Jeder weiß, dass es sie geben soll, in der ganzen Stadt existieren Baustellen und doch hat kaum ein Einwohner Almatys sie wirklich gesehen. Die Metro. „Das Phantom der Stadt“ wird sie genannt – denn seit gut 20 Jahren ist die U-Bahn im Bau, und der tatsächliche Betriebsbeginn wurde immer wieder verschoben – zuletzt auf Ende 2010. Ob die Metro dann den Straßenverkehr von Almaty entlasten wird, ist jedoch ungewiss.

Es ist laut, staubig und kalt in der Metro-Baustelle Schibek-Scholy. Noch stehen in der Eingangshalle keine Schalterautomaten, noch surren die Rolltreppen nicht hinab zu den Gleisen. Mit etwas Phantasie aber kann sich der Besucher vorstellen, wie hier in einem Jahr Menschen mit unter den Arm geklemmten Einkäufen oder Aktentaschen zum nächsten Zug eilen. Noch mit Planen verdeckt, sind die Rolltreppen schon gut zu erkennen, Wände und Fußboden sind bereits zum Teil mit Granit- und Marmorplatten ausgekleidet. Ende 2010 soll es nach 20 Jahren Bauzeit endlich soweit sein – die Metro in Almaty wird eröffnet.

Die meisten Einheimischen kennen von der Metro bisher nur die in der Stadt verteilten silbern umzäunten Baustellen, und diese scheinen immer gleich auszusehen. Unter der Erde wurde in den vergangenen Jahren jedoch stetig gegraben. „Die Tunnel und die Stationen sind fertig, was noch fehlt, ist der Innenausbau der Stationen“, erklärt der leitende Ingenieur Wladimir Zchai vom Bauunternehmen Almatymetrokurylys, welches die Metrobauarbeiten durchführt. Wenn die U-Bahn, wie prognostiziert, Ende des kommenden Jahres eröffnet, wird zunächst nur eine Linie in Betrieb genommen. Sie verläuft auf einer Länge von 8,56 Kilometern von der Station Raiymbek über die Furmanow-Straße und folgt dann in westlicher Richtung dem Abai – Prospekt bis zur Kreuzung Gagarin-Straße.

Ende der 90er Jahre stagnierte der Metrobau

Insgesamt werden sieben Stationen angefahren, und die Fahrzeit auf der gesamten Streckenlänge dauert zwischen 12 bis 14 Minuten. Die aus Südkorea importierten Züge sollen in Abständen von drei Minuten fahren und eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h erreichen.
Seit 1988 wird an der Metro in Almaty gearbeitet. Rein rechnerisch ist der Bau also in den vergangenen 20 Jahren weniger als einen halben Kilometer pro Jahr vorangekommen. Grund für die lange Bauzeit waren Finanzierungsprobleme nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Moskau hatte in den 80er Jahren beschlossen, dass jede sowjetische Stadt mit mehr als 1 Millionen Einwohner eine U-Bahn bekommen sollte. So auch Almaty. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde das Projekt Metro jedoch in finanziell schwierigen Zeiten dem kasachischen Staatshaushalt unterstellt. Bis 1994 gingen die Arbeiten noch stetig voran, dann aber fokussierte sich die neue Regierung zunächst auf den Ausbau der neuen Hauptstadt Astana. Die Folge – Ende der 90er Jahre trat der Metrobau in Almaty sprichwörtlich auf der Stelle. „Wir haben versucht, wenigstens 3 bis 5 Meter im Monat voranzukommen, um die Tunnel stabil zu halten und den Außendruck auszugleichen“, erinnert sich Zchai. Die Wende kam erst mit dem finanziellen Aufschwung des Landes.

Die Finanzierung des Projektes durch den kasachischen Staat war seit 2003 wieder gesichert, und die U-Bahn-Trasse wuchs.

Seit 2005 kamen beim Bau der Metro auch deutsche Tunnelvortiebsmaschinen der Firma Herrenknecht zum Einsatz. Sie ermöglichten es, die maximal gegrabene Tunnellänge im Monat von 100 auf 400 Meter zu erhöhen. Beim U-Bahnprojekt in Almaty mussten verschiedene Herausforderungen bewältigt werden. So liegen beispielsweise die sieben Stationen in unterschiedlicher Tiefe, das ergibt sich aus der Hanglage der Stadt.

Die Endstation Schibek-Scholi liegt nur wenige Meter unter der Erde, die Station Abai dagegen ist 68 Meter tief. „An der Station Raiymbek hatten wir zu Beginn Probleme, weil Grundwasser eingedrungen ist, das musste erst abgepumpt werden“, erläutert Zchai. An den südlichen Stationen unter der Abai war der Bau aufgrund der Tiefe beschwerlicher, an manchen Stellen hatten die Ingenieure mit dem steinigen Boden zu kämpfen. Man habe diese Probleme aber gelöst, sagt Zchai und versichert, dass die Metro erdbebensicher konstruiert sei.

Die Menschen sind an das Verkehrsmittel Auto gewöhnt

Der Bau der Metro war nicht nur langwierig, sondern auch kostspielig. Rund 135 Milliarden Tenge, umgerechnet 8,9 Millionen US-Dollar, wird die Metro bis zur Fertigstellung gekostet haben, schätzt Zchai. Dafür soll die Metro dann den oberirdischen Verkehr entlasten.
Je nach Verkehrsaufkommen müssen die Stadtbewohner bisher 30-40 Minuten im Auto oder Stadtbus für die Strecke zwischen den Stationen Raiymbek und Alatau einkalkulieren. Mit der Metro brauchen sie nur 12-14 Minuten. Bei einem Fußweg von noch einmal 10 Minuten bis zur nächsten U-Bahnstation ist die Zeitersparnis noch immer groß. Vorausgesetzt, man steigt von Bus und Auto auf das neue unterirdische Transportmittel um. „Die Menschen haben sich hier sehr an das Auto als Verkehrsmittel gewöhnt“, sagt Bodo Lochmann, der an der Deutsch-Kasachischen Universität Umweltmanagement lehrt. Um das Verkehrsaufkommen und damit auch die ungesunden Emissionen in Almaty zu verringern, wären „flankierende Maßnahmen“, wie etwa ein Fahrverbot im Zentrum nötig, sagt Lochmann. So wären die Menschen auf die U-Bahn als Fortbewegungsmittel angewiesen.

In nächster Zukunft aber wird die Metro die Straßen Almatys wahrscheinlich nicht signifikant entlasten. Dafür ist die bisher fast fertiggestellte Linie zu kurz. Zwei weitere U-Bahnprojekte sind geplant. Die Verlängerung der ersten Linie nach Norden bis zum Bahnhof Almaty I und im Süden über Sairan bis in das Wohngebiet Aksai. Sowie eine weitere Linie vom Gorki-Park über die Gogol-Straße bis in das Wohngebiet Orbita (siehe Karte). Ob diese Vorhaben jedoch realisiert werden, ist unklar. „Erstmal wird eine Linie eröffnet, dann entscheidet der Staat, wie es weitergeht“, sagt Zchai. Es wäre aber wichtig, so der Ingenieur, auch die Wohngebiete wie Aksai an das Metronetz anzuschließen. Auch Lochmann geht davon aus, dass die Metro eine sichtbare Verkehrsentlastung erst dann bewirken wird, wenn die Außenbezirke angeschlossen werden. Ansonsten wird die Situation in Almaty bleiben wie sie ist: Rushhour den ganzen Tag.

Umfrage
Werden Sie in Zukunft mit der Metro fahren?

Baurschan Schachslykow, 18 Jahre, Student

«Ich fahre jetzt mit dem Bus, würde in Zukunft aber auch die Metro benutzen. Die Metro muss jetzt endlich fertig werden. Mit ihr wird sich der Verkehr in der Stadt verändern.»

Vera Matwejewa, 50 Jahre, Angestellte
«Ich werde auf keinen Fall die Metro benutzen, da steige ich nicht ein. Ich habe Angst unter der Erde zu fahren, wenn es ein Erdbeben gibt.»

Asilchan Alemschan, 22 Jahre, Bankkaufmann
«Ich stehe jeden Tag drei Stunden im Stau, wenn ich zu verschiedenen Filialen fahre und hoffe, dass sich meine Fahrzeit verringert, wenn die Metro fertig ist. Viele Freunde reden schon darüber, wie es ist, wenn die Metro eröffnet und ob sie sicher sein wird.»

Bodo Lochmann

11/09/09

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