Ein bisschen fremd ist manchmal befremdlicher als ganz fremd. Das ganz Fremde ist spannend. In einem Land, in dem man eh nicht versteht, wo es lang geht, ist beinahe alles aufregend.

Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man nicht verzweifeln will. Man weiß nicht, was als Nächstes passiert, wie was zu tun oder zu lassen ist, wie man grüßt, den Bus besteigt, eine Fahrkarte zieht und entwertet. Es gibt neue Gerichte und Geschmäcker, andere Münzen und Scheine. Es ist schön, neue Wörter zu lernen und wenn man sich nicht wirklich versteht, dafür aber mit Händen und Füßen kommuniziert, sind dies die kleinen Erfolgserlebnisse, die den Aufenthalt in der Fremde schön und interessant machen. Dass im Ausland alles nicht so klappt wie daheim, macht das Ausland zum Ausland, und im Nachhinein sind es sowieso am liebsten die Missgeschicke und Unpässlichkeiten, die man in epischer Breite den Verwandten, Freunden und Kollegen berichtet. Dann lacht man darüber, wie man mit dem Wagen mitten in der Pampa liegen geblieben ist, wie man übers Ohr gehauen und vom Bären gejagt wurde. So lange man überlebt, hat man allen Grund, glücklich zu sein. In jedem Falle bleibt es ein Erlebnis, das mit all seinen schönen und schrecklichen Seiten lehrreich und aufregend war und wovon wir noch unseren Enkelkindern berichten werden. Das alles gilt aber nur, wenn die Fremde tatsächlich fremd ist und so lange das Ausland Ausland ist. Wenn es nur ein klein wenig fremd zugeht, fühlt man sich auf den ersten Blick vertraut, um dann im entscheidenden Moment, wenn es um die Details geht, und der Teufel steckt ja bekanntlich im Detail, auch im Ausland, festzustellen, dass man sich doch nicht auskennt.

So ging es mir jüngst in Österreich. Österreich zählt „gefühlt“ nicht zum Ausland, da man dort fast Deutsch spricht und vieles sehr ähnlich ist. Vor lauter EU und Euro merkt man auch gar nicht mehr, dass man eine Grenze überschreitet, plötzlich ist man in Österreich. Es ist zwar vieles ähnlich aber doch nicht gleich genug, als dass man mit sicherem Griff auf Anhieb richtig zupacken könnte.

In der Speisekarte findet man zwar recht schnell die Rubriken und weiß, ob man sich zwischen den Heiß- oder Kaltgetränken, den Vor- oder Hauptspeisen bewegt, aber wenn es ums konkrete Gericht geht, kommt man ohne fremde Hilfe nicht aus. Was ich las, sagte mir nichts; was ich suchte, fand ich nicht. Manches heißt dort nur anders, anderes ist anders oder man isst es anders. Zum Beispiel, dass man Siedewürstchen in Gulaschsauce isst, zählt zu den halbgaren Erfahrungen. Denn alles kenne ich, aber lieber äße ich Würstchen mit Kartoffelsalat oder Gulasch mit Klößen oder Klöße mit Sauce. Aber um nicht zu mäkeln, denn als Gast im Ausland nimmt man es oder besser – isst man es, wie man es kriegt. Ich habe mich darauf eingelassen. Etwas befremdlich schon diese Geschmackszusammensetzung, aber am Ende doch ganz lecker. Komisch eigentlich, dass wir in Deutschland noch nicht darauf gekommen sind, wo wir uns doch so ähnlich sind, die Österreicher und wir. Oder doch nicht?

Julia Siebert

05/10/07

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