Wenn man die Zusammenhänge der Welt ergründen will, braucht es mutige Menschen, die gewagte Thesen in die Welt setzen. Ich möchte solch ein mutiger Mensch sein und behaupte jetzt mal ganz frech: Kriminelle Energie und Unternehmertum liegen nah beieinander! Na, was sagen Sie nun?

Womöglich ist das gar nicht so gewagt, sondern kalter Kaffee, schon vielfach behauptet und bewiesen und ruft nur ein müdes Gähnen hervor. Aber in meiner Vorstellung, in der ich diesen einfachen aber ketzerischen Satz durch ein Mikrofon vielen Konferenzteilnehmern entgegentute, geht ein Raunen und Murren durch die Menge. Alle – wir befinden uns übrigens immer noch in meiner Vorstellung – wettern und wüten mir entgegen, um viele Jahre später einzusehen, dass ich damals nämlich doch Recht hatte. So erging es auch Darwin, Einstein, Mozart …

Ich will aber den Ruhm nicht vor dem Beweis ernten, nun also zu meiner These, die mir wie ein Geistesblitz in den Sinn schoss. In einem Gespräch über Russland bedauerte eine Burjatin, dass die Perestrojka, so begrüßenswert sie sei, viele Menschen, darunter einige ihrer Freunde, ins Verderben geführt hat, weil sie nach der Systemumstellung keinen passenden Platz für sich gefunden haben. Not macht erfinderisch, und so fanden sie mit viel Kreativität im Unternehmertum lukrative Einnahmequellen, die jedoch in der Kriminalität liegen. Das Beispiel: An der einzigen Straße von Ost nach West Schranken zu errichten und Autohändlern Wegeszoll abzuknöpfen. Ja, das ist nicht richtig.

Aber es ist trotzdem auch kreativ und zeigt Unternehmertum. Der Vergleich ist schnell gezogen: Man entdeckt Marktlücken, gute Gelegenheiten, Geldquellen, entwickelt Strategien, Kreativität und Innovationsorientierung, Flexibilität, Risikobereitschaft usw. Hierzu passt auch meine lang gehegte These, dass es in Staaten, wo es keine gute Mittelstandsförderung gibt, nicht gut läuft mit der legalen Wirtschaft und die Transformation in neue und geordnete Strukturen per se nicht klappen kann. Denn in solchen Verhältnissen breitet sich stets ratzfatz ein mehr oder weniger verdecktes Kleinkriminellentum aus, das sich, je länger man es gewähren lässt, desto schwerer einfangen lässt. Es will eben ausgelebt werden, das unternehmerische Potenzial. Und gibt man ihm keinen Raum inklusive Aufmerksamkeit und Anerkennung (denn wir wissen ja in den Tiefen unserer Herzen: Verbrecher brauchen auch nur ein bisschen Liebe), sucht es sich sowieso seine Wege und Kanäle.

Denn, und jetzt gehe ich noch einen Schritt weiter: Unternehmerisches Potenzial ist im weiteren Sinne aggressives Potenzial. Dabei ist aggressives Potenzial natürlich nicht als schlechte Eigenschaft zu verstehen, sondern eine natürliche, die jeder Mensch innehat, die man zum Überleben braucht und die den Menschen in Bewegung setzt. Normal, natürlich und gesund. Es ist eben die Frage, wie man das auslebt.

Würden mich Regierungschefs um meinen Rat fragen, würde ich ihnen zuflüstern: Machen Sie eine gute Mittelstandsförderung, der Rest folgt dann schon irgendwie. Dann können manche Menschen ihr aggressives Potenzial als unternehmerisches Potenzial in ihrer eigenen Firma austoben und würden sogar noch anderen Menschen mit weniger aggressivem und unternehmerischem Potenzial Arbeit geben, und alles wäre geritzt.
Aber auf mich hört ja keiner.

Julia Siebert

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