Ich war zuletzt dienstlich in London. Da ich die Stadt von meinen früheren Aufenthalten sehr gut in Erinnerung behalten habe, freute ich mich entsprechend auf die Reise und die landeskundlichen Erlebnisse. Entgegen meiner Gewohnheit habe ich mich diesmal sehr gut auf meine Reise vorbereitet. Das war vielleicht ein Fehler.

Normalerweise setze ich auf den Überraschungseffekt und meine Spontaneität, fahre irgendwo hin, komme erst mal an und schaue, wie es dort so ist und was die Situation von mir fordert, dann reagiere ich entsprechend. Nun aber habe ich alles minuten- und cent-genau erkundet: Wie ich von A nach B komme, welche Zeitfenster mir zur Verfügung stehen, wie ich diese fülle und wieviel Geld ich dafür ausgeben würde. All dies habe ich fein säuberlich notiert und meinen Infozettel griffbereit in die Jackentasche gesteckt. Prima, dachte ich. Endlich mal nicht dieses orientierungslose, anstrengende Gehampel und „Gewurschtel“, diesmal würde ich entspannt und geschmeidig durch die Stadt, die Termine und Erlebnisse gleiten.

So war es dann auch. Fast. Bis auf die Erlebnisse. Die blieben gänzlich aus. Inzwischen wird mir klar: Es gibt da einen kausalen Zusammenhang, und es geht nicht beides. Man kann nicht gleichzeitig entspannt und geschmeidig durch ein Land gleiten UND dazu noch Erlebnisse verlangen. Denn anstatt aufmerksam in die Winkel und Ecken Londons zu blicken und mich den Umwegen, Zufällen und Hilfestellungen der Londoner zu überlassen, habe ich steif und stur auf meine Infoblätter gestarrt. Ich glitt geschmeidig und mit leichtem Gepäck direkt aus dem Flugzeug in den Zug und zu meinem Einsatzort, von dort ohne Irrungen und Wirrungen zum nahe gelegenen Hotel, kaufte mit meinem abgezählten Tagesgeld etwas Vertrautes zu essen, aß ohne weitere Vorkommnisse, sah fern, ohne dass etwas passierte, und glitt in einen traumlosen Schlaf, so dass ich nicht mal darin etwas erlebte.

Das war nicht so langweilig, wie es klingt. Alles, was mir London geboten hat, war schön und interessant. Es war gut. Es hat mir gefallen. Ich wäre gern öfter dort und würde sogar sehr gerne in London leben. Aber auch, wenn man das Abenteuer herausfordert und ohne akribische Vorbereitungen durch die Stadt stolpert, mag einen das Absurde nicht anspringen. London ist geregelt und berechenbar, die Menschen dort sind höflich und achtsam. Und die Stadt ist mir als Kölnerin nicht gar so fremd. Was will ich mehr? Eben!

Ich bin wohl dem Irrtum auferlegen, dass man auf einer Auslandsreise immer was Tolles erlebt und sowieso viel zu erzählen hat, wenn man zurückkommt. Stimmt nämlich gar nicht. Zudem bin ich inzwischen Reiseerfahren genug, um in etwa zu wissen, wie man Stress vermeiden kann, wenn man Stress vermeiden will. Ja, und das wollte ich. Es ist mir gelungen. Und wenn ich unbedingt emotional aus der Reserve gelockt werden und Anekdoten am Lagerfeuer erzählen will, dann muss ich eben woanders hinfahren. Zum Beispiel nach Russland. Dort habe ich zwei Jahre lang jeden Tag mindestens zwölf aufsehenerregende Situationen erlebt, die mir zum großen Teil noch heute, sieben Jahre später, in den Knochen stecken und sich gut am Lagerfeuer erzählen lassen. Das war natürlich aufregend. Aber ich war schon nach kurzer Zeit mit den Nerven fix und fertig. Ich sehnte mich nach einem normalen Tag, an dem mal nichts passiert, was das Adrenalin hochtreibt.

Als Fazit bleibt: Wenn du eine Reise tust, dann kannst du was erleben – oder auch nicht.

Julia Siebert

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