„Die Literatur ist das kollektive Gedächtnis eines Volkes“, sagt der russlanddeutsche Schriftsteller Gerold Belger. Im September erschien sein Werk „Russlanddeutsche Schriftsteller. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ in zweiter Auflage in deutscher Sprache im Verlag NORA Berlin, bearbeitet und ergänzt von Erika Voigt und Irina Leinonen.

Im Jahre 1996 traf ich Gerold Belger anlässlich einer Konferenz in Berlin. Als Kenner der russischen, russlanddeutschen und kasachischen Literatur pflegte er schon seit vielen Jahren enge Beziehungen zu deutschen Verlagen und Übersetzern. So manches seiner Werke hatten Letztere in deutscher Sprache für die Leser in der DDR und im deutschsprachigen Raum herausgebracht. Ich kannte Gerold Belger bereits; mit dem Literaturkritiker Leonhard Kossuth hatte ich eine Konferenz der Wiedergeburt in Almaty besucht und dort lernte ich Gerold Belger kennen. Nun brachte er das Buch über die russlanddeutschen Schriftsteller mit, das kurz zuvor in Almaty erschienen war. Da er wusste, dass ich mich mit dieser Thematik befasste, überreichte er mir ein Exemplar. „Im Gedenken an Woldemar Ekkert“ beschrieb Belger die Vorgeschichte dieses Buches.

Jahre zuvor hatte er ein unvollendetes Manuskript von Woldemar Ekkert in die Hand bekommen. Der bedeutende Literaturwissenschaftler und Pädagoge hatte begonnen, biographische Daten und Angaben über russlanddeutsche Literaten zusammenzutragen. Es war der erste Versuch dieser Art. Ein „Kurzes Nachschlagewerk der sowjetdeutschen Literatur“ hatte Woldemar Ekkert im Sinn; neben der Nennung der Werke der Autoren sollten auch wichtige biographische Stationen der genannten Personen mitgeteilt werden. Das Buch sollte 1983 erscheinen. Dazu kam es nicht mehr – 1980 war die Lebenskraft von Woldemar Ekkert erschöpft.

Nachschlagewerk über russlanddeutsche Schriftsteller

Mehr als zehn Jahre waren seither vergangen. Die Konzeption von Woldemar Ekkert überzeugte Belger, zumal er sich mit der gegenseitigen Beeinflussung der russischen, deutschen und kasachischen Literatur intensiv beschäftigt hatte. „Die Literatur ist ein hohes Gut und bewahrt das kollektive Gedächtnis eines jeden Volkes. Es darf nicht sein“, sagt Gerold Belger, „dass die Vergangenheit spurlos im Nichts verschwindet, dass das kollektive Gedächtnis erlischt, dass die nationale Kultur der Russlanddeutschen ausgelöscht wird.“ Dies zu verhindern, bemüht er sich in all seinen Werken. Und so nahm er das Thema seines Freundes Ekkert auf und setzte mit seinem Buch ein Zeichen.

„Auch Bücher haben ihre Schicksale“ – dieser Satz wird den alten Griechen zugeschrieben. Die Geschichte unseres Buches geht weiter. Wie kam es, dass ich der Überzeugung war, dieses schmale Buch in deutscher Sprache herausgeben zu müssen? Es war die Zeit, als eine große Zahl „Spätaussiedler“ – so nennt man in der Bürokratie jene Deutschen aus den Weiten der früheren Sowjetunion – nach Deutschland kam. Von beiden Seiten war die Eingewöhnung in die neue Situation von Vorurteilen belastet. In Belgers Buch fand ich Andeutungen von Biographien, die Vorbehalte hätten erklären können. Zum anderen war dies eine für mich persönlich dramatische Zeit: Mein Mann war unheilbar erkrankt, über viele Jahre begleitete ich seinen schweren Weg. Um nicht völlig zu verzweifeln, klammerte ich mich an dieses Projekt. Es gab mir Sinn und Halt und Kraft. Viele Biographien zeugten von Lebensmut, in schier ausweglosen Situationen nicht aufzugeben.

Als ich die Arbeit begann, erfuhr ich große Unterstützung nicht nur von Gerold Belger, sondern auch von vielen Autoren, ohne die ich den Text nicht um vieles hätte erweitern können. Jetzt sind zehn Jahre vergangen, seit die deutsche Fassung erschienen ist. Wiederum unterstützten dieses Vorhaben interessierte Leser, so dass wir – Irina Leinonen, Nina Paulsen, Helene Seifert, Nadja Runde und ich – weitere neue Autoren in unser Buch aufnehmen konnten. Unser Dank gilt allen, die sich für Belgers Idee engagierten: „Die Literatur ist das kollektive Gedächtnis eines Volkes“, sagt er. „Es darf nicht im Nichts, in der Vergangenheit versinken.“ Vielleicht geht unser Buch in diesem Sinne einen guten Weg.

Von Erika Voigt

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