Luther und die Reformation in Osteuropa

Martin-Luther-Statue vor der Frauenkirche in Dresden. | Foto: pixabay

Am 31. Oktober 1517 schlug Luther seine 95 Thesen in Wittenberg an die Tür der Schlosskirche, um gegen den Ablasshandel der Kirche zu demonstrieren. Durch die technischen Neuerungen des Buchdrucks konnten seine Thesen verbreitet werden und lösten einen langsamen, aber stetigen Reformwandel aus. Doch auch danach veröffentlichte Luther Stellungnahmen und Bücher. Zu den umstrittensten Werken gehören die sogenannten „Judenschriften“, die die antisemitische Gesinnung Luthers untermauerten. Obwohld die Wirkung Luthers oftmals auf Länder des Deutschen Römischen Reiches beschränkt wird, hatte die Reformation auch in Osteuropa Einfluss auf die Gesellschaft.

„Für Juden ist Luther eine problematische Persönlichkeit“, sagt Josef Schuster,  Präsident des Zentralrates der Juden. Vor allem spätere Veröffentlichungen zeichneten das Bild eines Antisemiten, dessen ideologische Einstellung sowohl von der katholischen Kirche als auch später vom Nationalsozialismus instrumentalisiert wurde.

Der Einfluss Luthers auf den osteuropäischen Raum

Die Folgen des Jahres 1517 sorgten für eine grundsätzliche Änderung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Oft wird dabei der osteuropäische Raum vergessen. Speziell in Schlesien gab es eine große Offenheit gegenüber den Ideen der Kirchenerneuerung der Intensivierung des Glaubens. In einigen Ausstellungen wird zunehmend dieser Zeitepoche gedacht. Anfang des Jahres widmete sich eine Ausstellung unter dem Namen „Kirchfahrer, Buschprediger, betende Kinder. 500 Jahre evangelisches Leben in Schlesien“ im Schlesischen Museum zu Görlitz diesem Thema ausgiebig.

In den Regionen Böhmen und Mähren gab es reformistische Bestrebungen durch die hussitische Glaubensbewegung. Regionen wie Böhmen strahlten eine große konfessionelle Vielfalt aus. Tatsächlich entstand unter der Krone Polens das erste evangelische Staatswesen. Siebenbürgen (eine Region im heutigen Rumänien) übernahm die Lehren Luthers sehr schnell. Während es in anderen Gebieten Jahrhunderte dauerte, bis sich die Lehren der Reformation durchsetzten, übernahmen in den 1540er Jahren alle Städte und Verwaltungseinheiten der „Sächsischen Nation“ die Lehre Luthers.

Judenschriften und Antisemitismus

Die antisemitischen Ansichten Luthers zeigten sich zunehmend in den 1540er Jahren: „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) war eine ketzerische Schrift, die den Juden die Menschenwürde absprach. Exemplarisch zeigt folgendes Zitat, welche Auffassungen Luther über das jüdische Volk hegte: „Jawohl, sie halten uns in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, dass wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein […] sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.“

Der hier sichtbar werdende Sozialneid manifestierte sich in sieben Schritten, die veranschaulichen sollten, wie gegen die Juden in Europa vorzugehen sei. Man solle: ihre Häuser zerstören und sie wie Zigeuner in Ställen und Scheunen wohnen lassen, ihnen ihre Gebetsbücher und Talmudim wegnehmen, die ohnehin nur Abgötterei lehrten, ihre Synagogen niederbrennen, ihren Rabbinern das Lehren bei Androhung der Todesstrafe verbieten, ihren Händlern das freie Geleit und Wegerecht entziehen, ihnen das „Wuchern“ (Geldgeschäft) verbieten, all ihr Bargeld und ihren Schmuck einziehen und verwahren, den jungen kräftigen Juden Werkzeuge für körperliche Arbeit geben und sie ihr Brot verdienen lassen.

Diese radikalen Ansichten sind bei der heutigen Rezeption Luthers unbedingt zu beachten, denn diese damals formulierten Schritte dienten als Grundlage für die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland.

Fortwährende Kritik an Luther

Martin Luthers Thesen über das Judentum wurden nicht flächendeckend aufgenommen und instrumentalisiert. Nach der protestantischen Reformation (1517-1648) flohen viele Juden nach Osteuropa. Eine Großzahl siedelte sich im heutigen Polen an. 1648 lebten dort schätzungsweise 500.000 Juden. In Polen konnten sich viele Juden ihre Autonomie bewahren und ihren Glauben frei ausüben. England bot den Juden ab 1650 die Einwanderung an, später wurde die Gleichberechtigung im Zuge der Französischen Revolution (1791) gewährt. Dennoch hatte das jüdische Volk in den folgenden Jahrhunderten immer wieder mit Verfolgung und Ausgrenzung zu kämpfen.

Um 1900 grassierte der Antisemitismus wieder vermehrt im europäischen Raum. In den Schriften des Publizisten Theodor Fritsch kann man einen indirekten Bezug auf Luther herauslesen, allerdings dachte er seine Thesen gesellschaftspolitisch weiter: „Unser Ziel muss es sein, alle Parteien mit dem antisemitischen Gedanken zu durchsetzen. […] Sobald wir als politische Partei auf den Plan treten, haben wir nicht mehr allein die Juden zu Gegnern, sondern zugleich alle anderen politischen Parteien.“

In der Summe lässt sich festhalten, dass Martin Luther mit dazu beigetragen hat, den Antisemitismus zu fördern. Er diente den Nationalsozialisten als Grundlage und wurde immer wieder instrumentalisiert. Sich beim Reformationstag am 31. Oktober lediglich auf seine Verdienste bei der Reformation der Kirche zu beschränken, ist falsch. Die Gräueltaten des 20. Jahrhunderts waren durch den Antisemitismus begründet – und sind zutiefst zu verurteilen. Martin Luther war nicht nur Heilsbringer.