Wir wollten sie ja unbedingt haben – die Fußballweltmeisterschaft. Jetzt haben wir sie – und sind stolz, empört, beleidigt, genervt und vielleicht auch überfordert. Wer darf hier eigentlich mitspielen?

Olli Kahn jedenfalls nicht, und ist beleidigt. Und beleidigt ist auch das deutsche Volk. Wo kommen wir denn hin, wenn unsere Idole verraten werden? Aber uns fragt ja keiner. Dass aber nicht wir, sondern gar unsere Kanzlerin ein Wörtchen mitreden darf, gibt schon Anlass zur Sorge. Sicher hat auch Frau Merkel schon Karten für die WM. Und da hört der Spaß endgültig auf! Zähneknirschend nehmen wir noch hin, dass die da oben in Politik und Wirtschaft die Entscheidungen treffen. Aber das ist eben Demokratie. Doch auf dem Fußballplatz sind eindeutig wir die Experten. Und dürfen nicht mal ins Stadion. Nur wenigen Glücklichen ist es gelungen, Karten für die WM zu ergattern. Den meisten bleibt es nur, für die Gäste eine gastfreundliche Aura zu verbreiten. Und sich die Spiele in der Kneipe oder zu Hause anzusehen. Nicht immer versteht die Politik, worauf es wirklich ankommt. Kürzt uns das Kindergeld, erhöht die Steuern, streicht bei der Krankenversicherung, wir werden uns kurz aufbäumen, es aber bald vergessen. Versperrt uns die WM, und wir werden das nie verzeihen. Dabei sollte Fußball Spiel und Spaß sein. Aber was uns da bevorsteht, ist jede Menge Stress. Ob auch alles sicher genug ist und ob die Städte die Scharen an Fans bewältigen können, die Polizei ist pausenlos im Einsatz, um den Notfall zu trainieren. Da sind auch Schaffner, Taxifahrer und Kellner gefordert, ihre gute Miene nicht zu verlieren und Deutschland von seiner besten Seite zu zeigen. Köln hatte seine Generalprobe schon 2005 mit dem Weltjugendtag und hat sich nicht nur tapfer, sondern mit Bravour geschlagen. Keine Ausschreitungen. Alle haben sich miteinander über die vielen netten Pilger gefreut, die in verschiedenen Sprachen, Friedenslieder singend durch die Straßen zogen. Trotz tagelangem Verkehrschaos durchzog ein breites Lächeln die Stadt. Der Kölner an sich ist ja hilfsbereit, und viele haben die kleinen Katholiken bei sich aufgenommen. Aber mal ehrlich, wer will schon einen grölenden Fußballfan bei sich beherbergen? Und was ist, wenn seine Mannschaft verliert?

Hier spielen wir eindeutig in einer anderen Liga.

Es ist offensichtlich – die Vorfreude auf die Fußballweltmeisterschaft ist gebremst. Hinzu kommt, dass man mit keinem Schritt mehr am Fußball vorbei kommt.

Jeder versucht sich an der einfallsreichen Verwendung des Themas in seinem Metier. Das gelingt nur mehr oder weniger gut. Denn, wenn wir ihn uns einfach mal betrachten, der Fußball als solcher gibt als Motiv nicht allzu viel her. Nun gut, wer nicht in Fernsehen und Radio, in Werbung, Talkshows und Kabarett darüber redet, verpasst den Zeitgeist und Anschluss. Aber wenn selbst die kleinen Elektrofachgeschäfte aufrüsten und Lichterketten mit kleinen Fußbällen als Lichtquelle anbieten… Enttäuschend war auch das diesjährige Karnevalsmotto – „Fastelovendsfoßballspill“ – besonders beliebt war es auch, sich als „Fußballplatz“ zu verkleiden. So viel Fußball, dass selbst die eingefleischten Fans, die eigentlich nie genug bekommen können von ihrem Lieblingssport, genervt sind. Und dabei sind es noch einige Wochen, bis das Großereignis startet. Wo soll das noch hinführen? Nun, ich werde berichten.

Von Julia Siebert

21/04/06