Thomas Anders von Modern Talking war zu einer Autogrammstunde im Almatyer Musikladen „Meloman“. Unser Autor Matthias Krause hat den deutschen Popsänger zwar verpasst, beschreibt aber eine Begegnung der anderen Art mit dem populären Musiker.

Unbeachtet von den Kulturredaktionen sämtlicher geschmackssicheren Zeitungen fand am Ostersonntag im Almatyer Elektronikgeschäft „Meloman“ ein staatstragendes Ereignis statt, dessen Bedeutung im Hinblick auf die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Nationen Deutschlands und Kasachstans gar nicht überschätzt werden kann. Um 16.30 Uhr sollte in Gestalt von Thomas Anders ein führendes Mitglied der deutschen inoffiziellen Außenpolitik dem kulturinteressierten Almatyer Publikum zugeführt werden. Voller Begeisterung ob dieses sowohl in politischer wie auch in kultureller Hinsicht außergewöhnlichen Zusammentreffens der europäischen und zentralasiatischen Kulturelite sagte auch ich in meiner Eigenschaft als inoffizieller Reporter der Deutschen Allgemeinen Zeitung mein Kommen zu. Punkt 16.30 Uhr betrat ich in gespannter Erwartung die heiligen Geschäftshallen. Normaler Geschäftsbetrieb, eine Gruppe Männer kommt mir entgegen, sie wedeln nachdenklich mit einem überdimensionalen Autogramm von Herrn Anders. Sie schienen auf einen Mercedes als Promotionsgabe gehofft zu haben. Ich frage die Wärter, die ja in jedem Westware verkaufenden Geschäft zahlreicher als die gelangweilten neureichen Kunden die Räume bevölkern, wo ich meinen Landsmann wider Willen (gegen meinen Willen, versteht sich) finden könne. „Der kam schon früher und ist schon wieder weg“, antwortete man mir mit einer Selbstverständlichkeit, als ob man von den pünktlichen Deutschen gar nichts anderes erwartet hätte. Der Schock saß. Voller Verzweiflung wankte ich aus dem Geschäft in die nachmittägliche Hitze. Und während sich vor meinen Augen der Vorhang senkte und ich im Angesicht der grellen Sonne zu Boden sackte, hob sich derweil in einer ganz anderen Sphäre der Vorhang zu einem unheimlichen Spektakel:

Thomas Anders betritt den Hauptgeschäftsraum des „Meloman“, wo seine Fans schon zahlreich warten.

Thommy: Hallo Freunde! (lässt seinen Blick über die Menge schweifen) Ah, wie ich sehe, haben auch einige russische Fans den Weg zu mir gefunden. Igor, Iwan, Oleg! Soljanka! (Keiner fühlt sich angesprochen, alle schauen verwundert um sich). Und auch einige Japaner haben den weiten Weg auf sich genommen, um in dieser Stunde bei mir zu sein. Futschijama!

Agent (flüstert ihm zu): Das sind keine Japaner, sondern Kasachen.

Thommy: Ah, ich höre gerade, dass auch einige Kasachen den weiten Weg auf sich genommen haben, um mich hier persönlich zu sehen. Herzlich willkommen in Alma-Mati! Soljanka! (faltet einen Zettel auseinander und liest vor) Liebe Freunde! Heute, das heißt Ostern! Und da haben wir in Deutschland die schöne Tradition, dass wir zusammen singen. Am besten etwas traditionell Deutsches, von einem großen deutschen Komponisten, zum Beispiel von …(er sinniert kurz) von mir! Los geht´s!

Menge (stimmt sofort in ohrenbetäubender Lautstärke an): Du – du hasst – du hasst mich! (Thommy schaut irritiert)

Agent (singt der Menge beschwörend im Flüsterton vor): You´re my heart, you´re my soul…

Die Menge schweigt verblüfft, bis einer Frau ein Licht aufgeht, sie zu Thommy rennt und ruft: I lublju you, Dieter!

Thommy (indigniert): Thomas!

Frau (immer noch strahlend strahlend): I lublju you, Thomas!

Thommy: Und ich liebe mich auch! (sieht, dass ihn die Frau in ihren hohen Absätzen überragt und lässt sie von seinen Bodyguards von der Bühne schmeißen) Aber noch mal zu Ostern. Wisst ihr, was der Osterhase in Deutschland am Ostermorgen immer für kleine runde Gaben versteckt?

Menge (ruft wild durcheinander): Mercedes!!!… …Weißwurst!!!…

…Gitlerr!!!… … Autobahn!

Thommy (lacht): Nein, ganz falsch, alles nicht, der Osterhase versteckt… (er stockt plötzlich geistesabwesend) Mist, jetzt habe ich es vergessen. Egal. (Er zuckt mit den Schultern und wendet sich an seinen Agenten) Wohin geht’s als nächstes?

Agent: Nach China.

Thommy (begeistert): Ah, China, das Reich der Mitte, die gelbe Gefahr, da liegt die Zukunft, Freunde, da liegt die Zukunft, das weiß doch jeder! Gefällt mir! Los geht´s! (Er winkt der verwirrten Menge zum Abschied zu) Und euch allen: Soljanka!

Der Vorhang rasselt herunter.

Verwirrt schlage ich meine Augen auf und fühle, wie sich die Vision im grellen Licht und im Smog der Uliza Gogolja verflüchtigt. Was bleibt, ist die tiefe Befriedigung, die sich in meine Seele wie der Wurm in die Blutwurst gewühlt hat. Ich habe Ihn gesehen! (Ängstliche Leser bitte nicht weiterlesen: Der bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber plant nämlich, die Strafen für Gotteslästerung drastisch zu erhöhen. Glaubt Er, seine Kritiker dadurch zum Verstummen zu bringen?) So und nicht anders muss Thomas A. ausgesehen haben! Diese Worte hat Er zu seinen Jüngern gesprochen! Ein demütiges Einvernehmen mit meinem Schicksal erfasste mich. Ich wusste plötzlich: Jetzt liegt es an mir, der Welt von Ihm und seinem österlichen Kurzauftritt im „Meloman“ zu künden.

Von Matthias Krause

28/04/06

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