Am 10. Dezember wird dem Ökonomen Mohammed Yunus der Friedensnobelpreis verliehen. Mit seiner „Grameen Bank“ vergibt er seit 20 Jahren Kredite an die ärmsten der Armen, ermöglicht ihnen so das wirtschaftliche Überleben und macht Profit damit. Seine Idee der großen Hilfe durch kleine Kredite macht nun Schule – auch in Kasachstan.

Humanitäre Hilfe und Profit, das scheint auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammenzugehören. Die Erfolgsgeschichte des Bankiers und frischgebackenen Friedensnobelpreisträgers Mohammed Yunus aus Bangladesch beweist das Gegenteil.
Das Konzept ist einfach. Bereits seit 1976 vergibt Yunus mit seiner „Grameen Bank“ in Dhaka Kleinstkredite an die Ärmsten der Armen. Die Kreditnehmer, die mangels Sicherheiten sonst keinen Kredit bekommen würden, erhalten so die Gelegenheit aus dem Teufelskreis von  Armut, geringem Sparvermögen und Kreditunwürdigkeit auszubrechen.

Die „Grameen Bank“ setzt auf den Geschäftssinn des kleinen Mannes, auf das Ethos der Straße. Statt auf formale Kreditsicherheiten verlässt sich das Konzept von Yunus auf das soziale Gefüge in der Kleingruppe. Ein Kreditnehmer muss sich mit Partnern zusammentun, man kontrolliert sich gegenseitig. Wird der erste Kredit zurückgezahlt, erwirbt man einen Anspruch auf eine höhere Kreditsumme. Und es rechnet sich: der Tenge rollt bei der „Grameen Bank“. Mittlerweile bedient das Kreditinstitut – bei einer Rückzahlungsquote von 99 Prozent – 6,6 Millionen Kunden und hat ein Kreditvolumen von über vier Milliarden US-Dollar vorzuweisen.

Exportschlager aus Bangladesch

Inzwischen wird die Idee der Kleinstkredite à la Yunus in über 100 Ländern praktiziert. Supranationale Entwicklungsinstitutionen wie die Weltbank oder die „Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung“ (EBRD), aber auch nationale Träger wie die deutsche „Kreditanstalt für Wiederaufbau und Entwicklung“ (KfW) oder die österreichische „Entwicklungszusammenarbeit“ (EZA) nutzen die Idee. Die Kleinstkredite fördern Stabilität, Demokratie und Menschenrechte, so das norwegische Nobel-Komitee anlässlich der Preisverleihung. Sie tragen zu einer „sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung von unten“ bei, bekämpfen die Armut und dienen somit der Sicherung und Erhaltung des Friedens. Mikrokredite fließen gerade nicht in die Taschen der Eliten aus Wirtschaft und Politik, sondern kommen dort an, wo es am nötigsten ist: bei der bedürftigen Bevölkerung der Entwicklungsländer.

Weizen als Kreditsicherheit

Auch in Kasachstan leistet die Kleinstkreditvergabe einen wichtigen Beitrag zum wirtschaftlichen Fortschritt. Die EBRD etwa ermöglicht mit ihren Mikrokrediten im Rahmen des sogenannten „Getreide-Lager-Programms“ vielen Kleinbauern auf dem Land das wirtschaftliche Überleben. Die Bauern können ihre landwirtschaftlichen Güter in einem überwachten Lagerhaus einlagern und als Sicherheit für einen Kleinstkredit nutzen. Bei den großen Geschäftsbanken wäre derlei undenkbar, sie würden sich wohl kaum Weizensäcke als Kreditsicherheit in den Tresor legen.

In Zentralasien profitiert Kasachstan derzeit am stärksten von dieser innovativen  Entwicklungszusammenarbeit der EBRD. Über 80 Prozent der in den vergangenen zehn Jahren in der Region vergebenen Mittel sind nach Kasachstan geflossen – obwohl hier nur etwa 25 Prozent der Gesamtbevölkerung Zentralasiens leben.

Finanzzentrum Kasachstan

Eine derartige Nachfrage nach Kleinstkrediten ließ schließlich auch die großen Geschäftsbanken Kasachstans hellhörig werden. Mittlerweile nehmen beinahe alle kasachischen Großbanken am „Programm für Kleinstgeschäfte“ teil, dass von der EBRD mit technischer Unterstützung und einer Startfinanzierung von 275 Millionen US-Dollar vor acht Jahren initiiert wurde. Derzeit stehen im Rahmen dieses Programms etwa 50.000 Kredite mit einem Ausleihvolumen von 402 Millionen US-Dollar aus. In den vergangenen acht Jahren wurden 168.000 Kleinstkredite im Wert von über einer Milliarde Dollar vergeben und damit 300.000 Arbeitsplätze geschaffen oder gesichert. In einem Land wie Kasachstan ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung der Armut; immerhin kann nicht jeder eine eigene Ölquelle besitzen.

Von Gunter Deuber

01/12/06

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