Meister der Instrumente

Ibrahim Keivo bei einem Auftritt in Almaty
Ibrahim Keivo bei einem Auftritt in Almaty. | Foto: Mayely Müller

Uralte Musiktraditionen fortführen, ohne sie zu archivieren. Der Instrumentalist und Sänger Ibrahim Keivo trägt viele seiner kulturellen Einflüsse aus dem Nahen Osten weiter.

Unbekannte Instrumente, eine Vielzahl von Sprachen und Dialekten und ein strahlender Virtuose. Ibrahim Keivo beginnt sein Spiel grinsend mit einem seiner drei Lauteninstrumente. Die ersten Töne erklingen, die das Publikum auf eine sinnliche Reise schicken. Der temperamentvolle Musiker benötigt keine Bigband oder Begleitung, um diese Atmosphäre zu erzeugen.

Ein Panorama traditioneller Musik des Nahen Ostens öffnet sich.  Der Künstler singt auf Kurdisch, Syrisch, Armenisch, Assyrisch und Arabisch. Hinzu kommen die verschiedenen Dialekte der Sprachen, wie zum Beispiel der arabische Beduinendialekt. Das Wechselspiel auf den Traditionsinstrumenten Oud, Baglama und Bouzouki vervollständigen das außergewöhnliche Klangbild.

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Melodien nördlich des Euphrats

Aus einem jesidisch-kurdischen Dorf im Nordosten Syriens stammend, ist Keivo mit seinen armenischen Wurzeln in einer multiethnischen und -religiösen Umgebung aufgewachsen. In eben dieser Region sammelt er unter anderem Volkslieder, die der Vergangenheit mesopotamischer und vorderasiatischer Kulturen angehören. In dem Dreiländereck, wo Syrien, Irak und Türkei unmittelbar aufeinandertreffen, birgt sich ein reiches kulturelles Erbe.  So singt Keivo beispielsweise auf Kurdisch ein religiöses jesidisches Lied, das seit mehr als 3000 Jahren von Generation zu Generation überliefert wird. Seine Musik wirkt dabei durch die lebhafte Performance ganz und gar nicht antiquiert.

Als er neun Jahre alt war, entdeckte er mit der Bouzouki seine Liebe zur Musik. Ohne die Hilfe eines Musiklehrers brachte er sich selbst das Spielen auf dem Saiteninstrument bei. Vorbilder waren für ihn Volksmusikanten in seinem Dorf, die ebenfalls jahrhundertealte Traditionsmusik weitertrugen. In seinen jungen Jahren ging er nach Aleppo, um am Konservatorium Musik zu studieren. Die Begegnung mit dem Musikwissenschaftler und Komponisten Nouri Iskandar, der ebenfalls alte Musiktraditionen konserviert, prägte ihn nachhaltig. Neben Oud, Baglama und Bouzouki, professionalisierte sich Keivo weiter und lernte zudem das Spiel auf den traditionellen Langhalslauten wie Tar und Saz  sowie der Kniegeige Kamantsche.

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Talent für die richtigen Töne

Nach seinem Abschluss ging er als Musiklehrer in sein Dorf zurück. Gleichzeitig wurde er als Kenner der syrischen Kultur und Sänger bekannt und begann auf vielen Festivals und musikalischen Veranstaltungen zu spielen. Nicht zuletzt war es für Keivo ein großes Anliegen, in seiner Region traditionelle Lieder zu sammeln. Im Interview verrät er seine Vorgehensweise:

„Ich bin von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf gereist, um alte Sänger zu treffen. Ich bin in Kirchen und Tempel gegangen, um religiöse Lieder zu hören. Außerdem bin ich auf viele Hochzeiten und Feiern gegangen. So habe ich eine Masse an Musik und Gesang in diesen unterschiedlichen Sprachen und Kulturen aufnehmen können.“

Seine Lieder handeln somit beispielsweise vom Schicksal des armenischen Volkes und das damit verbundene Leid, aber auch von Gastfreundschaft, Helden, Liebe und Gemeinschaft. Rituelle Mythen finden in seinem musikalischen Repertoire ebenso Platz wie der Gesang über die innige Beziehung zur Familie. Es scheint, Keivo trage sein kulturelles Wissen und die gesammelten Melodien wie einen Schatz weiter. Neben dem Sammeln alter Lieder und Melodien komponiert der Instrumentalist zudem.

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Musik über Grenzen hinweg

Seit seiner Begegnung mit dem künstlerischen Leiter des Morgenland Festivals Osnabrück, Michael Dreyer, trägt er sein musikalisches Talent und die Freude dabei auf den jährlichen Festivals fort. Dreyer und Keivo reisten so zusammen durch verschiedenste Länder. Die Erfahrung, die sie daraus mitnahmen, war die Gastfreundschaft der Menschen, egal welcher Nationalität sie auch angehörten. So auch in Kasachstan, wo sie im Mai ein Gastspiel hatten. „Die Zeit hier in Almaty ist voll mit musikalischem und lyrischem Arbeiten, die aber auch die Möglichkeit gibt, einen Blick für die kasachische Kultur und die Traditionen dieses wunderschönen Landes und seiner freundlichen Menschen zu bekommen.“, erzählt Keivo abschließend über seine ersten Eindrücke in Kasachstan.

Eröffnung Morgenland Festival Almaty

Multitalent Musiker: Ibrahim Keivo begeistert mit seinem Talent auf verschiedensten Instrumenten wie Oud, Baglama oder Bouzouki. In Almaty eröffnete er das Morgenland Festival. Das Besondere: Keivo singt auf arabisch in verschiedenen Dialekten wie kurdisch, aramäisch, assyrisch und armenisch und trägt ein Stück Kultur weiter.

Gepostet von Deutsche Allgemeine Zeitung am Freitag, 11. Mai 2018