Optimistische Darstellungsformen und der einfache Arbeiter stehen im Mittelpunkt: Der sozialistische Realismus war einer der prägendsten Stilrichtungen in Kunst und Architektur der DDR.

 

Geht man mit offenen Augen durch Berlin und die ehemalige DDR, lassen sich in vielen Ecken architektonische und künstlerische Merkmale des sozialistischen Realismus wiederfinden. Auch wenn aus heutiger Perspektive der Stil und die Motive geradezu plakativ erscheinen, waren sie damals ein wichtiges Mittel der politischen Propaganda.
Am Alexanderplatz in Berlin ist eines der bedeutendsten Werke des sozialistischen Realismus nicht zu übersehen: Das Mosaik „Unser Leben“, angebracht am Haus des Lehrers, gilt flächenmäßig als das größte Kunstwerk Europas. Zusammengesetzt aus 800.000 Einzelsteinen, erstreckt es sich über zwei Geschosse. Walter Womacka realisierte das mit sieben Meter hohe und 125 Meter lange Wandbild zwischen 1962 und 1964 in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern.
Womacka entwickelte in kräftigen Farben und flächigen Formen ein Bild aus figürlichen Szenen und symbolhaften Motiven. Die Nordseite widmet sich dem Thema Wissenschaft und Technik, die Südseite zeigt den Alltag von DDR-Arbeitern, die Ostseite repräsentiert die Völkerfreundschaft zwischen verschiedenen Nationen und die Westseite das vermeintlich alltägliche Leben in der DDR. Der Künstler schuf das Idealbild eines friedvollen, modernen sozialistischen Staates. Es entstand das Panorama einer jungen und in Harmonie lebenden Gesellschaft, die zuversichtlich in die Zukunft schaut. „Unser Leben“ repräsentiert die Grundsätze des sozialistischen Realismus: Die Kunst unterlag der Politik und sollte Optimismus in der Bevölkerung verbreiten.
Die weite Verbreitung dieser Stilrichtung ging von der Sowjetunion aus und beeinflusste osteuropäische Länder. 1932 wurde der sozialistische Realismus vom Zentralkomitee der KPdSU als Richtlinie für die Produktion von Literatur, bildender Kunst und Musik in der UdSSR beschlossen. In der DDR spielte der sozialistische Realismus seit der Staatsgründung 1949 eine entscheidende Rolle.
Als wichtiges Gestaltungsmerkmal sollte sich der sozialistische Realismus von Fotografie und Naturalismus absetzen: Als „realistisch“ galt, die vorwärtstreibenden Kräfte der Gesellschaft überzeugend zu gestalten. Also nicht die Gegenwart, wie sie ist, abzubilden, sondern wie sie sein sollte. Die Bilder sollten positiv sein, von Revolution und Veränderung sprechen. Das wichtigste Thema war der sozialistische Alltag und seine Helden: Beispielsweise ein voller Vorfreude nach vorn blickender Arbeiter oder ein Bauer auf seinem Traktor.
Walter Ulbricht, Leiter des Zentralkomitees der SED und einer der wichtigsten Politiker der DDR, sagte 1951 über den sozialistischen Realismus „Was könnte es Schöneres geben, als das Positive zu malen und die Helden unseres Volkes so realistisch darzustellen, dass sie jeder Jugendliche als sein Vorbild betrachtete.“
Die Stalinalle im Stadtteil Friedrichshain in Berlin wurde 1961 in die Karl-Marx-Allee unbenannt und zeugt noch heute vom eindrucksvollen Baustil des sozialistischen Realismus. In den 50er Jahren errichtet, galt die Allee als Prestigeprojekt des Wohnungsbaus in der DDR.
Die repräsentativen Bauten der ehemaligen Stalinallee setzen sich aus insgesamt fünf gewaltigen Wohnblöcken zusammen und erstrecken sich über zwei Kilometer Richtung Alexanderplatz. Zu Zeiten des Kommunismus waren sie als „Arbeiterpaläste“ konzipiert, heute sind sie Deutschlands größtes Baudenkmal und ein eindrucksvolles Relikt des sozialistischen Realismus. Nach Vorbild der in Moskau und Warschau entstanden diese Monumentalbauten: Sie weisen angedeutete ionische Säulen, Friese und andere Ornamentik auf.
Der Erbau der Stalinallee war auch ein wiederkehrendes Motiv in der DDR-Kunst. Einer der wichtigsten Arbeiten der Kunstrichtung ist eine Reihe von Porträts von DDR-Arbeitern. Otto Nagels „Junger Maurer vor Stalinallee“ zeigt einen Arbeiter, der an dem Ausbau der Stalinallee beteiligt ist. Mit leuchtenden Augen repräsentiert er die volle Zufriedenheit, mit der er die Ideale der DDR verwirklicht. Die Reihe der Porträts haben gemeinsam, dass normale Arbeiter in einer herrschaftlichen Pose, wie es früher bei Königsbildern üblich war, dargestellt werden – damit scheinen sie auf den Betrachter hinabzublicken. Dies sollte vom Aufstieg der Arbeiterklasse zeugen – einer der Grunddoktrinen der DDR.

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