Das Rentner-Ehepaar Inge und Jürgen Kostka lebt in der Nähe von Kassel. Ziel ihres Sommerurlaubes ist in diesem Jahr der Baikalsee in Sibirien. Dorthin reisen sie aber nicht etwa per Flugzeug, sondern mit dem Auto. Und das auch nicht auf direktem Weg: Ihre Reiseroute führte sie bisher von Kassel durch Osteuropa über die Türkei und den Iran nach Zentralasien. Ende Juni machten sie einen Zwischenstopp in Almaty.

/Bild: Ulf Seegers. ‚Das Heck des umgebauten Toyota Landcruisers dient Inge und Jürgen Kostka als Schlafplatz, Gepäck- und Ersatzteillager.’/

Gestartet sind Inge und Jürgen Kostka am 1. Mai – dem Tag der Arbeit – und ihre Reise scheint auch eher Arbeit als Erholung zu sein. Mindestens 200 Kilometer am Tag sind ihr Ziel. In Europa kein Problem – auf den zentralasiatischen Pisten kein ganz einfaches Unterfangen. Unterwegs sind sie mit ihrem sieben Jahre alten Toyota-Landcruiser HZJ 78, die umgebaute, zivile Version eines Militärfahrzeuges. Ohne elektrische Fensterheber und elektronische Motorsteuerung. „Der Wagen bietet simple, stabile Technik, nach dem Motto: Wo nichts ist, kann auch nichts kaputtgehen“, erklärt Jürgen Kostka. Sollte der Wagen dennoch stehen bleiben, legt Kostka erst einmal selbst Hand an. Der 67-jährige hat frührer in der Kraftfahrzeugbranche gearbeitet.

Survival-Rentner aus Obervorschütz

Gemeinsam mit seiner Frau Inge hat er schon einige Extrem-Auto-Reisen unternommen. Mit ihrem Toyota Landcruiser eroberten sie die Alpen, Nordafrika und Südamerika. Durch die Tour in den „wilden Osten“ Richtung Baikalsee gelten die beiden in ihrer Heimat im hessischen Obervorschütz jetzt endgültig als die „Survival-Rentner“. Auf die Frage nach der Motivation für die Reisen lässt sich Jürgen Kostka bloß ein „Man kann ja nicht zu Hause rumsitzen“ entlocken. Seine Frau wird da schon konkreter. Ihr Mann sei schon immer schwer an den heimischen Hof zu binden gewesen: „Vom Fahrrad über Motorräder bis hin zu unserem Toyota hat er einige ‚Fluchtfahrzeuge’ in der Garage stehen“.

Der Weg scheint das Ziel zu sein. Navigation ist Jürgen Kostkas große Leidenschaft. Wenn er nicht selbst in der Welt unterwegs ist, bietet er in Hessens Wäldern und Wiesen Gelände-Navigationstrainings für andere Abenteurer an. Für seine Reise zum Baikalsee hat Kostka detailliertes Kartenmaterial organisiert, es digitalisiert und seinen Toyota mit Laptop und Bildschirm zum digitalen Navigations-Leitstand aufgerüstet. Offenbar mit Erfolg. Zum vereinbarten Treffpunkt in Almaty – 5.000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt – kommen die beiden Rentner auf die Minute pünktlich.

Unterwegs besteht eine klare Aufgabenteilung. Jürgen Kostka ist für Technik und Navigation verantwortlich, Ehefrau Inge kümmert sich um die Kommunikation mit den Einheimischen. Die 64-Jährige hat vor der Reise an der Volkshochschule fleißig Russisch gelernt, schließlich liegen weite Teile der Strecke auf postsowjetischem Gebiet. „Aber wir fahren durch 17 fremde Länder, da kann man nicht jede Sprache beherrschen“, sagt die 64-Jährige. Immer wenn ihr die Vokabeln ausgehen, kommt ihr sprechender Übersetzungscomputer zum Einsatz. Mit ihm hat sie in einem türkischen Straßencafé sogar schon Brot bestellt.

„Wir wissen morgens nicht, wo wir abends schlafen werden“

Die größte Herausforderung für die „Survival-Rentner“ ist jeden Abend, einen sicheren Stellplatz für ihr Auto zu finden. „Wir wissen morgens nicht, wo wir abends schlafen werden“, bringt Jürgen Kostka die Tagesaufgabe auf den Punkt. Am liebsten stellen sie ihr Gefährt auf Fernfahrer-Rastplätzen oder noch besser auf eingezäunten Privatgrundstücken mit großem Eisentor ab. Meist schlafen sie im Heck ihres umgebauten Geländewagens. Nur wenn es gar nicht anders geht, nehmen sie auch mal ein Zimmer in einer Pension am Wegesrand.

Beeindruckt ist das Paar immer wieder von der Gastfreundschaft, die ihnen bisher entgegengebracht wurde: „So wie man erkennt, dass wir aus Deutschland kommen, ist die Gastfreundschaft überwältigend“, meint Jürgen Kostka. Deutschland habe in den durchfahrenen Ländern offenbar einen Top-Stellenwert. Einzig Turkmenistan erwies sich als etwas schwierig. Hier bekamen Kostkas nur ein 4-Tage-Visum und mussten daher im Vorfeld auf den Tag genau planen, wann sie das Land durchfahren.

Bisher verlief die Tour ohne nennenswerte Schäden. „Alles im grünen Bereich“, meldet Jürgen Kostka nach Hause. Insgesamt wollen die reisenden Rentner auf ihrer Tour von Hessen zum Baikalsee und zurück 25.000 Kilometer zurücklegen. Knapp die Hälfte der Strecke ist geschafft. Ende August planen die beiden, wieder zu Hause zu sein. Kurz vor der Ende der Reise steht allerdings noch ein kleiner Segeltörn mit Freunden auf der Ostsee an. Navigation auf dem Wasser sei schließlich viel leichter als in Zentralasiens Steppenlandschaft, frohlockt Jürgen Kostka.

Im Internet: www.cross-country-tours.de

Die Reiseroute: Obervorschütz (Deutschland) – Tschechien – Slowakei – Ungarn – Rumänien – Bulgarien – Griechenland – Türkei – Iran – Turkmenistan – Usbekistan – Kirgisistan – Kasachstan – Moskau – Baikal – Estland – Lettland – Litauen – Polen – Obervorschütz (Deutschland)

Von Ulf Seegers

26/06/09

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