Iwan Preis und Olga Schmidt sind Russlanddeutsche. Ihre Stammbäume sind so lang wie zwei Schreibtische. Die Geschichte ihrer Vorfahren ist für sie in vielerlei Hinsicht noch immer ein Rätsel. Es trennen die beiden 42 Jahre. Dennoch gibt es etwas Entscheidendes, was sie vereint: Sie sind stolz auf ihre Herkunft. Wie ist es, in Russland zu leben, wenn man deutsche Wurzeln hat?

 

Manchmal will Iwan Preis alles vergessen. Zum Beispiel den Geschichtsunterricht in der Schule. Damals, in den 1950er Jahren, waren die Erinnerungen an den Krieg noch mehr als wach. Der Lehrer redete über den Faschismus, die Kinder drehten sich dabei um und guckten zu Iwan. „Ich war immer Iwan, der Faschist. Weil ich deutsche Wurzeln hatte.“ Seine Eltern, Peter und Olga, wollten ihren Sohn zunächst Heinrich nennen. Dann aber haben sie schnell auf diese Idee verzichtet. „Sie glaubten, ein russischer Vorname würde mich vor Problemen bewahren, auch trotz meines deutschen Familiennamens“.

Fotoalbum mit dem Titel „Familie Preis“

Iwan Preis ist Bürger der Russischen Föderation deutscher Herkunft. Heute ist er 61. Durch sein Engagement in der „Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen“ an der Petri-Kirche in St. Petersburg pflegt er die Verbindung zu seinen Wurzeln. Hier erstellt Iwan Stammbäume für Russlanddeutsche, veranstaltet Treffen für Namensvetter und leitet eine Theatergruppe.
Iwan sitzt in einem Musikraum der Stiftung. Dieser Raum wurde vor zwanzig Jahren in der Sankt-Petri-Kirche auf dem Newski-Prospekt in St. Petersburg eröffnet. Zu Sowjetzeiten wurde die Kirche in ein Schwimmbad umfunktioniert. Heute dient der Raum mit den Fliesenwänden als Ausstellungsort für Kinderzeichnungen und moderne Kunst. Im Begegnungszentrum der Petri-Kirche kann man Deutsch lernen und an deutsch-russischen Kulturveranstaltungen teilnehmen. „Unsere Stiftung ist ein Zuhause für ganze Generationen: Leute kommen hierher mit ihren Eltern, Kindern und Geschwistern“, betont Arina Nemkowa, die Stiftungsleiterin.
Der studierte Schauspieler Iwan Preis wirkt hier seit vielen Jahren als Regisseur bei Theater-Aufführungen mit. Seine Lieblingshandlung ist eine Liebesgeschichte zwischen einem Jungen und einem Mädchen, die beide verschiedene Sprachen sprechen. Trotzdem können sie sich emotional verstehen. „Wichtig ist nicht die Sprache, sondern die Toleranzbereitschaft“, sagt Preis nachdenklich. Iwans Eltern sprachen zu Hause immer Deutsch. Kurz vor seiner Einschulung begannen seine Eltern plötzlich ausschließlich Russisch zu sprechen. Ihr Kind sollte sich integrieren und seine Muttersprache bestenfalls vergessen. Teilweise hat das geklappt. Dennoch: Hört Iwan einen kaum bemerkbaren deutschen Akzent im Russischen bei seinen Kollegen in der Stiftung, erfüllt ihn Sehnsucht, und er erinnert sich an seine Eltern.

„Geschichte aller Deutschen in diesem Land“

Seine Ahnengeschichte ist eine unter den tausenden Geschichten Russlanddeutscher, die ab dem 18. Jahrhundert nach Russland kamen. Die russische Geschichte von Iwans Familie begann 1767. Damals siedelten Verwandte mütterlicherseits nach Bessarabien und später in das heutige Gebiet Krasnodar um. Ihnen und ihren nachfolgenden Generationen gefiel ihr Leben in Russland. Die Situation änderte sich für Iwans Familie und viele andere Russlanddeutsche Jahrhunderte später, ab 1941. Der Zweite Weltkrieg brachte Jahre des Hungers und zahlreiche Umsiedlungen mit sich.
1947 lernten sich Iwans Eltern in Workuta kennen. Obwohl der Krieg nun zu Ende war, hatten die beiden Deutschstämmigen noch immer große Angst. Denn die Einstellung gegenüber den Deutschen war nach den Kriegserfahrungen sehr negativ geprägt.
Über die deutsch-russische Stiftung in der Petersburger Petri-Kirche redet Iwan, als wäre sie sein Elternhaus. Die Katakomben der Kirche kennt er wie seine Westentasche. Diese befinden sich unter dem ehemaligen Schwimmbad. „Der Altarbereich war früher ein Sprungturm“, erklärt Iwan. Das Schwimmbecken blieb teilweise unter dem Boden der Kirche erhalten. Iwan zeigt Fresken des deutschen Malers Adam Schmidt neben Resten sowjetischer Fliesen. Die Fresken zeigen das schwere Schicksal der Russlanddeutschen. Als Iwan die auf den Bildern dargestellten Ereignisse erklärt, zuckt ab und zu seine Augenbraue mit einer Narbe. Diese Fresken wecken viele Erinnerungen in ihm: „Wissen Sie, das ist doch nicht nur meine Geschichte und nicht nur die Geschichte von Adam Schmidt. Das ist die Geschichte aller Deutschen in diesem Land… Leider.“

„Ich bin immer noch irgendwo zwischen Deutschland und Russland“

Olga Schmidt ist 19 Jahre alt und wurde in St. Petersburg geboren. „In Russland bin ich Deutsche und in Deutschland Russin“, erklärt das hellblonde Mädchen mit der peniblen Frisur. Jedes Mal kommt Olga zehn Minuten früher als ihre russischen Freunde ins Café, um zu beweisen, dass sie eine echte Deutsche ist. „Ich wurde so erzogen. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind sehr wichtig in unserer Familie.“ Sie glaubt, dass diese Charakterzüge typisch deutsch sind und dass sie betonen, dass sie eine Russlanddeutsche aus St. Petersburg ist.
Die deutsche Sprache spielte zunächst keine besondere Rolle in der Familie Schmidt. Olgas Eltern wurden in Russland geboren. „Ehrlich gesagt, sprachen wir zu Hause nie Deutsch. Ich weiß gar nicht, warum“, erklärt das Mädchen. Darum lernt Olga Deutsch jetzt mit vollem Eifer und Enthusiasmus.
Die 19-jähruge studiert Computer-Linguistik. Trotzdem findet sie nach den Vorlesungen manchmal Zeit, die deutsch-russische Stiftung in der Petri-Kirche zu besuchen. Auf einer Bank am Eingang des Gebetsraumes sitzt sie nun, mit einem bordeauxrotem Schal um den Hals, und tippt mit ihren Füßen beim Reden immer und immer wieder auf den steinigen Boden. Sie erzählt von ihrem Großvater. Dieser zog in den 1930er Jahren nach St. Petersburg. „Seine Angst vor dem Krieg hatte ihn zur Migration gezwungen.“ Wenn Olga über ihre Vorfahren spricht, ist sie unsicher: Weder kennt sie Daten noch die tatsächlichen Migrationsursachen oder den richtigen Geburtsort ihrer Verwandten. Allerdings ist für Olga historische Genauigkeit nicht ganz so wichtig; Viel wichtiger ist für sie, eine allgemeine Vorstellung zu haben.
Olga organisiert deutsch-russische Ausstellungen in der Petri-Kirche, Stadtführungen für deutsche Touristen – sie wirkt aktiv in der Stiftung mit. Und wenn sie ihre Bekannten in Stuttgart und München besucht, erzählt sie mit Begeisterung von russischen Traditionen. „Ich bin irgendwo zwischen Deutschland und Russland. Ich empfinde das aber auf keinen Fall als einen Nachteil. Das ist meine Besonderheit, und das ist cool!“
Momentan weiß Olga noch nicht, wo sie in Zukunft leben wird. Zunächst will sie ihr Studium absolvieren. „Niemand weiß, wohin ihn das Schicksal bringt“, sagt das Mädchen. Nur eines weiß es: „Ich werde glücklich leben, sowohl in Russland als auch in Deutschland. Das sind Länder, die mich so gemacht haben, wie ich bin.“

Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Portals To4ka-Treff. Der Artikel erschien zuerst unter http://www.goethe.de/ins/ru/lp/prj/drj/top/min/de10401316.htm Übersetzung: Kamil Isyanov

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