Alle Maßnahmen der Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen Kasachstans (AGVDK) „Wiedergeburt“, die auf die Unterstützung der deutschen Minderheit zielen, lassen sich auf die Realisierung verschiedener Projekte in den Gebieten Kultur, Bildung sowie Sozial- und Jugendarbeit zurückführen. Seminare begleiteten diese Programme. Wie kann die Projektarbeit der „Wiedergeburt“ den Anforderungen der heutigen Zeit angepasst werden? Ein Kommentar von Alexander Dederer, Vorsitzender der AGVDK „Wiedergeburt“.

/Bild: privat. ‚Alexander Dederer, Vorsitzender der AGVDK „Wiedergeburt“. ‚/

Die enorme Zahl der Seminare, die von uns durchgeführt worden sind, hat bei vielen Teilnehmern zu der Vorstellung geführt, dass wir uns ausschließlich mit der Bildung und Ausbildung beschäftigen. Das wollen wir ändern. Die Projekte der deutschen Minderheit müssen den Anforderungen der heutigen Zeit angepasst werden. Unter Projekten verstehe ich die Maßnahmen und Programme, die die deutsche Regierung in den letzten 16 Jahren zur Unterstützung der deutschen Minderheit in Kasachstan gefördert hat beziehungsweise fördert. Sie müssen in Bezug auf die heutigen Bedingungen überarbeitet werden.

Die Frage, auf welche Weise wir die Weiterentwicklung der Projektarbeit verwirklichen können, steht für uns im Mittelpunkt. Unsere Struktur der Selbstorganisation befindet sich im Konkurrenzkampf mit anderen Strukturen. Der Konkurrenzkampf sieht die obligatorische Entwicklung und das feinfühlige Reagieren auf die sich ändernden Bedingungen des öffentlichen Lebens vor. In diesem Zusammenhang sind wir zu dem Schluss gekommen, das wir die gesamte Struktur der gesellschaftlichen Selbstorganisation der Deutschen unter dem Prinzip der kollektiven Vernunft behandeln müssen. Diese Voraussetzung ist extrem wichtig für die Modernisierung und die Reform der gesamten Tätigkeit zur Unterstützung der deutschen Minderheit.

Gemeinsame Verantwortung

Auf welche Weise können wir diese Modernisierung durchführen? Als gesellschaftliche Vereinigung der deutschen Minderheit in Kasachstan sind wir für die Generierung neuer Ideen verantwortlich und können uns gut vorstellen, in welche Richtung der Weg führen kann. Aber diese Vorstellung erfordert eine sorgfältige Überprüfung: Man muss alle unsere Forderungen, Konzeptionen und Strategien auf ihre Durchführbarkeit überprüfen.

Leider ist es im Laufe der Zeit zu der Situation gekommen, dass sich viele Mitarbeiter in Funktionäre verwandelt haben. Es werden Projekte realisiert, in dessen Rahmen die Verantwortlichen ständig zu verschiedenen Seminaren eingeladen werden. Ein bestimmtes Verhalten hat sich herauskristallisiert: das Schreiben eines Projektes, seine Erfüllung, ein glänzender Abschlussbericht, der die Förderer befriedigen soll. Aber durch diesen Prozesses fällt das Hauptziel unserer gesellschaftlichen Vereinigung unter den Tisch, nämlich die Verbindung der gesamten deutschen Minderheit in Kasachstan und ihre Teilnahme am gesellschaftlichen Leben der Minderheit, sowie die Realisierung unseres Hauptprinzips – der gemeinsamen Verantwortung als wichtigste Voraussetzung für das Bestehen der deutschen Minderheit. Nicht die finanzielle Unterstützung seitens der deutschen Regierung bildet die Grundlage der Existenz der deutschen Minderheit in Kasachstan, sondern ihre gemeinsame Verantwortung.

Was steht hinter dem Prinzip der gemeinsamen Verantwortung? In erster Linie die konkrete Teilnahme der gesamten deutschen Minderheit am gesellschaftlichen Leben der Assoziation. Zum Beispiel, wenn die Assoziation Eigentum für ihre gesellschaftlichen Zwecke erwerben, die Ausbildung der Kinder fördern, Ausflugsfahrten organisieren, schöpferische Zirkel schaffen sollte etc., dann sollten diese Projekte die Menschen organisieren, welche Teil der Assoziation sind. Die Minderheit soll selbst ihre Aufgaben und Interessen bestimmen. Nur unter dieser Bedingung kommen wir vorwärts.

Zukunftsperspektiven der deutschen Minderheit

Derzeit existiert eine Reihe von Problemen, deshalb sprechen wir von der Notwendigkeit der Modernisierung der Projektarbeit. Wir haben unsere Programme, Strategien und Konzepte und möchten diese mit den Teilnehmern diskutieren. Wenn sich ein Mensch nur mit der sozialen Arbeit beschäftigt, muss ihm unbedingt die Möglichkeit gegeben werden, sich nicht nur bezüglich seiner Pflichten auszusprechen, sondern sich auch einer breiten Palette von Fragen zu widmen. Alles gipfelt letztendlich darin, ob die deutsche Minderheit eine
Perspektive hat, sich als konsolidierte und auf gegenseitigem Interesse begründete Gruppe zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Mitte Mai werden sich etwa 100 Menschen in Almaty zu einem Austausch über die Zukunftsperspektiven der deutschen Minderheit versammeln. An dieser Veranstaltung werden auch unsere Landsleute aus Kirgisistan teilnehmen, die zurzeit eine gewaltige wirtschaftliche und politische Erschütterung durchleben. Ihre Meinungen und Erfahrungen sind für uns sehr wichtig. Vertreter der deutschen Minderheit aus allen Regionen Kirgisistans werden an der Erörterung der Existenzprobleme einer konsolidierten Gruppe der deutschen Minderheit teilnehmen.

Kritische Analyse und Bestandsaufnahme

Wir erwarten eine kritische Analyse und Bestandsaufnahme der heutigen Sachlage, dank der wir bestimmen können, ob wir eine Modernisierung überhaupt in Angriff nehmen sollten. Verfügt die deutsche Minderheit über eine Basis für gewisse Veränderungen in Richtung einer höheren gemeinsamen Verantwortung? Hat unsere gesellschaftliche Vereinigung ein gemeinsames Fundament oder sind wir Generale ohne Armee? Auf diese Fragen suchen wir eine Antwort. Das Ergebnis dieser kritischen Analyse soll die Zukunft unserer Handlungen bestimmen.

Das zu erarbeitende Programm soll jedoch nicht nur die vorhandenen Probleme widerspiegeln, sondern auch ein Instrumentarium für ihre Lösung darstellen. Es soll uns verbinden und mit den Maßnahmen zur Unterstützung der deutschen Minderheit seitens der deutschen Regierung, den Interessen der regionalen „Wiedergeburts“-Gesellschaften und mit der Zusammenarbeit der „Wiedergeburten“ mit den Staatsorganen der Republik Kasachstans im Einklang stehen.

Zukünftige Veränderungen vorwegnehmen

Dem Erfolg unserer Zukunftsstrategien, die wir entwickeln werden, liegt die Erwartung zu Grunde, dass eine große Anzahl von ethnischen Deutschen an der gesellschaftlichen Selbstorganisation der deutschen Minderheit teilnehmen wird. Möglichweise ist das nur eine Utopie. In diesem Zusammenhang sind fortwährende Korrekturen notwendig. Wir wollen uns nicht selbst betrügen, sondern uns an das Prinzip der kollektiven Vernunft halten. Ich bin mir sicher, einige unserer Mitglieder werden die Meinung vertreten, dass besser nichts geändert und das Erreichte bewahrt werden sollte. Alle Mittel sollten in die Projektarbeit gehen, bei der sich ein bestimmtes Modell zwischen Gefördertem und Förderer gebildet hat. Aber diese Trägheit wird unsere Vereinigung zum Scheitern führen, vor allem wenn sich die Unterstützung seitens der deutschen Regierung ändern wird. Wir sollten daher die zukünftigen Veränderungen vorwegnehmen, um das materielle und menschliche Potential unserer nationalen Bewegung zu bewahren.

Protokoll: Olesja Klimenko, sinngemäße Übersetzung: Christine Karmann.

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