentralasiatische Sicht auf österreich-ungarische Kriegsgefangene im 1. WK?

In Zeit zwischen Revolution und Repatriierung spielten die Kriegsgefangenen eine große Rolle in den Ländern. Sie waren Lehrer, haben Betriebe gegründet, usw. Daher gab es kein großes Interesse der Machthaber an einer Repatriierung, man hat es hinausgezögert oder sogar versucht, sie anzuwerben, weil die Kriegsgefangenen mittlerweile ein wirtschaftlicher und kultureller Faktor waren. Noch davor waren sie schon ein politisch-militärischer Faktor.
Deshalb ist diese Geschichte von großem Interesse für lokale Historiker. Weil eben die Kriegsgefangenen zu einer Zeit in der Region waren, die entscheidend für die spätere Geschichte Zentralasiens war. Dann hat sich entschieden, dass es kein autonomes Turkestan geben wird, die Grenzen sind festgelegt worden, Bolschewisten übernehmen endgültig die Macht und Zentralasien wird Teil der Sowjetunion.

Und die Kriegsgefangenen und deren Schriften haben für diese Zeit einen speziellen Quellenwert?

Kriegsgefangene waren zum Teil Akteure auf verschiedenen Seiten, aber auch neutrale Beobachter. Die Beschreibungen und Korrespondenzen von Kriegsgefangenen sind deshalb so interessant für die Lokalgeschichte, weil sie nicht beeinflusst waren vom sowjetischen Narrativ, aber auch weil sie von der sowjetischen wie österreichischen Geschichtsschreibung nicht beachtet wurden.

Viele zeigen in ihren Büchern große Sympathien. Beispielsweise im Fall von 90 Kriegsgefangenen, die im April 1919 aus der Stadt Osch ausgezogen waren in Richtung der Eisenbahnanbindung in Andischan, weil sie von dort repatriiert werden sollten und unterwegs von einer einheimischen aufständischen Gruppe massakriert wurden. Diese „Tragödie von Osch“ wird immer wieder erwähnt, aber die Berichte zeigen Verständnis und beschreiben, wie die Bolschewiken mit Einheimischen umgegangen sind. Die Kriegsgefangenen, die darüber schreiben, sehen also ihre Position im Rahmen der Gesamtgeschehnisse.

Was sind historiographische Verschiebungen seit 1991 mit dem Aufkommen einer unabhängigen Nationalgeschichtsschreibung?

Es gab österreichische Internationalisten, die auf sowjetischer Seite gekämpft haben, über die gab es sowjetische Literatur, die aber sehr gefärbt war. Historiker in diesen Ländern müssen die eigene Geschichte wiederentwickeln. Speziell der Aufstand 1916 war lange kein Thema. In der sowjetischen Geschichtsschreibung war das ein Aufstand von Banditen, die russ. Siedler massakriert haben und dann die Kokander Autonomie, abermals Banditen und Räuber, die Widerstand gegen bolschewistische Machtübernahme geleistet haben. Das wird sicher neubewertet werden.

Ein kasachischer Historiker, der über die Rolle der Kriegsgefangenen im kasachischen Teil Turkestans geschrieben hat, wurde in sowjetischer Zeit kritisiert, weil er die Rolle der Kriegsgefangenen zu positiv gezeichnet hätte.

Es gibt eine Umwertung vieler Persönlichkeiten, die teilweise sehr weit zurückgehen. Ein prominentes Beispiel ist Timur, der Begründer der Dynastie der Timuriden. Er strebte eine Wiederherstellung des mongolischen Reiches an. In sowjetischer Geschichtsschreibung standen seine grausamen Eroberungen im Vordergrund, wogegen er im modernen Usbekistan als Manifestationspunkt einer usbekischen Nation gesehen wird, Anm. d. R.). Die Bewertung der Kriegsgefangenen war dazu relativ neutral.

Gibt es lokale Forschungstätigkeiten zu dem Thema?

Auf meinen Recherchereisen sehe ich, dass es großes Interesse an Geschichte gibt, jedoch ganz wenig eigenständige Forschung. Ein tadschikischer Autor, der Historiker Prof. Tschalilow, schreibt über Kriegsgefangene in Chodschand und deren wirtschaftliche und kulturelle Rolle in jener Zeit.

Im Fergana-Tal gibt es eine Gruppe lokaler Historiker, die darüber forscht und eine Publikation vorbereitet. Großes Interesse gibt es auch von Seiten der Usbekischen Akademie der Wissenschaften. Es wäre wünschenswert, wenn das in Kooperation mit österreichischen Institutionen geschieht; wie so oft ist es ein Problem der Finanzierung. Es wäre auch schön, ein mitteleuropäisches Projekt daraus zu machen und mit lokalen Museen und Archiven zu kooperieren. Es gab Kriegsgefangene aus dem heutigen Gebiet von Deutschland, Slowakei, Tschechien, Ungarn, Slowenien, Österreich, Italien.

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Letztes Jahr gab es eine Ausstellung im Vorarlberger Landesmuseum, die sich Vorarlberger Kriegsgefangenen in Turkestan widmete. Wie kam es zu diesem Forschungsschwerpunkt?

Vorarlberg war militärisch Tirol zugeordnet. Tiroler Einheiten, darunter Kaiserjäger und Kaiserschützen, wurden 1914 in die Karpaten verlegt und in der Festung Przemyśl stationiert. Durch Zufall sind wir auf eine Liste mit verbliebener Kriegsgefangene 1920 gestoßen. Als westlichster Teil der Donaumonarchie ist es interessant, dass besonders von dort proportional viele Kriegsgefangene in Turkestan gelandet sind.

Vorarlberg ist überschaubar. Es ist uns gelungen, eine umfassende Liste mit biographischen Daten von ca. 500 Vorarlberger Kriegsgefangenen zu erstellen, die in Turkestan interniert waren, die demnächst publiziert werden soll. Das war der Anlass für die Ausstellung im Vorarlberger Landesmuseum vom 16. September bis 20. November 2016.

Sie basierte auf Nachlässen von Vorarlberger Kriegsgefangenen und Interviews mit deren Nachkommen. Von großem Interesse sind nicht nur materielle Nachlässe, sondern auch, welche Bilder von Turkestan in den Familien weitergegeben worden sind. Das ist schwierig, weil man froh sein muss, wenn man noch Enkel interviewen kann.

Genau über diese familiengeschichtliche Rezeption hat VENI einen 60-minütigen Dokumentarfilm „Es geht mir gut, ich komme bald“ produziert, der hauptsächlich auf Interviews mit österreichischen Nachkommen von Kriegsgefangenen beruht.

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, die Dokumentation von Erinnerungen. Wir waren auch vor Ort in Zentralasien und konnten dort an manchen Schauplätzen filmen. Interviews mit Nachkommen aus Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan sollen folgen.

Im Dokumentarfilm wird auch die jüdische Gemeinde in Taschkent erwähnt.

Taschkent war die Hauptstadt des Generalgouvernement Turkestans. Es gab dort eine bucharische Gemeinde, wie auch in Buchara oder Samarkand. Durch Zuwanderung gab es in Taschkent auch eine aschkenasische jüdische Gemeinde.

Russland hatte bei der Eroberung Galiziens nicht nur Kriegsgefangene verschickt, sondern auch Teile der Zivilbevölkerung, darunter viele Juden und Jüdinnen, die als besonders „kaisertreu“ galten.

Das Thema der Zivilgefangenen und Zivilverschickten ist noch weniger bekannt und untersucht als das der Kriegsgefangenen. Es wird in Memoiren erwähnt, dass gleichzeitig mit den Kriegsgefangenen auch Züge mit deportierten Zivilisten unterwegs waren. Es gibt Erwähnungen von Juden aus Galizien und der Bukowina, die in Turkestan den Anschluss an die aschkenasische Gemeinde gefunden haben.

Wie ist die Memoirenliteratur allgemein zu bewerten?

F. Praeg: Kriegsgefangen in Asiatischen Steppen.
F. Praeg: Kriegsgefangen in Asiatischen Steppen. | Bild: Peter Felch

Die Memoirenliteratur ist größtenteils von Offizieren verfasst. Viele davon waren sehr deutschnational ausgerichtet. Viele aus heutiger Sicht auch sehr antisemitisch.

Es gab natürlich auch Juden unter den Kriegsgefangenen. In der Literatur findet man Neidkomplexe und den Vorwurf, dass sich jüdische Kriegsgefangene mit den Russen „zusammengetan hätten“, weil sie oft den Kontakt mit russischen Behörden und Bevölkerung übernommen haben. Soldaten aus Gallizien konnten sich sprachlich einfach besser verständigen. Das verstärkte vorhandene antisemitische Vorurteile.

Innerhalb der Lager bestanden natürlich ethnisch– nationale Unterschiede weiter, da hat sich Turkestan aber nicht wesentlich unterschieden von anderen Kriegsgefangenlagern in Russland.

Welche Quellen sind noch für die zeitgeschichtliche Forschung von Bedeutung?

In Österreich ist vor allem das Österreichische Kriegsarchiv zu nennen, das Karteien der einzelnen Kriegsgefangenen besitzt. Auch Listen des Roten Kreuzes. Diplomatische Korrespondenzen lagern im Staatsarchiv. Natürlich auch jeweilige Landes– und Regionalarchive.

Sehr wichtig sind private Nachlässe, deren Bedeutung von späteren Generationen oft nicht erkannt wird und sie deswegen verloren gehen. Aus diesem Grund hatten wir in Vorarlberg den Aufruf an Familien gestartet, Nachlässe einzureichen. In Zentralasien ist sicher Taschkent das wichtigste Archiv, aber eben auch sehr viele lokale Archive, wo zum Beispiel Polizeiakten lagern.

Was ist das bauliche Erbe der Kriegsgefangenen, welche Denkmäler und Strukturen sind vor Ort noch vorhanden?

Es gibt die Hochgebirgsstraße im Isfairam-Tal in Südkirgistan, die von Kriegsgefangen erbaut worden ist und von der Teile erhalten sind. Wir konnten sie besuchen, filmen, fotografieren und mit Einheimischen sprechen.

Es ist die Rede von etlichen Gebäuden: die katholische Kathedrale von Taschkent und Samarkand, die beide von Kriegsgefangenen erbaut worden sind. Laut der Historikergruppe in Fergana gibt es eine große Anzahl von Gebäuden.

Dann wären Gedenksteine auf lokalen Friedhöfen zu nennen, großteils auf Deutsch, aber auch einige, die mehrsprachig sind. In der Nähe von Chudschand habe ich im Hinterhof eines Privathauses ein Gedenkkreuz auf Deutsch, Russisch, Usbekisch und in arabischer Schrift gefunden.

Kriegsgefangene wurden in Zeiten von Epidemien in Massengräbern begraben. Ab und zu Einzelgräber, die heute weitgehend verschwunden sind. Teilweise wurden separate Friedhöfe errichtet, teilweise wurden orthodoxe Friedhöfe benutzt. In der Regel wurden die Gedenksteine durch Offiziere errichtet.

Am Kaspischen Meer, im Fort Schewtschenko, gibt es einen gut erhaltenen Obelisken und lokale Journalisten interessieren sich dafür. Oft sind es Hobbyhistoriker, die sich lokal für das Thema einsetzen und Spuren erhalten. Vieles scheitert jedoch an der Finanzierung. Ich denke, dass Kriegsgefangene nicht ganz vergessen werden sollten, wenigstens die Namen wären zu kennzeichnen.

Ein abschließender Ausblick: welche Projekte sind in naher Zukunft geplant?

In Planung sind Spezialreisen, bei denen normale touristische Aspekte Zentralasiens mit Erinnerungen und Spuren an Kriegsgefangene verbunden werden könnten. Eine Trekking-Tour entlang der Hochgebirgsstraße im Süden Kirgistans zum Beispiel.

2018 wollen wir eine zentrale Ausstellung in Wien zu dem Thema organisieren. Wichtig wäre es auch, durch Ausstellungen in Zentralasien das Thema in den jeweiligen Ländern ins Gespräch zu bringen.

Ich bedanke mich herzlich für unser Gespräch!

Lukas Dünser, novastan.org

Das Interview erschien zuerst am 1. Oktober 2017 auf der deutschsprachigen Seite von Novastan.org. Wir übernehmen das Interview mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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